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Muss man das Theater retten? - Pollesch-Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden

Muss man das Theater retten? - Pollesch-Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden

Wozu noch Theater? Autor und Regisseur René Pollesch, ohnehin verliebt in Negationen, räumt in "KapiTal der Puppen" mit seinem eigensten Metier auf. Das tut er zunächst einmal mit der erprobten Methode Pollesch, statt sperriger Dramaturgie ein Dauerfeuer an Textsalven auf die Zuschauertraversen der Bühne des Kleinen Hauses zu ballern.

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"KapiTal der Puppen" mit Sascha Göpel, Antje Trautmann, (im Spiegel: Benjamin Pauquet) und Cathleen Baumann.

Quelle: Matthias Horn

Auch diese Uraufführung ist ein auf fünf Sprecher verteilter Essay mit ein bisschen auflockernder Action.

Dann ist es die nun wirklich witzige Ausgangssituation, die zu Beginn für die einzigen Publikumslacher sorgte. Ein Regisseur, wie üblich keinem der Schauspieler fest zugeordnet, schnappt ein, als er feststellt, dass irgendwo hinten in der Kulisse von Praktikanten mit seinem Bühnenbild und seinen Schauspielern auch noch ein Film gedreht wurde. Synergieeffekt würde man das neudeutsch nennen, Zweitverwertung, Recycling. Köstlich die ausgesponnenen Konstruktionen, am Rande welcher historischen Theaterinszenierung angeblich welche berühmten Filmszenen gedreht worden sein sollen.

Aber es geht eigentlich gar nicht um die Kränkung jenes Broadway Danny Rose - eine einem Film von Woody Allen entlehnte Figur. Das Theater hat schlichtweg verloren gegen den Film, gegen die an diesem Abend omnipräsente Kamera, die jeden verfolgt und deren Bilder klar über die live gesprochenen Sätze dominieren. Geworfen auf ein thekenartiges Frontmöbel, dessen Formen an Kandinsky-Konstruktivismus erinnern. Durch die Kamera bekommt man zumindest in Streiflichtern etwas von der übrigen, meist verdeckten Bühnenmöblierung mit. Janina Audick hat ein skurriles Arrangement stilloser Deko-Möbel, bunter Verschwindekästen, sputnikartiger Schwebekugeln, Kronleuchtern für apotheotische Himmelfahrten oder Iglus mit Fliegenpilzdach erfunden. Größtenteils unsichtbar und unbenutzt - auch ein Seitenhieb auf das Gebrauchstheater. Dabei genüge dem Theater doch der leere Raum, postuliert der Text.

Misstrauensvotum gegen Alles im Allgemeinen und das gefühlsechte Theater im Besonderen

Dieser nicht vorgefertigte, sondern im Rahmen der Stückentwicklung entstandene Text kommt als ein einziges Misstrauensvotum gegen Alles im Allgemeinen und das gefühlsechte Theater im Besonderen herüber. Konzentriert auf Kolloquien im Hundertachtundzwanzigstelrhythmus an der Zuschauerfront, unterbrochen nur durch einige Ausflüge in den Flur und in den leeren Zuschauerraum. Diese Einlagen persiflieren Regiemarotten und Schauspielergehabe, das kennt man. Was man so nicht kennt, sind die Polemiken des 1962 in Hessen geborenen preisgekrönten Autors um grundsätzliche Fragen von Rolle und Ich, die ein wenig an die gegensätzlichen Theorien von Stanislawski und Brecht erinnern. Der Schauspieler müsse nicht meinen, was er macht. Andererseits wieder Mut zum Affekt haben. Und unsere großen Gefühle entstünden nur aus der Verachtung der Erkenntnis, dass das Gestrampel der Akteure da vorn nur gespielt sei.

Vieles scheint auf den ersten Blick dialektisch gedacht, bleibt aber beim Nachlesen einfach nur widersprüchlich. Das ist auch nicht entscheidend - Hauptsache, es wird apodiktisch verkündet. Als Zuschauer kann man nur neidisch werden auf René Pollesch und seine Stückentwicklungsmethode. Er hat die Chance, während dieses Prozesses Repliken auf seine eigenen Aussagen zu entwerfen. Dem Zuschauer ist bei dem permanenten Prestissimo nicht einmal die Sekunde vergönnt, einen Satz verdaulich zu zerbeißen, geschweige denn, ihn zu reflektieren. Die plötzlichen Themensprünge kommen erschwerend hinzu. Stringent ist an diesem Patchwork von Sentenzen gar nichts, man kann sich einzelne Körner aus dem quasiphilosophischen Mischfutter herauspicken. Zum Beispiel die These, dass das menschliche Leben nur besser werde, wenn der Tod abgeschafft sei. Oder die Behauptung, das Scheitern sei "ein Ding der oberen Mittelschicht". Oder den Satz, dass seit Haydns Abschiedssinfonie die Kunst keine Wirkung mehr habe. Naja, man kann den Fürsten Esterhazy leider nicht mehr fragen.

Nach einer Stunde ist es genug, und man hat zumindest die Absage an ein Theater verstanden, das so nicht gebraucht wird. Vorsichtshalber hat uns vorab das Programmheft auch gleich die Absage an Sinn vermittelt. Nicht klar wird in dieser Stunde der Titel. Denn es geht nur ganz marginal um das Kapital bei Pollesch, den manche für den letzten, andere für den ersten Kapitalismuskritiker seiner Art halten. Und Anklänge an Buch und Film "Das Tal der Puppen" mit seinen drei Frauenschicksalen in Hollywood waren beim besten Willen nicht zu erkennen.

Eine spürbar schwere Aufgabe für Cathleen Baumann, Antje Trautmann, Thomas Eisen, Sascha Göpel und Benjamin Pauquet. Bis zuletzt wurde am Text gearbeitet, und die Souffleuse sprang ständig mit der vorläufig letzten Fassung auf der Bühne herum. Von Rollen kann man nicht sprechen, das Bemühen war erkennbar, die szenische Lesung auswendig sicher und einigermaßen lebendig herüberzubringen. Dankbarer schon die Aufgabe für das sonst hinter der Bühne agierende Personal und das Kamerateam. Das Premierenpublikum reagierte sichtlich geteilt, aber mehrheitlich mit herzlichem Applaus.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.02.2013

Michael Bartsch

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