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Musikalische Zeitreise mit Bildern - Ute Lemper und Freunde zu Gast bei den Dresdner Musikfestspielen

Musikalische Zeitreise mit Bildern - Ute Lemper und Freunde zu Gast bei den Dresdner Musikfestspielen

So ganz und gar bierernst sollte man das Motto der "Goldenen 20er" sicher nicht nehmen. Es gibt eine Reihe von Konzerten der diesjährigen Dresdner Musikfestspiele, die dieses Thema bei genauerem Hinsehen nur über dramaturgische Umwege erfüllen.

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Ute Lemper und Freunde waren zu Gast im Dresdner Albertinum.

Quelle: Oliver Killig

Im Grunde gilt das auch für das Konzert "Ute Lemper und Freunde". Wiewohl La Lemper ihr Programm mit Chanson, Moritat und Tango garnierte und einige der wichtigsten Zutaten im Albertinum tatsächlich aus den 1920er Jahren auftischte, geriet es zu einer Zeitreise durch mehrere Jahrzehnte sowie rund um die halbe Welt.

Im ersten Teil mit Liedern, die einst Edith Piaf und Marlene Dietrich bekannt gemacht haben, ist die weltberühmte Actrice aus Münster ganz in ihrem angestammten Repertoire. Die Musik von Kurt Weill stand schon am Anfang ihrer Karriere, die sie inzwischen vom Chanson auch zu Film und Musical geführt hat. Doch ehe sie im Lichthof des Museums zu stimmig projizierten Bildern aus dem Bestand des Hauses so schmierige Gestalten wie Surabaya Johnny und Mackie Messer vorgestellt hat, unternahm sie einen Ausflug durch die Straßen von Paris, entführte mit sprödem Charme in die Rue Pigalle und servierte dem ohrwürmelnden Akkordeonisten eine laszive Abfuhr.

Die Lemper ist jedoch nicht die Piaf, ihre Kunst ist geradezu deutsche Perfektion bis in die letzte Geste und sowieso in allen Tönen. Das zeigt sie im auch schauspielerisch untersetzten "Milord", mehr noch in Friedrich Hollaenders "von Kopf bis Fuß auf Liebe" eingestelltem Marlene-Hit. Der ist längst Allgemeingut, wird mal besser, mal schlechter interpretiert - wie er aber hier mit aparter Begleitung von Cello und Viola umgesetzt wird und die Diva ihn vom Deutschen ins Englische über den Soul wieder zurück übersetzt, das hat besondere Klasse. Ähnlich gelungen klingt das im Wechsel von Melancholie und Tristesse bei Franz Waxmans "Allein in einer großen Stadt" an.

Nach kurzer Zäsur mit whiskydürstenden "Boys in the Backroom" bleibt die Lemper bei Dietrich nebst gierigen Männern und setzt deren "Lili Marleen" ein weiteres Denkmal, stimmt jedoch mit Hanns Eislers "Graben" zu Kurt Tucholskys Text und Otto Dix' "Krieg" als tragischer Vorgeschichte darauf ein. Über solche kollektiven Verbrechen spannt sich der dramaturgische Bogen zu den oben genannten Einzeltätern. Und immer mal wieder werden Bildzitate der Neuen Sachlichkeit eingeblendet, um Zusammenhänge von Genres und Geschichte(n) zu erhellen.

Im jiddisch gesungenen "Stillen Abend" von Chava Alberstein klingen schließlich auch die Gedanken an schuldlose Opfer an - nach einem klug proportionierten Programm wird das der Diva rasch erlegene Publikum nachdenklich in die Pause entlassen. Das vermeintliche Gold der 20er ist da schon längst in sinnlosen Grabenkämpfen unter Stiefeln zertreten.

Im zweiten Teil ihres Konzerts mit dem Titel "Paris Days - Berlin Nights" nimmt Ute Lemper ihre Gäste mit auf große Fahrt zum argentinischen Tango von Astor Piazzolla sowie zum Chanson des belgisch-französischen Künstlers Jacques Brel. Durch die Zeit und durch die Welt will sie uns führen, plättet dabei just die glutvolle Halbwelt von Buenos Aires ein wenig zu glatt, textet die vergessene Sehnsucht des Welthit gewordenen "Oblivion" noch einmal neu und lässt dabei die südamerikanisch packenden Lebens(ab)gründe etwas vermissen. Über einen nochmaligen Abstecher nach Paris mit dem dann doch sentimentalen "La vie en rose" der Piaf ging es zu Brel und wieder zurück zu Kurt Weill: "Speak low" als von der Sängerin trompetetes Extempore, mit dem sie ihre musikalischen Freunde auf der Bühne ebenso umschwärmte wie namentlich auch den Festspielintendanten und das begeisterte Publikum im Saal.

In ganz besonderer Weise hörenswert sind die exquisiten Arrangements des Pianisten, Akkordeonisten und Klarinettisten Stefan Malzew, die er der Lemper und dem Vogler Quartett wie auf den Leib geschrieben hat. Da werden Nervenbahnen angepiekst, musikalische Strukturen offenbart und Gefühle transportiert. Diese Interpretation auf durchweg hohem Niveau hat sich bereits im Entrée mit Erwin Schulhoffs leider nur 1. Satz aus seinem 1. Streichquartett angekündigt. Dieses in einem solchen Programm vielleicht unerwartete Stück verbindet geschickt die klingenden Aufbrüche mit dem humanistischen Verfall der blutigen Jahrzehnte zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.06.2014

Michael Ernst

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