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Musiker-Abschied am tjg mit Beigeschmack

Musiker-Abschied am tjg mit Beigeschmack

"Ich lade gern mir Gäste ein", singt Prinz Orlofsky in der Operette "Die Fledermaus" von Johann Strauß. Das Theater Junge Generation (tjg) ist bekanntlich keine Operettenbühne, aber Intendantin Felicitas Loewe scheint dieses Zitat - modifiziert - als Motto übernehmen zu wollen.

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Mit Instrumentenvasen der Keramikerin Iris Florstedt verabschiedete sich der tjg-Förderverein von den musikalischen Mitstreitern am Haus.

Quelle: M. Ernst

Mit dem gravierenden Unterschied, dass sie musikalische Gäste demnächst kaufen, Einladungen also teuer bezahlen muss. Dem tjg wird ein neues Konzept verpasst, alle vier dem Haus bisher verbundenen Musiker, teils seit vielen Jahren dort beschäftigt, wurden entlassen. Heißt es also "Ich kaufe gern mir Gäste ein" - oder soll die Musik im Theater künftig ganz verstummen?

Zum Ende der jetzigen Saison gab es am Freitagabend noch einmal richtig viel Musik rings um das Haus hoch über der Elbe. Aber keine Intendantin, die man fragen könnte. Sie blieb der Gartenparty ihres Theaters ostentativ fern. Dabei stand das Fest ganz im Zeichen ihrer Entscheidung, die Verträge des musikalischen Leiters Jörg Kandl sowie seines Kollegen Bernd Sikora nicht zu verlängern (DNN berichteten). Beide haben dutzende Bühnenmusiken komponiert und in zahllosen Vorstellungen musiziert. Auch auf das weitere Mitwirken des Bassisten Tom Goetze sowie des Posaunisten und Multiinstrumentalisten Christoph Hermann soll ab neuer Spielzeit verzichtet werden. Das Quartett zeigte sich reichlich enttäuscht, sieht den "respektlosen Umgang mit uns" als beleidigend und fand angesichts der Tatsache, dass ihre Namen schon jetzt nicht mehr auf der tjg-Homepage auftauchen, keine Worte.

Unisono klang da ein Bedauern durch, obwohl die Künstler alle wissen, dass es keine Garantien in einem kreativen Leben gibt. Es sind allerdings nicht ihre persönlichen Schicksale, die beklagt werden, sondern der menschliche Umgang im Theater sowie der Stellenwert von Musik an einem Haus, das vielen Kindern und Jugendlichen die ersten Begegnungen mit Kunst und Kultur bietet. "Die Kunstgattung Musik ist bedroht, wenn es am tjg keinen professionellen Musiker mehr gibt", bringt es Tom Goetze auf den Punkt. Mehrfach habe es daher Anfragen an die Intendantin gegeben, selbst das Ensemble blieb ohne Antwort. Desgleichen der Personalrat, der eine Auskunft nun einklagen wolle.

Christoph Hermann fragt sich, warum die künstlerische Leitung bei einer solchen Entscheidung keine Rechenschaftspflicht habe. Schließlich gehe es um Steuergelder und öffentlichen Bildungsauftrag. Da die Stadt als Träger des tjg Loewes Personalentscheidung widerspruchslos hinnahm und ihr trotz dieser Diskussionen den Vertrag verlängerte, wird intern gemutmaßt, dass mit diesem Schritt ein finanzielles Defizit wettgemacht werden soll. Eben dieser Spareffekt ist zu bezweifeln, falls die Musik am Haus nicht ganz verstummen soll. In seinem Vorwort zum aktuellen Spielzeitheft richtet sich Ralf Lunau als Bürgermeister für Kultur ans "Hochverehrte Publikum" und schreibt, dass Bildung im Theater "natürlich nie zu kurz kommen darf", also in "gestalteten Gesamtkunstwerken von Text, Musik (-) und vielen anderen Dingen".

Beim weiteren Blick in diese Broschüre, in der Felicitas Loewe dezidiert fragt "Welche Geschichten wollen wir Kindern, welche Jugendlichen erzählen? Und was sind die richtigen Mittel (-), um diese Geschichten auf die Bühne zu bringen?", finden sich denn doch einige neue Stücke mit Musik - von Gastmusikern zumeist. Lediglich für die Weihnachtsgeschichte "Es ist ein Elch entsprungen" habe es neulich eine Anfrage gegeben, um sie wieder aufzunehmen - nun freilich mit Kandl und Sykora in Gastrollen. Diese Kurzfristigkeit ist den betroffenen Künstlern ein "Ausdruck der Larmoyanz", die am Haus herrsche. Dass Livemusik in Zukunft "nach Kassenlage" und Musik ansonsten "irgendwie weiter" erklingen solle, zeuge nicht eben von hoher Achtung ihres Tuns, resümieren die Musiker: "Wir haben bisher hochwertige und gute Musik verantwortet."

Welche Wertschätzung sie dafür beim Publikum und im Ensemble genießen, das durften Tom Goetze, Christoph Hermann, Jörg Kandl und Bernd Sikora am Freitag deutlich erfahren. Alle vier erhielten den Ehrenpreis des tjg-Fördervereins als "Dankeschön für die besondere und lange Arbeit sowie mit dem Bedauern, dass sie nun nicht mehr zum Ensemble gehören", wie Monika Mehnert es formulierte. Auch die einstige Dramaturgin und heutige Vereinsvorsitzende zeigte sich DNN gegenüber erstaunt, dass die Personalie "nicht transparent" entschieden worden sei. Das wecke nur Vermutungen und Gerüchte, zumal auch ihr Verein keine Antwort auf das Warum erhalten habe. Dass diese Party im Zeichen des Abschieds stand, ging ebenfalls auf eine Entscheidung der Intendantin zurück, so Mehnert: "Wir wollten den Ehrenpreis wie üblich zur letzten Vorstellung vergeben, wurden aber gebeten, dies nicht öffentlich zu tun." - Jeder nach seinem Geschmack, das war auch schon bei Orlofsky Sitte.

Michael Ernst

www.tjg-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.07.2012

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