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NS-Kunstfund: Einer der Hauptbeteiligten stammte aus Dresden

NS-Kunstfund: Einer der Hauptbeteiligten stammte aus Dresden

Die Nachricht ließ aufhorchen: ein riesiges Kunst-Konvolut von etwa 1500 Werken, mindestens 300 davon zur sogenannten entarteten Kunst zählend, gefunden in der Wohnung eines Pensionärs in München-Schwabing.

Seit das Nachrichtenmagazin Focus gestern mit dieser Geschichte auf den Markt kam, dürfte die Lage in vielen Museen in Deutschland vor allem durch gespanntes Warten geprägt sein. Das ist in den großen Dresdner Einrichtungen nicht anders.

"Wir wüssten gern genau, was gefunden wurde", fasste gestern Gilbert Lupfer, Provenienz-Experte der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), die innere Unruhe zusammen, die auch der Direktor der Städtischen Museen Gisbert Porstmann teilt. Kein Wunder, haben doch beide Einrichtungen im Zuge des Aussortierens von Werken "entarteter Kunst" 1937 durch die Nazis massive Einbußen in ihren Sammlungen hinnehmen müssen. Bei den SKD sind es in den Neuen Meistern mehr als 50 Werke, dazu kommen einige Skulpturen und bis zu 400 Blätter aus dem Kupferstich-Kabinett. Dresdens Städtische Galerie listet ihrerseits mehr als 350 verschollene Werke auf.

Der Mann, in dessen Münchner Wohnung die zahlreichen Bilder bereits im Frühjahr 2011 gefunden und beschlagnahmt wurden, ist Rolf Nikolaus Cornelius Gurlitt, Sohn von Hildebrand Gurlitt, einer schillernden Figur der Kunstszene der Kriegs- und Nachkriegstage. Hildebrand Gurlitt wurde 1895 in Dresden geboren, wuchs hier auf als Sohn des späteren Rektors der damaligen Technischen Hochschule. Die Familie lebte in der Kaitzer Straße 26, in unmittelbarer Campusnähe, in einer Villa. Das Haus wurde bei den Bombenangriffen im Februar 1945 zerstört. "Der Keller allerdings blieb intakt" und sei noch jahrelang von Hildebrands Mutter bewohnt worden, sagte gestern der Direktor des Universitätsarchivs der TU Dresden, Matthias Lienert.

Hildebrand Gurlitt gilt als ein Mann voller Ambivalenz. Die Forschungsstelle "Entartete Kunst" an der Freien Universität Berlin bezeichnet ihn als eine zentrale Figur des Kunsthandels der Nazizeit. Gurlitt, 1924 als Kunsthistoriker promoviert, wurde ein Jahr später Direktor des König-Albert-Museums Zwickau. Dort schlug er der zeitgenössischen Kunst eine Bresche, konzipierte Ausstellungen mit Werken von Käthe Kollwitz, Max Pechstein, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Emil Nolde. 1930 musste Gurlitt seinen Posten räumen - wegen seiner nicht "rein arischen" Herkunft. Nach einem Intermezzo als Direktor des Kunstvereins Hamburg machte sich Gurlitt 1933 schließlich anderweitig selbstständig: als Kunsthändler.

In dieser neuen Rolle kooperierte er mit jenen, die ihn aus den Ämtern gedrängt hatten: den Nazis. Hildebrand wurde neben seinem Cousin Wolfgang Gurlitt gemeinsam mit Ferdinand Möller, Karl Buchholz und Bernhard A. Böhmer zu den wichtigsten Händlern in Sachen "entarteter Kunst". Der Grund war einfach: Er galt als ausgewiesener Experte der Kunst, die die Nazis verfemten und die deshalb nach ihrer Beschlagnahmung verkauft werden sollte. Auch von "verzweifelten jüdischen Sammlern" soll Hildebrand Gurlitt damals Kunstwerke für wenig Geld erworben haben, schreibt der Focus. Als nach dem Krieg Fragen aufkamen, ließ Gurlitt wissen, alle Unterlagen und noch in seinem Besitz gewesenen Bilderbestände seien beim Bombenangriff auf Dresden 1945 in der Familienwohnung verbrannt. Wie der jüngste Fund in München beweist, eine Lüge.

Weder Porstmann noch Lupfer haben Unterlagen darüber, welche Werke ihrer Museen damals durch die Hände Gurlitts gingen. Auch deshalb schauen beide heute nach Augsburg, wo auf einer Pressekonferenz weitere Details zu dem auf etwa eine Milliarde Euro bezifferten Kunstfund präsentiert werden sollen. Nicht außer Acht zu lassen bleibt zudem, dass die Aufmerksamkeit bisher vor allem der "entarteten Kunst" galt. Ob die anderen rund 1200 aufgetauchten Werke auch dazugehören oder nicht, ist nur eine Frage, die hoffentlich bald beantwortet werden kann. Ganz zu schweigen von den aufwändigen Recherchen zu den Besitzverhältnissen. Auch hier heißt es: abwarten.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.11.2013

Torsten Klaus

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