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Nach 42 Jahren zum letzten Mal Dixieland im Kulturpalast

Nach 42 Jahren zum letzten Mal Dixieland im Kulturpalast

Nachdem sich die Eisheiligen ohnmächtig in raue Berge zurückgezogen hatten, marschierten im "Kulti" die Heißheiligen ein, um ihren internationalen Freitagabend und die lange Samstagnacht zu zelebrieren.

Es war die Zeit, zu gehen und Abschied zu nehmen auch von der vertrauten Kulisse, entworfen vor 36 Jahren vom Grafiker Manfred Schröter. Im Saal der Zweitausend mit seinem musikalischen Gewölbe fühlten wir uns wohl und heimisch, vor allem wir Kellerkinder der vierziger Jahre. Hier im Jazzkeller heulten statt Sirenen Saxophone, hier schlugen nur Synkopen ein, hier brannte allein die Luft der Hotmusik. Und auch die Feuerwehr rückte rein musikalisch an als "Firehouse Hot Seven" aus der Schweiz, um unseren Durst nach Brass und Stomp zu löschen. Adieu, mein alter Dixiekeller!

Doch bis zum Abschied mit seinem scharfen Schwert ließ der "Wild Man (Blues)" noch mal den "Tiger (Rag)" los. John Defferary, der Brite im "Heißen Smoking", brachte die Klarinette ins Spiel, der junge Schwede Björn Ingelstam "Heiße Lippen" an der Trompete. Diese Jazzvirtuosen waren Lieblinge vom Freitag. "Saturday Night Fever" verbreitete sogleich das junge "Damenorchester Salome". "It's showtime, folks!" hieß es auch beim Auftritt der familiären "Carling Big Band". Deren hochexplosives Multitalent Gunhilde zappelte und sang, posaunte, trompetete und steppte wie das Tier. Die Prager "J.J. Jazzmen" begeisterten mit artistischen Scat-Einlagen, und Pim Toscani, Chef der niederländischen "All Stars", brannte ein Drummer- Feuerwerk ab. Das Publikum feierte nicht zuletzt den dienstältesten "Rambler" jener Dresdner Band, die 1955 auf den Elbwiesen vorsichtig zu jazzen begann, den unvergleichlichen Oldtimer Karlheinz Drechsel.

Für großes Aufhorchen sorgten die "Jazz Optimisten Berlin", nach einer erholsamen Pause von zweiundvierzig Jahren sind sie wieder da, pensioniert und engagiert, angeführt von Prof. Dr. Meinhard Lüning, dem alten und neuen Gründer. Mit ihnen kam Jazzlady Uschi Brüning, präsentierte uns einen Pott "Black Coffee" oder Erinnerungen an "Georgia".

Ein wahrer Jazz-Optimist ist auch Joachim Schlese. Mit bewegenden Worten bedankte sich der Festivaldirektor bei seiner Fangemeinde und bei der Belegschaft vom Kulturpalast für die Treue über Jahrzehnte hinweg. Mit dem Abschied vom Kulturpalast "ist uns ein Stücke Seele genommen, aber nicht die Zukunft."

Als Hoffnungsträger für Schleses Vision marschierten zu Beginn des Abschlussabends Kinder und Jugendliche ein. Sie trugen die Fahnen aller Nationen, die in 42 Jahren auf der Bühne des Dixie-Musen- Tempels standen.

Das Dixieland lebt und gedeiht und verjüngt sich. Ein Finanzkollaps ist nicht in Sicht, die Umfragewerte steigen. Bands aus 45 Ländern waren hier. Weitere warten in der Schlange, bitten um Spielerlaubnis.

Gejazzt wird allerorten zwischen Kuppelhalle und Flughafen, wo jüngst "Blaues Drachen"-Blut Mädchenmassen kreischen ließ. Wohin aber mit den Feinhörigen, die Wohlklang nicht im Meilentrubel finden, die sich über Jahre vom Flair des Hauses am Altmarkt verzaubern ließen?

Festivalgeneral Joachim Schlese tat es kund. Die Messen sind gesungen. In den Hallen am Altstädter Elbbogen würde sich Oldtimer Dixie verloren vorkommen. Und so entschieden sich die Veranstalter für den Alten Schlachthof.

Ein Abschlachten des Hörgenusses ist nicht zu befürchten. Herausputzen will man den Saal, mit Stufenparkett und Polstersitzen versehen, Wohlfühlatmosphäre schaffen. Freilich nur noch für knapp eintausend Besucher.

Auch die "Centrum Galerie" hat sich als Großspielstätte beworben. Ein Dixie-Shop, kein Flop? Schon sind die fliegenden Blätter für 2013 unterwegs.

Jedermann kann es bald buchen, das "Große Konzert" im neuen Alten Schlachthof. Keep swinging!

Siegfried Thiele

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.05.2012

Siegfried Thiele

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