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Musiker aus Mittelasien spielen die etwas andere Hausmusik in Dresdner Stuben

Musiker aus Mittelasien spielen die etwas andere Hausmusik in Dresdner Stuben

Unzählige Kerzen hüllen das Wohnzimmer von Reinhard Seyfarth in der Dresdner Friedrichstadt in schummriges Licht. Kleine, bunte Laternen leuchten in allen Ecken des Raumes und ein zarter Räucherstäbchengeruch durchströmt die Wohnung im ersten Stock des Ludwig-Richter-Hauses.

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Kurz vor der Uraufführung von "Dede Korkut" spielte Askar Soltangazin seine Dombra bei einem Hausmusikabend in der Friedrichstadt.

Quelle: Nicole Czerwinka

In der Stube warten drei Stuhlreihen wie im Kino darauf, besetzt zu werden, nebenan stehen Getränke bereit. Reinhard Seyfarth und sein Nachbar Hansruedi Humm haben die Hausgemeinschaft und einige Bekannte heute zu einem außergewöhnlichen Ereignis eingeladen.

Es wird ein Hausmusikabend fast wie in alten Zeiten, jedoch mit einem ganz besonderen Solisten aus Kasachstan. Askar Soltangazin ist in seinem Land eine Art Superstar der traditionellen Volksmusik. Die Dresdner Sinfoniker haben ihn für ihr dokufiktionales Musiktheater "Dede Korkut" in die Stadt geholt. Er und die anderen Solisten aus Kasachstan, Usbekistan und Aserbaidschan gaben hier bei acht Dresdner Hausmusikabenden in drei Tagen ein jeweils individuelles Vorspiel zur Uraufführung am 8. Februar im Festspielhaus Hellerau. "Ich habe in der Zeitung gelesen, dass man sich die Musiker nach Hause einladen kann und war sofort von dieser Idee begeistert", erzählt Hansruedi Humm.

Die Anwohner im Geburtshaus von Ludwig Richter kommen sonst auch zu Filmabenden im Wohnzimmer von Reinhard Seyfarth zusammen. Im Flur und in der Küche entspinnen sich jetzt lockere Gespräche unter den knapp 20 Anwesenden, man kennt sich, tauscht sich aus. In dieser entspannten Atmosphäre vermischen sich die Generationen, Kinder flitzen durch die Räume. Es wird gelacht, erzählt, gescherzt, während die Hausherren längst auf den besonderen Gast des Abends warten. Zehn vor halb neun meldet jemand im Wohnzimmer raunend: "Sie kommen!" Die anderen nehmen Platz, man rückt zusammen, es wird eng, eine wohlige Gemütlichkeit erfüllt den Raum.

Dann kommt Askar Soltangazin herein, ein junger, dunkelhaariger Mann mit einem frohen Lächeln auf dem Gesicht. Soltangazin hält nichts weiter als sein Instrument, die Dombra, in der Hand und sieht in Jeans, Lederschuhen, schwarzem Shirt und Jackett ganz anders aus, als man sich einen Volksmusiker aus Kasachstan vorstellt. Der Hausherr spricht einige Worte zur Begrüßung. Es wird ganz still im Raum, als er den jungen Musiker vorstellt. Soltangazin ist verheiratet, Vater eines Kindes und hat in seiner Heimat zahlreiche Preise bei Musikwettbewerben gewonnen.

Es folgt eine kurze Einstimmung, noch keine Musik. Mithilfe der Dolmetscherin erzählt Askar Soltangazin vom Barden Dede Korkut, der vor etwa 2500 Jahren lebte und dessen Gesänge den Ursprung der traditionellen Musik in Kasachstan bilden. Dann stellt er seine Dombra vor wie eine gute Freundin, sie ist das Nationalinstrument in Kasachstan, vor etwa 2000 Jahren entstanden. Er hält sie hoch, zeigt den hölzernen Korpus, der wie eine ziemlich kleine Gitarre mit wahnsinnig langem Hals aussieht, und von den Kasachen auch mit dem menschlichen Körper verglichen wird. "Es gibt Legenden, die sagen, die Dombra fängt an zu sprechen", erklärt der Musiker in russischer Sprache, bevor er der Dombra das Wort überlässt.

Mit geschlossenen Augen und in atemberaubender Geschwindigkeit spielt er das Instrument, schlägt und streicht über die beiden Saiten, mal laut, dann wieder leise. Der Klang ist holzig, warm, wild und rau wie eine Horde Präriepferde im südlichen Steppenwind. Dann wird die Melodie nachdenklich, er fängt an zu singen - das Lied erzählt von einem gestorbenen Sohn. Immer wieder unterbricht Askar Soltangazin sein Spiel, um nach den Assoziationen der Zuhörer zu fragen. Er beantwortet Fragen wie: "Kann man auch das Gebirge mit der Dombra darstellen?" Das Gebirge ließe sich besser singen, antwortet Soltangazin und stimmt einen tiefen, röhrenden Ton an, der durch Mark und Bein geht.

Die vielen Legenden in Kasachstan werden in dieser Musik lebendig. Noten brauchte es dazu früher keine, auch die Virtuosität stehe nicht im Vordergrund, sondern der Inhalt der Legenden, die Soltangazin "Kyi" nennt, soll über die Musik transportiert werden. Das nächste Kyi handelt von Schwänen, wenn man die Augen schließt, sieht man sie an einem einsamen See umeinander werben und wegfliegen. Allerdings verpasst man dann, wie Soltangazins Hände über die beiden Saiten jagen, Virtuosität ist für den Inhalt vielleicht nicht vordergründig, hier aber offensichtlich.

Diese traditionelle Musik ist in Kasachstan bis heute lebendig. In der Sowjetunion war sie nicht erwünscht, vom Volk immer geliebt, nie vergessen und ist nach deren Zerfall wiederbelebt worden, erzählt Soltangazin. Nach drei Kyis und nicht mal ganz 60 Minuten geht der einzigartige kasachische Konzertabend langsam zu Ende. Die Zugabe ist ein leichtes, fröhliches Stück, er schnipst dazu und dreht und wendet die Dombra beim Spiel. Zum Abschied gibt es noch ein kleines Geschenk von der Hausgemeinschaft für den Musiker, ein Buch mit Bildern der Elbeflut. Der Künstler geht, die kleinen, bunten Laternen leuchten noch immer, neue Gespräche flirren in Küche und Wohnzimmer auf. Ein selten gemütlicher Kulturabend klingt bei Wein und Kerzenschein in der Friedrichstraße aus. Nicole Czerwinka

Uraufführung "Dede Korkut": heute 20 Uhr, Festspielhaus Hellerau, Restkarten an der Abendkasse

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.02.2014

Nicole Czerwinka

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