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Mutig und geistig ebenbürtig: Eva Klemperer im Porträt in der Dresdner Synagoge

Mutig und geistig ebenbürtig: Eva Klemperer im Porträt in der Dresdner Synagoge

Häufig ist die Meinung zu hören, hinter jedem bedeutenden Mann stünde eine starke Frau. Das ist eine unzulässige Verallgemeinerung und lässt vor allem auch diejenigen Frauen außer Acht, die sich nicht durch einen Mann definieren, sondern eigenständige große Persönlichkeiten sind.

Es gibt jedoch Fälle, in denen Frauen ungeachtet ihrer eigenen schöpferischen Kraft in der Unterstützung eines Manns völlig aufgehen, ohne dabei ihre Persönlichkeit einzubüßen. Victor Klemperer, der vor einigen Jahren durch die unerwartet erfolgreiche Veröffentlichung seiner Tagebücher wieder in das Zentrum der Aufmerksamkeit geraten ist, hatte das Glück, dass seine beiden Ehefrauen ihre eigenen Interessen hintan stellten und für ihn da waren.

Das Schicksal von Eva Klemperer, der ersten Frau des großen Romanisten, war unvorhersehbar. Niemand konnte bei der Eheschließung 1906 auch nur ahnen, dass er seiner Frau das Überleben zu verdanken haben würde. Obwohl der Rabbinersohn Victor zur evangelischen Kirche konvertiert war, wurde er durch die wahnsinnige Rassenideologie der Nationalsozialisten wieder zwangsjudaisiert und wäre sicher eins der unzähligen Opfer des NS-Staats geworden, hätte ihm nicht die Nichtjüdin Eva den Status eines privilegierten, also mit einer "Arierin" verheirateten Juden gesichert. Durch sie entging er der Deportation, für sie war es selbstverständlich, ihm das Leben unter den scheußlichen Bedingungen fortschreitender Diskriminierung und Entrechtung so erträglich wie möglich zu machen. Dass sie sich dabei selbst oft tödlicher Gefahr aussetzte, hinderte sie nicht daran, alles zu tun, was nötig und möglich war.

Die Dresdner Anglistin Rosemarie Gläser hat bereits ein kleines Buch mit Erinnerungen an Hadwig Klemperer, Victors zweite Frau, herausgegeben. Es lag nahe, nun auch Eva die Aufmerksamkeit zuzuwenden, die diese außergewöhnliche Frau verdient hat. Gläser, als emeritierte Universitätsprofessorin über den Wert breiter Bildung bestens aussagefähig, stellte Eva Klemperer in einem von hoher Achtung gekennzeichneten Vortrag in der jüdischen Gemeinde vor. Es war geradezu eine ganze Landschaft von Fähigkeiten, die sie bei der Charakterisierung der Persönlichkeit Evas vor den Zuhörern ausbreitete.

Eva, 1882 in Königsberg geboren, war Pianistin, Organistin, Komponistin, Malerin und talentierte Innenarchitektin. Nicht minder befähigt war sie als Romanistin. Sie übersetzte aus dem Französischen und Spanischen und war dadurch auch fachlich eine Hilfe für ihren Mann. Fotos und Zeichnungen zeigen eine Frau mit strengem, fast hartem Gesicht, was auch dadurch erklärbar ist, dass sie als Partnerin eines in "Mischehe" lebenden verfemten Mannes wenig Grund für Heiterkeit hatte. An vielen Stellen seiner Tagebücher berichtet Victor von Eva, ihren Stärken und Schwächen und ihrem unermüdlichen Einsatz. Sie war es auch, die durch zwei winzige Änderungen der Namen in den Kennkarten die Flucht aus dem zerstörten Dresden nach Niederbayern etwas sicherer machte.

Rosemarie Gläser hat die vielen Stellen, an denen Eva bei Victor Klemperer erwähnt wird, zu einem imponierenden Persönlichkeitsbild zusammengefasst. Dabei ließ sie keinen Zweifel daran, dass Eva eine entschlossene, mutige und ihrem Mann geistig ebenbürtige Frau war. Sie sollte nicht vergessen werden. Peter Zacher

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.07.2012

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