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"Muss immer erst wer sterben?": Zeljko Lucic singt Simon Boccanegra in der Neuinszenierung in der Dresdner Semperoper

"Muss immer erst wer sterben?": Zeljko Lucic singt Simon Boccanegra in der Neuinszenierung in der Dresdner Semperoper

Nicht nur für einen berühmten Bariton wie Zeljko Lucic ist jedes Jahr ein Verdi-Jahr. Der Sänger erklärt im DNN-Gespräch mit Michael Ernst, warum ihm die Musik des 1813 geborenen Italieners so besonders am Herzen liegt und warum eine Oper wie "Simon Boccanegra", die heute Abend Premiere hat, auch 2014 zum Nachdenken anregen könnte.

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Zeljko Lucic (Titelrolle) und der Staatsopernchor in der Neuinszenierung "Simon Boccanegra".

Quelle: Matthias Creutziger

Frage: Das Verdi-Jahr war 2013, aber für einen Bariton wie Sie ist wahrscheinlich immer Verdi-Jahr, oder?

Zeljko Lucic: Für mich schon, ja. Ich singe meistens Partien von Verdi, überall auf der Welt. Das ist mein Lieblingskomponist, seine Musik gefällt mir, er hat viel für mein Fach geschrieben, und ich bin deswegen gefragt. Mehr begründen kann man das gar nicht. Von seinen 26 Opern habe ich 22 im Repertoire. Ich bin sicher, die anderen vier - vor allem ganz frühe Werke - werden auch noch dazukommen.

Als Rigoletto haben Sie 2008 an der Semperoper debütiert, inzwischen sind Sie regelmäßig zu Gast in Dresden. Die Macht der Gewohnheit?

Zeljko Lucic: Soll ich Ihnen was sagen? Das war nicht nur mein Dresden-Debüt, sondern auch mein erster Rigoletto. Mit einer fantastischen Diana Damrau als Gilda. Ich arbeite gern hier, denn die Semperoper gehört für mich zu den allerbesten Häusern der Welt, das ist eine weit über Deutschland und Europa hinaus anerkannte Marke. Für mich persönlich rangiert diese Oper so weit oben, weil ich Tradition respektiere. Die Semperoper hat ein hohes Renommee, hier singen die besten Sänger, dirigieren die besten Dirigenten - Chapeau! Und dazu kommt dann noch diese faszinierend schöne Architektur.

Mit der heutigen Premiere von Verdis "Simon Boccanegra" singen Sie eine weitere Titelpartie an diesem Haus, ebenfalls eine Paraderolle für Sie?

Zeljko Lucic: Den Simone (erster Doge von Genua, Anm. ME) habe ich jetzt schon vielmals gesungen, ja. Aber so oft ich gefragt werde, welche Verdi-Partie für mich die beste oder schönste ist, muss ich die Antwort schuldig bleiben. Denn da sind so viele! Allerdings gibt es wieder ein erstes Mal an der Semperoper für mich: "Simon Boccanegra" ist meine erste Zusammenarbeit mit Christian Thielemann. Und so viel kann ich wohl jetzt schon sagen, dass es besonders gut wird, denn die Sächsische Staatskapelle zählt zu den allerbesten Orchestern der Welt. Sie wurde gegründet, als Kolumbus Amerika entdeckte, das sagt vielleicht schon einiges aus. Hier wird fantastisch musiziert, der Sound ist unglaublich, Thielemann hat die Musik hunderprozentig verstanden. Wissen Sie, was er macht? Er holt, was Verdi geschrieben hat, in unsere Wirklichkeit. Und das ergänzt sich mit der Regie von Jan Philipp Gloger, denn der hat verstanden, dass eine Oper kein Schauspielhaus ist.

Prima la musica? Erst die Musik, dann die Worte?

Zeljko Lucic: Die Hauptsache für mich ist, dass ich meine Sache als Sänger gut machen kann. Ich muss mit der Stimme alles zeigen, was in der Partie und in der Figur steckt. Gerade bei Verdi muss man da nicht groß philosophieren, sondern einfach nur zuhören.

Es geht in dieser Oper um Standesdünkel, verratene Freundschaft, um die Kraft der Liebe, die größer ist als alle Unversöhnlichkeit. Denken Sie dabei auch manchmal an Ihre serbische Heimat?

Zeljko Lucic: Nein, wenn ich singe, habe ich mit Politik nichts im Sinn. Da bin ich professionell orientiert - was in meiner Stimme steht, hat Priorität. Wenn ich Simone, Rigoletto oder Macbeth singe, dann bin ich es auch. Boccanegra ist ja fast mit Rigoletto identisch, ein Vater ringt um seine Tochter, hat mit bitterem Hass und tiefem Missverständnis zu tun. Und trotzdem ist die Oper hoffnungsvoll, denn mein Tod bringt den anderen die Erlösung. Das ist wie im normalen Leben, oft wächst erst aus Opfern eine Chance.

Dass ich jetzt dennoch viel an Serbien denke, hat mit der tragischen Situation durch die Überschwemmungen zu tun. Wir sind ökonomisch nicht so stark wie etwa Deutschland, diese Katastrophe ist wie eine Apokalypse. Es wird schwierig sein, da wieder auf die Beine zu kommen. Aber: Alle Betroffenen helfen sich nun, egal ob sie aus Bosnien, Kroatien oder Serbien kommen. Plötzlich ist aller Hass wie vergessen. Da ist über alle Grenzen hinweg quasi wieder ein Volk mit einer großen Solidarität untereinander, die vielleicht auch erst aus dieser schlimmen Erfahrung her kommt?

Ich denke gerade über ein Benefizkonzert nach, um in dieser Tragödie zu helfen. Auch wenn ich mit meiner Familie in Deutschland glücklich zu Hause bin und mich in Serbien als Gast im eigenen Land fühle, da muss man helfen. Aber natürlich müssen wir uns fragen, ob wirklich immer erst wer sterben muss, ehe wir zur Einsicht kommen? Wahrscheinlich sind viele Opfer nötig, um ein besseres Leben zu ermöglichen. Der ganze Jugoslawien-Krieg - musste das sein? Hätte man nicht weiter als Föderation friedlich zusammenleben können?

Premiere: heute 19 Uhr, Semperoper

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.05.2014

Michael Ernst

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