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Musik zwischen den Welten: Kubanischer Start mit Abstrichen

Musik zwischen den Welten: Kubanischer Start mit Abstrichen

Vielleicht muss man sich bewusst machen, dass man bei Buena Vista Social Club immer Ry Cooder mithört und Wim Wenders mitsieht - und das Ergebnis auch deswegen als so intensiv, so atemberaubend, so fesselnd, so magisch erlebt.

Immer noch, auch nachdem die Songs in sämtlichen Latte macchiato-Lounges als Hintergrundgesäusel missbraucht wurden. Diese kubanischen Klänge und Bilder im Bewusstsein, freute man sich auf den Start in die neue Saison der Musik zwischen den Welten im Kleinen Haus des Staatsschauspiels mit Soneros de Verdad, angepriesen als legitime Nachfolger und zweite Generation eben jenes legendären Alten-Clubs. Die Verbindungen sind da. Luis Frank Arias Mosquera, Chef der Truppe, gehörte als jüngstes Mitglied zum Buena Vista, war dort mit seinem tiefen Gesang auch durchaus prägend.

Aber: Einer dieser alten Herren erschafft nicht die besondere Magie, die Zigtausende mit der Kultur Kubas vertraut gemacht hat, vermutlich auch mit dafür gesorgt hat, dass jene Zigtausende in die All-Inclusive-Resorts in Varadero und Holguin strömen. Vor allem nicht, wenn der zweite Gesangsstar neben ihm, Mario Enrique Rivera Godines, eher ein - formulieren wir es höflich - Crooner ist. Auf gut Deutsch: ein Schnulzensänger. Okay, bevor der Aufschrei kommt: Er gilt als einer der namhaftesten Latinsänger und ist eine Salsalegende. Also: ein Schnulzensänger.

Natürlich beherrscht er sein Handwerk ebenso perfekt wie Juan de la Cruz Antomarchi, der mit der Tres Cubano, jenem typisch kubanischen Saiteninstrument, das der akustischen Gitarre und ein bisschen auch der Mandoline verwandt ist, ein wahres Feuerwerk entzündet; wie der Trompeter Lázaro Amauri Ovieo Dilout, der mal melodiös den Song prägt, mal durchdringende, laute Töne, in den Raum schickt; wie die zurückhaltenden, jedoch musikalisch grandiosen Nicolás Alberto Sirgado Llanes am schmalen E-Bass und Carlos Querol Aldana an der Gitarre. Und mitunter erinnert jene gefällige rhythmische Tanzmusik durchaus an Momente, die man im wirklichen Kuba erlebte, wenn auf einem Dorfmarktplatz, weitab von jedem Touristentrubel, auf einmal eine Kapelle aufspielte und Kubaner zu tanzen begannen. Meist aber denkt man eher, dass es so in den All-inclusive-Resorts zugehen muss. Am Folklore-Abend.

Das Publikum im restlos ausverkauften Kleinen Haus ist begeistert. Wobei dort auch etliche Farbige sitzen, vermutlich der größte Teil der spanisch-sprechenden Einwohner der Stadt, denn sie verstehen die Ansagen mühelos, reagieren begeistert, gehen mit. Und so wird es dann ein ganz anderer Abend, einer des Mitmachens vom Mitklatschen beim ersten Cha-Cha-Cha bis hin zu einer wirklich guten Gesangseinlage einer afroamerikanischen Frau, die gemeinsam mit Luis Frank "Besame Mucho" intoniert. Dazwischen jedoch auch Tanzeinlagen von weiblichen Gästen, die von gekonnt bis peinlich-exhibitionistisch reichten. Hatte man beim ersten großen Gesangspart jenes alten Herrn Luis Frank noch "würdevoll" gedacht, so wünschte man sich spätestens an diesem Moment zurück auf jenen kleinen Marktplatz zu der namenlosen Combo.

Vergangenen Mittwoch konnte man beim Film "Sushi in Suhl" verfolgen, wie sehr die DDR auf Devisen angewiesen war. Das gilt fürs heutige Kuba umso mehr. So werden die acht Musiker wohl weiter eifrig um die Welt geschickt; mit dem Etikett des grandiosen Buena Vista Social Club dürften sie dafür sorgen, dass ordentlich Geld auf die darbende Insel gespült wird. Die Magie jener alten Herren jedoch - zumindest so, wie wir sie mit Hilfe von Ry Cooder und Wim Wenders erleben - haben sie nicht im Gepäck. Im Gegenteil: Wenn sie als Zugabe "A Buena Vista" als schnelles Tanzstück spielen, dann klingt das einfach nur schal. Beate Baum

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.09.2012

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