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"Muttersprache Mameloschn": Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin zur Jüdischen Kultur- und Theaterwoche in Dresden

"Muttersprache Mameloschn": Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin zur Jüdischen Kultur- und Theaterwoche in Dresden

Die Bühne im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels gleicht einem Möbellager. Vor allem Stühle, wackelige und stabile, schäbige und solche mit nostalgischem Tuch.

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Natalia Belitski (Rahel, Claras Tochter), Gabriele Heinz (Lin) und Anita Vulesica (Clara, Lins Tochter).

Quelle: Arno Declair

Ein massiges Sofa ist auch dabei, ein Schrank und drei Tischlampen. Das rechte Licht kommt von keiner. Immer stärker gewinnt man den Eindruck, jede stehe für eine der drei Frauen, die in diesem Stück mit ihrem Leben zwischen alle Stühle geraten sind.

Die drei machen sich selbst und gegenseitig das Leben schwer. Drei Jüdinnen, heute, hier. Die Älteste hat das KZ überlebt, ist bewusst in die DDR gekommen, ist der Mähr vom Sieg des Antifaschismus über den Antisemitismus auf den Leim gegangen und hat als Sängerin jiddischer Folklore Karriere gemacht, entsprechende Privilegien bei Wohlverhalten selbstverständlich.

Im Lager hatte sie auch gesungen, zwei Mal hat sie ihre Muttersprache, denn das bedeutet "Mameloschn", verraten. Jetzt muss die alte Frau mit einem solchen Leben abschließen, vor allem gegenüber einer Tochter, die sie nicht versteht und die ihr Verhalten in der DDR nicht billigen kann. Der Stasi-Verdacht wird nie ganz ausgeräumt. Die Angewohnheit der alten Frau, sich im Schrank geschickt zu verbergen, darin "historische" Riesentonbänder abzuhören, kommt als so ambivalentes wie verstärkendes Verdachtsbild einerseits, als traumatische Erinnerung andererseits, dazu.

Ist es schon zwischen Großmutter und Mutter trotz manch verbaler Attacke zum Sprachverlust gekommen, so droht der Kontakt zur Enkeltochter gänzlich abzubrechen. Weil die Handlung des vor gut einem Jahr in Berlin uraufgeführten und inzwischen vielerorts nachgespielten Theaterstückes von Marianna Salzmann sich weder an klassische zeitliche, örtliche noch persönliche Zuordnungen oder Anwesenheiten hält, kann die junge Rahel ihre jiddischen Witze machen, im Möbellager versuchen, ihre Muttersprache zu finden, der Mutter bitterste Teenagervorwürfe an den Kopf knallen und gleichzeitig in einem New Yorker Lesben-Café sitzen.

Und dieser Rahel, junge Jüdin im Versuch der Ablösung von einer direkt traumatisierten Großmutter und einer indirekt traumatisierten Mutter, gelten Sympathien und Hoffnungen der 1985 in Wolgograd geborenen und in Deutschland lebenden Autorin. Ihre so bittere wie dann auch wieder knallige Collage passt bestens ins thematische Konzept der diesjährigen Jüdischen Kultur- und Theaterwoche Dresden. "Jüdisch. Jetzt." war das Motto.

Dieses Stück, so wie es Brit Bartkowiak hinreißend und mit großem Augenzwinkern inszeniert hat, stellt das Gestern und das Vorgestern vor das Jetzt und blickt auf das Morgen. Die Regisseurin fällt mit ihrer von Eitelkeit freien Art, dem Theater zu vertrauen, mit wenigen Mitteln viel über die Menschen zu erzählen, regelrecht aus dem Rahmen gegenwärtiger Regiepraktiken. Und sie hat Glück mit ihren Schauspielerinnen: Gabriele Heinz als Großmutter Lin, Anita Vulesica als Mutter Clara und Natalia Belitzki als Tochter Rahel. Das sind drei authentische Charakter, denen es nicht an der Lust mangelt, in den eigenen Abgründen und denen der anderen zu wühlen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.11.2014

Boris Gruhl

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