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Nach launiger Hauptverhandlung scheitert in der Herkuleskeule die Klage gegen die Wiedervereinigung

Nach launiger Hauptverhandlung scheitert in der Herkuleskeule die Klage gegen die Wiedervereinigung

Manch weihevolle Rede steht in diesem Herbst zu erwarten, aber gewiss wird auch jeder dem seit 25 Jahren vereinigte Deutschland seine persönliche Gewinn- und Verlustrechnung stellen.

Warum dann nicht die komplette Wiedervereinigung vor ein außerordentliches Gericht zerren und ihr den öffentlichen Schauprozess machen? Also sprachen Direktor Frank Richter und seine Landeszentrale für politische Bildung, als sie nach einem Thema für den diesjährigen Aprilscherz "Wir reden uns um Kopf und Kragen" suchten. Seit 2011 begegnen sich stets am 1. April Politiker, Künstler, Kabarettisten oder Journalisten weniger verbissen als sonst in der Herkuleskeule und üben sich zum Gaudi des Publikums in Rhetorik und Schlagfertigkeit.

Nun also wurde die deutsche Wiedervereinigung verhandelt. Leider offenbar nur auf Amtsgerichtsebene, denn an Stelle der erwarteten Kammer thronte einsam der pensionierte Notar Edgar Nahrath als Vorsitzender in der Mitte der Bühne, unterstützt lediglich von einem Gerichtsdiener, der in verwirrender Weise den Namen Frank Richter trug. Aus der Verlegenheit der Urteilsfindung sollte schließlich das gesamte Saalpublikum helfen, das man kurzerhand zu Schöffen beförderte. Diese fragwürdige Einführung plebiszitärer Elemente in die dritte Gewalt offenbarte ein sehr mangelhaftes Verständnis für Gewaltenteilung ausgerechnet bei den Vermittlern politischer Bildung.

Was Heiko Sill als Ankläger gegen die Wiedervereinigung vorzubringen hatte, schien zunächst unwiderlegbar. Von der KONSUM-Gesellschaft zur Konsumgesellschaft sei es nur rückwärts gegangen mit diesem Machwerk des militärisch-industriellen Komplexes der USA. Der Berliner Psychologe und Mitarbeiter beim Feindsender rbb sprach im Namen der gesamten Menschheit, jedenfalls ihrer anständigen Hälfte, insbesondere aber im Namen zahlreicher Nebenkläger. Darunter beispielsweise Salonkommunisten, aber auch Grüne, denen das Großexperiment des sozialistischen Menschengeheges nebenan genommen wurde. Die Anklage machte sich auch zum Anwalt aller männlichen Opfer, die entmannt und auf jene familiäre Generalzuständigkeitsrolle getrimmt wurden, die man einst den Ostfrauen nachsagte: Broterwerb, Karriere, Kinder, Küche, Kultur.

Kaum ein besserer Verteidiger der "süßen, wonnigen" Wiedervereinigung hätte sich finden lassen als Politikwissenschaftler Prof. Werner Patzelt von der TU Dresden. Er nahm die Ossis in Schutz, die dem Westen die Wiedervereinigung aufgezwungen hatten und dann dieses Neuland mit Anführern wie Merkel, Gauck, Thierse, Wagenknecht oder Illner auch noch freundlich übernahmen. Die den Westen - den Süden, aus dem Patzelt stammt, wohl ausgenommen - in die Zweitklassigkeit stießen, die aus der CDU "die beste SPD aller Zeiten" machten. Und wenn es an den aktuellen Verhältnissen etwas auszusetzen gäbe, dann sei daran nicht Ostalgie, sondern "die Mischung aus Kapitalismus und bürgerlich-journalistischer Elitenherrschaft" schuld.

Sechs falsche und richtige Zeugen traten auf, die vor allem bestritten, auf den Gehaltslisten von Anklage oder Verteidigung zu stehen. Manche waren um Ausgleich bemüht wie der ehemalige Minister und Ausländerbeauftragte Martin Gillo und sogar der langjährige Vorsitzende der Königlich-Sächsischen Opposition Peter Porsch. Katja Wildermuth, Chefin der MDR-Geschichtsredaktion, war bemüht zu erklären, warum man der wunden Ossi-Seele all die Zonenstories vom Roten Ochsen bis zum Gelben Elend nochmals erklären müsse, die wir selber eigentlich viel besser wissen. Uwe Steimle schließlich zog alle Register, geriet vor feixendem Publikum in einen Disput auf Russisch mit der Anklage. "Sie lachen jetzt, aber das wird uns das Überleben sichern, wenn der Russe kommt", prophezeite er.

Die Anklage plädierte schließlich, die Wiedervereinigung zum tödlichen Sturz aus großer Höhe zu verurteilen, die Sachsen insbesondere zur feindlichen Übernahme durch sorbische Warlords. Patzelt verlangte selbstverständlich Freispruch, denn man könne die irrige Annahme, dass sie glatt ginge, nicht der Wiedervereinigung an sich anlasten. Jens Baermann am Klavier half mit Zitaten aus dem Liederbuch der Thälmann-Pioniere der Urteilsfindung nach, die dann erwartungsgemäß ausfiel: Freispruch und Übernahme der Gerichtskosten für Speisen und Getränke durch den Kläger. "Am besten laufen lassen, wie es läuft", antwortete Frank Richter auf die Frage nach Konsequenzen für die politische Bildung. Rational sei offenbar keine Urteilsfindung möglich, die Psychotherapeuten seien jetzt am Zug. Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.04.2015

Michael Bartsch

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