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Nach 20 Jahren: Eine Wiederbegegnung mit Dresden

„Verhalten hip und trendy – aber auch klassisch“ Nach 20 Jahren: Eine Wiederbegegnung mit Dresden

Unser Gastautor Christoph Schumann kehrt nach 20 Jahren zurück nach Dresden und schildert, mit welchen Augen er die Stadt nach all den Jahren sieht. Eine Reise zwischen Neustadt und Frauenkirche.

Christoph Schumann im neuen Saal der Staatsoperette im Kraftwerk Mitte.

Quelle: Christoph Schumann

Dresden. Was man hat, möchte man gern vorzeigen. Und was man (noch) nicht hat, manchmal noch lieber. Das könnte das Motto gewesen sein, unter dem die Dresden Marketing GmbH (DMG) kürzlich „ihr“ Dresden einer guten Handvoll Journalistinnen und Journalisten aus allen Teilen der Republik präsentiert hat. Im Fokus: „Street Art, Style, Junge Szene: Buntes Dresdner Leben zwischen Neustadt und Frauenkirche“. Mit Verlaub nicht gerade das, mit dem Außenstehende Sachsens Hauptstadt derzeit beim ersten Gedanken assoziieren. Entsprechend neugierig erkundeten einige der Weitgereisten aus Schwaben, Bayern oder NRW das Elbflorenz um Frauenkirche und Co. – für einige tatsächlich „Neuland“ und das erste Mal.

Mich hatte die Neugier aus genau dem gegenteiligen Grund gepackt: Vor fast genau zwanzig Jahre habe ich in Dresden gelebt und gearbeitet. Und in dieser Zeitung geschrieben. Nicht, dass ich Dresden seitdem nicht gesehen hätte. Doch der Blick von außen reizte mich. Wer schon einmal in der eigenen Stadt in einem Hotel übernachtet hat, kennt dieses Phänomen – plötzlich sieht man Straßen und Plätze mit einem anderen Blick, entdeckt Details oder Menschen, die immer da waren. Die man bisher aber übersah.

Erste Station ist die Hochschule für Bildende Künste. Überall riecht es auch am späten Freitagnachmittag noch nach Farbe. Ausdruckslust und künstlerische Ambitionen kennen keinen festen Feierabend. Warum lernt man an einer so ehrwürdigen Akademie? Die noch dazu in Dresden liegt – und nicht etwa in Leipzig mit seiner berühmten Schule? Eine der 650 Studierenden ist Nadine Glas. Die Münchnerin studiert im vierten Semester Malerei: „Mein Gefühl ist, dass man hier in der Stadt noch etwas schaffen und bewegen kann. Bei mir zuhause steht alles fest, es fehlt der Freiraum.“

Dass sich Dresden noch immer bewegt, zeigt ein Besuch im Kraftwerk Mitte. Damals, vor zwei Jahrzehnten also, gerade stillgelegt und Brache, scheint hier ein neues kulturelles Zentrum mit zeitgemäßen Spielstätten für tjg und Staatsoperette zu entstehen. Für beide Häuser geht damit die Zeit der Provisorien zu Ende. Der Baustellenrundgang jedenfalls beeindruckt. Doch er zeigt auch: „Beide Ensembles werden auch am neuen Standort nicht mehr Kapazität für Besucher haben als bisher“, sagt der Projektverantwortliche Axel Walther, Geschäftsführer der Kommunalen Immobilien Dresden GmbH & Ko (KID) KG. Ist das Bescheidenheit? Oder Realismus? Vielleicht eine Mischung aus beidem – und doch wirkt es, als hätte etwas mehr Schwung und Mut zur Größe dem Projekt einer neuen Kultur„kraftzentrale“ fußläufig zur Altstadt zusätzlich gut getan.

Doch vielleicht ist es gerade diese Form von angezogener Handbremse, die auch Dresdens Straßenkunst den Hauch des Biederen verleiht? In den DNN war neulich zu lesen, dass die hiesige Graffitiszene im Vergleich zu Leipzig legaler unterwegs ist. Das bestätigt auch Street-Art-Künstler Florian Bölicke, mit dem wir Journalisten auf einen Graffiti-Streifzug durchs Hechtviertel gehen, an dessen Ende alle selbst einmal sprayen dürfen – selbstverständlich auf einer offiziellen Wand! Ob das Spaß macht? Ja. Ein wenig spießig fühlt man sich dabei letztlich aber auch ...

Das gilt übrigens auch für den nächtlichen Bummel über die BRN. War die nicht damals aufregender, leidenschaftlicher? Dann aber lief das Kultfest aus dem Ruder, war zu hören – in diesem Jahr war weniger darum wohl wirklich mehr. Noch gilt das nicht für die Ostrale, die im Sommer wieder eröffnet. Rund 200 internationaler Künstlerinnen und Künstler sind wieder aufs alte Schlachthofgelände eingeladen. Die ohne Frage langen und kräftezehrenden lokalen Diskussionen um Gegenwart und Zukunft der Ausstellung kenne ich nicht. Wer aber vor Ort Kreative wie die in Berlin lebenden japanischen Installationskünstler Kiyomi und Tetsuhiro Uozumi trifft und mit ihnen ins Gespräch kommt, registriert sofort eine vorbehaltlose, neugierige Offenheit: „Es ist toll, hier zu sein und zu arbeiten. Stadt und Menschen gefallen uns.“

Das zu hören, macht Freude. Umso mehr, wenn das 35-jährige Künstlerpaar sein blinkend-klingendes Werk aus Recycling-Fundstücken erklärt bzw. gerade nicht erklärt: „Freie Gefühle.“ Will sagen: Gedanken und Interpretationen sind frei. Dass lieb gewonnene Klassiker wie Semperoper, Frauenkirche, eine Dampfschifffahrt auf der Elbe und sogar ein Abstecher in ein Sterne-Restaurant ebenfalls zum Besuchsprogramm gehörten, unterstreicht hingegen auch, dass Dresden sich und seiner jungen Szene allein offenbar noch nicht ganz traut.

(M)ein Fazit nach vier Tagen voller Streifzüge durch Dresden mit „Außenperspektive“: Dresden könnte mehr. Kreativer sein. Weltoffener. Bunter. Es müsste sich nur trauen.

Von Christoph Schumann

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