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Nach Dumas-Motiven: Uraufführung "Werwolf" am Theater Junge Generation in Dresden

Nach Dumas-Motiven: Uraufführung "Werwolf" am Theater Junge Generation in Dresden

Selbst eingefleischte Fans von Alexandre Dumas dem Älteren würden vergebens in ihrem Gedächtnis nach einer Novelle namens "Werwolf" suchen. Zu sehr war man in seiner frühen Jugend damit beschäftigt, mit Dumas' Schlachtruf "Alle für einen, einer für alle" aus dem Roman "Die drei Musketiere" im Kampf gegen die Nachbarkinder ausgeschlagene Vorderzähne und blaue Flecken zu riskieren.

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Thibaut (Gregor Wolf), umringt von zwei Adligen (Charles Ndong (l.) und Nahuel Häfliger).

Quelle: Klaus Gigga

Da war höchstens noch Platz für den edlen Rachefeldzug des Grafen von Monte Christo. Dabei hat der ältere Dumas geschrieben wie am Fließband, sogar eine Enzyklopädie der Küche. Und angenommen, man ist jemand, der die ganze Vampir-Mittelerde-Zauberschulen-Esoterik durch Desinteresse erfolgreich überstanden hat und Mittelalter-Märkte inzwischen einfallslos kommerzialisiert findet - dann darf man doch wenigstens vor sich hinseufzen: Werwolf, das schon wieder!

Die Neugier weckt jedoch nicht zuletzt der Name Jo Fabian, das Allround-Talent, der eine Theaterfassung der Dumas-Novelle schuf und sie in bewährter Alles-aus-einer-Hand-Art (er übernahm Regie, Bühne, Kostüme, Video und Sounds) am Theater junge Generation für junge Zuschauer ab 12 uraufführte. Und wenn man am Ende der Inszenierung von dem wuchtigen Rhythmus der Wolfstrommler in den Theatersessel gedrückt wird, den Kopf aber einigermaßen frei zum Verarbeiten einer schaurig-schrägen Liebesgeschichte hat, dann ist es Theaterzauber in seiner schönsten Form.

Erzählt wird eine alte Geschichte, die sich aus Legenden nährt, als Teufelskreis einer Liebe. Der Holzschuhmacher Thibaut ist ein guter Kerl, dumm ist er auch nicht, und die Hand der schönen frommen Agnelette hat er schon so gut wie sicher. Nur ihre Oma muss noch zustimmen, (erst) dann gibt es den ersten Liebeskuss. Doch so weit kommt es nicht, Adelige um den Baron de Vez schikanieren Thibaut, so dass er sich aus Verzweiflung dem Teufel hergibt, der ja wie immer passend zur Stelle ist. Der Lohn: Alles Böse, das Thibaut anderen wünscht, soll in Erfüllung gehen. Dass Thibaut für jeden Wunsch Wolfshaare wachsen sollen, scheint ihm erstmal unwichtig. Der erste böse Wunsch gegen den Baron geht schief, den zweiten bereut Thibaut bald darauf, aber zu spät: Er wollte seinen tölpelhaften Vetter Landry aus dem Weg geräumt wissen, um eine reiche Müllerswitwe zu erobern. Der Teufel erfüllt ihm den Wunsch, indem er Landry als Kanonenfutter rekrutiert. Je mehr Hass Thibaut sät, desto mehr Hass erntet er - seine "Verwolfung" ist nicht mehr aufzuhalten. Agnelette heiratet einen anderen und fällt missverständlich einem teuflischen Schuss zum Opfer, der ihrem Ehemann galt. Der Teufel ist satt und zufrieden, von Thibaut bleibt nur die Legende zum Gruseln und eine riesige zottelige Wolfsgestalt, die am Grab der Geliebten mit leuchtend-roten (verweinten?) Augen ins Trommelgeheul einstimmt.

Das Erstaunliche an dieser Inszenierung ist, dass eine eigene Geschichte erzählt wird, obwohl sie immer wieder an andere erinnert, was Jo Fabian sogar verstärkt. So wirkt der Baron, in süffisanter Manier gespielt von Alexander Peiler, ein paar Momente lang wie eine Imitation von Jack Sparrow aus "Fluch der Karibik" und der Schuss auf Agnelette scheint durch "The Black Rider", die moderne Version von Webers "Freischütz", inspiriert zu sein. Das stört hier aber nicht weiter, denn die Regiehandschrift wird von Wichtigerem getragen. Dazu gehört das Ausspielen der Liebesszenen mit all der Unsicherheit und dem Zögern junger Verliebter. Auch Ironie ist ein Mittel, das bewusst und sparsam verwendet wurde, um die Spannung, die nicht zuletzt durch die dröhnende Musikkulisse aufgebaut ist, auszuhalten. Wiederholungen, ein alter Theatertrick, sind ebenso genau und wirksam gesetzt - wenn etwa Thibaut wie in einer Zeitschleife immer wieder geschlagen und gedemütigt wird. Bildhaftigkeit ist auch eine Stärke von Jo Fabians Ästhetik - hier liefert ein geschnittener Rahmen, hinter dem Miniaturen wie gemaltes Porträt oder Saufgelage angedeutet sind, Möglichkeiten dazu. Oder ein Riesenbambusrohr, das seitlich zur Bühne hängt, wird plötzlich zum Ruder, mit dem sich Thibaut in einem verzweifelten letzten Versuch, seine Liebe zurückzugewinnen, in die weite Welt hinaus navigiert.

Thibaut wird gespielt von Gregor Wolf (!), zunächst als einfacher, aber selbstbewusster Bursche, der sich nach und nach in bösen Absichten verwolft. Beeindruckend, wie diese Wünsche, kaum ausgesprochen, akustisch den Raum füllen. Isabell Giebeler hat in der Rolle von Agnelette etwas von einem standhaften Gretchen, zäh und doch zerbrechlich. Einen kompromisslos verführerischen Teufel stellt Erik Brünner dar, in der kleinen Rolle des armen Tölpels Landry glänzt Florian Rast. Alexander Peiler, Charles Ndong und Nahuel Häfliger spielen die Adligen mit Freude an Überheblichkeit. Diese und alle anderen Figuren passen genau in ein dichtes Mosaik aus Bildern, Rhythmen und Symbolik. Kein Beiwerk, sondern tempobeschleunigend ist die Trommelkunst von den Musikern um Bernd Sikora, die mit ein paar Fässern den Saal zum Kochen bringen.

Jo Fabian verzichtete auf den kräfti-gen Abschluss-Beifall und überließ ihn den Schauspielern und Trommlern - berechtigterweise! Kurzum: Ein "Werwolf" zum Hingehen und Mitheulen.

Bistra Klunker

nächste Aufführungen: morgen 19.30 Uhr, Mittwoch 10 Uhr

www.tjg-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.03.2012

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