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Nach 43 Jahren spielt die Dresdner Philharmonie zum letzten Mal im Festsaal des Kulturpalastes

Nach 43 Jahren spielt die Dresdner Philharmonie zum letzten Mal im Festsaal des Kulturpalastes

Am Sonnabend wird die Dresdner Philharmonie - aller Voraussicht und politischen Entscheidung nach - zum letzten Mal im Festsaal des Kulturpalastes spielen.

Das städtische Orchester, gern gesehener Gast auf den Bühnen dieser Welt, sieht sich jetzt endlich an dem Punkt, dass es aus dem - aus Konzertsicht - akustisch nicht befriedigenden Saal ausziehen kann, verbunden mit der Hoffnung, nach dreijähriger Bauzeit dann mit der Spielzeit 2015/16 wieder einen akustisch hochwertigen, modernen Konzertsaal in Besitz nehmen zu können.

43 Jahre, seit 1969, war der Kulturpalast das Zuhause für die Philharmonie, war aber auch Ort für zahllose Veranstaltungen von Operette bis Zauberkunst, von Dixieland bis Rock, von Kinderprogramm bis Parteitag, Schlager bis Tanzfestival. Über die Verwandlung zum reinen Konzertsaal herrschen auch heute noch geteilte Meinungen unter Künstlern und Publikum.

Für die Philharmoniker aber endet jetzt das lange Ringen um Veränderung, und es beginnt eine Zeit der Erwartung. Was sie empfinden, schildern hier stellvertretend der heutige Chefdirigent Michael Sanderling und die beiden Musiker Peter Krauß und Daniel Thiele.

Als ich 1969 vom damaligen Chefdirigenten der Dresdner Philharmonie Kurt Masur engagiert wurde, gehörte ich zu den Glücklichen, die den Kulturpalast, die neue Spielstätte des Orchesters, mit einweihen sollten. Mit Begeisterung und Stolz gingen wir Neuen ans Werk. In solch einem großen Saal zu spielen war für mich jungen Musiker schon etwas Außergewöhnliches.

Ein Mehrzwecksaal war da entstanden, wo man logischerweise mit mehr oder weniger Kompromissen zu leben hatte. Die akustischen Vorstellungen von Kurt Masur - mehr in Richtung Konzertsaal orientierend - konnten kaum Berücksichtigung finden, wie der Maestro uns Jahre später mitteilte. Es fehlte an Geld, so dass das Haus letztlich in äußerlicher Gestaltung und Innenausstattung in der Endfassung ganz anders aussah, als ursprünglich geplant. Die Zeit für einen "Konzertsaal" schien noch nicht reif gewesen zu sein. Die Kunst- und Kulturstadt Dresden hatte unter dem damaligen Regime vorgegebenen Prioritäten zu gehorchen... In Leipzig - wenige Jahre später - fanden die Vorstellungen von Kurt Masur ihre Erfüllung (Neues Gewandhaus).

Auf den Konzertreisen in alle Welt konnten wir Musiker der Philharmonie Vergleiche zwischen Spielstätten unterschiedlichster Qualität anstellen. Das Ergebnis stand bald fest: Ähnliches wie z.B. die Konzerthäuser in Luzern, Valencia sowie in Japan und den USA, aber auch jene in Köln (Philharmonie), Leipzig (Gewandhaus) und Berlin (Philharmonie), gehörte doch unbedingt in eine Kunst- und Kulturstadt Dresden. Dieses Denken und Hoffen nahm in den 80/90er Jahren immer klarere Formen an.

1993 vorher verlegte die Sächsische Staatskapelle - demonstrativ - ihre Konzerte aus dem Kulturpalast in die Semperoper. Der Opernsaal, der zwar auch in mehrerer Hinsicht die Spitzenwerte eines guten Konzertsaals nicht bringt (dafür auch nie konzipiert wurde...), erreicht jedoch mit der fantastischen Atmosphäre die Hörer. Spitzendirigenten der Staatskapelle hatten sich vorher immer öfter über die mangelhafte Akustik des Kulturpalastes geäußert und den Schritt der Kapelle quasi mit vorbereitet. Auch wir Musiker der Dresdner Philharmonie mussten immer deutlicher erkennen, dass das, was wohl auf der Bühne immer schöner klang, nicht transportiert wird... Leider! Der Klang bleibt wie hinter einem Vorhang - anonym...

Später brachten auch seitliche Stellwände auf der Bühne und das Verstellen der Deckensegmente nicht die erhoffte Wirkung. Eine spürbare Verbesserung/Veränderung sahen Akustiker, die damals in großen zeitlichen Abständen Tests im Kulturpalast durchführten, nur im Einbau einer elektronischen Verstärkeranlage nach Vorbild derer im "Palast der Republik" (Berlin). Den nächsten Anlauf, Dresden zu einem Konzertsaal zu verhelfen, unternahm Marek Janowski. Versprechen an ihn wurden nicht eingehalten. Er verließ Dresden und übernahm das Rundfunksinfonieorchester Berlin. Wie er unlängst äußerte, hätte er die Mitglieder des Orchesters am liebsten mitgenommen...

Als in diesem Jahr scheidender Solo-Kontrabassist des Orchesters knüpfe ich meine große Hoffnung an den - nun beschlossenen - Umbau des Kulturpalastsaales zu einem hochwertigen Konzertsaal, der dem hohen Niveau des Orchesters gerecht wird. Dies wünsche ich von Herzen meinen Kolleginnen und Kollegen!

Peter Krauß, Solo-Kontrabassist, seit 1969 bei der Philharmonie

"Eintauchen

in den Klang"

Mein Leben "mit dem Kulturpalast" reicht bis in die 80er Jahre zurück: Lebhaft erinnere ich mich an die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker sowie Lynn Harrel als Solist in Dvoraks Cellokonzert. Zu beiden Anlässen war ich von der Aura des be- sonderen Ereignisses beeindruckt. Indes stellte sich kein Hörerlebnis ein. Die Protagonisten wirkten weit entfernt und entwickelten trotz aller Präsenz keinen akustischen Sog. Erst später konnte ich das erleben - bei Herman van Veen -, als der Saal durch elektroakustische Verstärkung vibrierte.

Später, dann als Substitut der Philharmonie, durfte ich erstmals den Saal von der Bühne aus erleben. Mich beeindruckte die Größe des Raumes, auch wenn ich mir am letzten Cellopult wie verloren vorkam. Jedoch war immer der Anblick des vollen Saales erhebend: Köpfe ohne Ende, aufmerksame Augen, Ohren zu Tausenden und Applaus wie die Brandung im Sturm.

Doch in den Jahren als Mitglied des Orchesters wuchs die Ernüchterung durch das Kennenlernen erstklassiger Säle. Wie leicht das Zusammenspiel auf anderen Bühnen sein kann! Welch ein Eintauchen in den Klang an Orten wie Tokyo, Luzern, Saragoza, Köln, Berlin und Leipzig! Und die anspornende Nähe des Publikums in den Weinbergsälen, das gemeinsame Erleben der Musik!

Kein Wunder, dass die Dresdner Philharmoniker ihre Identität viel mehr auf Reisen leben können und geradezu süchtig nach anderen Orten sind. Das bleibt dem anspruchsvollen und treuen Dresdner Publikum vorenthalten.

Die Frage steht im Raum: Was werde ich an unserem alten Kulturpalast vermissen? Sich dicht drängende Musiker in den stickigen und überbelegten Garderoben? Oder die kirchenartige Akustik in den Seitenbühnen, wo alle gleichzeitig ihr Instrument "vorglühen"?

Ich freue mich ohne Wehmut und mit größten Erwartungen auf den neuen Saal und einen belebten Kulturpalast.

Daniel Thiele, Cellist, seit 1995

bei der Philharmonie

"Wehmut

und

Vorfreude"

Jeder Abschied ist zugleich ein Neuanfang, und jede Trennung lässt sich auch als Chance begreifen. So ergeht es uns, wenn wir nun auf gepackten Instrumentenkoffern sitzen, um den Kulturpalast zu verlassen und uns auf eine Reise auf neue Bühnen in Dresden zu begeben. Es gibt Musiker in der Dresdner Philharmonie, die nahezu ihr gesamtes Berufsleben im Saal des Kulturpalastes gespielt haben, und auch ich habe mich dort - allen Widrigkeiten zum Trotz - musikalisch wohl gefühlt. Und so kann ich es nur zu gut nachvollziehen, wenn es nun manchen, Musiker wie Gäste, schmerzt, sich nach über 40 Jahren von Vertrautem zu trennen.

Es ist ein Gefühl von Wehmut, diesen Raum, der große Emotionen und großartige Momente erlebt hat, zu verlassen. Aber es kommt auch Vorfreude auf - auf einen erstklassigen Konzertsaal, in dem das Schaffen und die Qualität der Dresdner Philharmonie noch besser zum Tragen kommen werden. Auf einen Ort, der uns als Musiker inspiriert und unseren Ansprüchen an Leistung und Kreativität gerecht wird. Wer würde sich darauf nicht freuen?

Bis es soweit ist, tun wir das, was wir ohnehin immer tun, wenn wir nicht in Dresden spielen: Wir gehen auf Reisen. Nur diesmal nicht international in aller Welt, sondern unterwegs in Dresden. Mit Spannung werden wir interessante neue Konzertformate präsentieren, beispielsweise im Lichthof des Albertinums oder im Großen Saal des Deutschen Hygiene-Museums. Auch bekannte Spielorte wie die Frauenkirche, die Kreuzkirche und Schloss Albrechtsberg dürfen wir für die Interimszeit als unsere musikalische Heimat bezeichnen.

Ich sehe der kommenden Saison voller Neugierde entgegen, denn ich denke, die nächste Spielzeit ist modellhaft für uns und wird unsere dreijährige Reise prägen. Wir sind in gespannter Erwartung und haben nun nur noch einen Wunsch: Dass unser Publikum mit uns auf Reisen geht.

"Abschieds"-Konzert

Letztes Konzert der Dresdner Philharmonie im Kulturpalast vor dem Umbau: 9. Außerordentliches am Sonnabend, 18 Uhr, Festsaal. Es erklingen Werke von Antonin Dvorak: Slawischer Tanz op. 46 Nr. 8, Konzert für Violine und Orchester a-Moll op. 53, Slawischer Tanz op. 46 Nr. 3, Konzert für Klavier und Orchester g-Moll op. 33, Slawischer Tanz op. 46 Nr. 1, Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll op. 104 sowie als Ausklang "Dumky" - Trio für Klavier, Violine und Violoncello e-Moll op. 90.

Es dirigiert Michael Sanderling; Solisten sind Veronika Eberle, Violine, Daniel Müller-Schott, Violoncello, und Martin Helmchen, Klavier.

Im Anschluss an das Konzert sind die Bars im 1. und 2. Obergeschoss für die Besucher weiterhin geöffnet.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.06.2012

-ße

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