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Musik versteht jeder: Christian Thielemann und die Staatskapelle Dresden sind von ihrer Asien-Reise zurück

Musik versteht jeder: Christian Thielemann und die Staatskapelle Dresden sind von ihrer Asien-Reise zurück

Nach ihrer zweieinhalbwöchigen Asien-Reise sind wieder da: Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle. Es waren alles in allem wohl mehr als 20 000 Asiaten, vor denen das Orchester in insgesamt zehn Konzerten einschließlich zweier Außenübertragungen per Public Viewing aufgetreten ist.

Gestern Abend kam die Kapelle zurück, nach insgesamt etwa 18-stündiger Reise - vom Hotel in Peking bis zur Haustüre in Dresden - dürfte zwar jeder erschöpft, aber eben glücklich erschöpft sein und hat nun viel zu berichten.

Wovon werden sie anfangen mit ihrem Resümee? Von den grandiosen Konzertsälen in Kyoto, Nagoya, Tokio und Yokohama? Von der DVD-Aufnahme für den aktuellen Brahms-Zyklus, die in enger Zusammenarbeit mit dem japanischen Fernsehsender NHK in dessen gleichnamigem Auditorium entstand und die 1. sowie die 3. Sinfonie des Hamburgers beinhaltete? Von der gnadenlos puren Akustik in der Suntory Hall, wo das verwöhnte Tokioter Publikum in höchster Sensibilität mitfieberte, als das Vorspiel und "Isoldes Liebestod" aus Richard Wagners "Tristan und Isolde" sowie die 7. Sinfonie von Anton Bruckner erklungen sind? Oder doch eher von der Nationalen Konzerthalle in Taiwans Hauptstadt Taipeh, wo wie an manch anderer Station auch Vorspiele und Ouvertüren von Wagner mit der 1. Sinfonie von Johannes Brahms gekoppelt worden sind und nicht nur im gediegenen Ambiente des von einer riesigen Orgel geschmückten Saal, sondern bei angenehm südländischen Temperaturen auch auf dem riesigen Platz davor vom enthusiasmierten Publikum mitverfolgt wurden?

Gewiss werden Eindrücke des Großstadtmolochs Tokio in die Erzählungen mit einfließen, wo trotz fehlender Stadtgrenzen von den dichtgedrängt miteinander lebenden 36 Millionen Menschen kaum Lärm auszugehen scheint, sondern eher eine besondere Form von disziplinierter Harmonie. Die Geschwindigkeit jedoch nicht ausschließt, denn von Tokio aus ging es per Shinkansen-Express in die alte Kaiserstadt Kyoto und drei Tage später nochmal nach Nagoya. Von Wiederbegegnungen wird erzählt werden, die es mit den bombastischen Sälen, aber längst auch mit begeisterten Menschen gab. Manch Musiker, der bereits seit Jahrzehnten auf Asien-Reisen dabei war, hat enge Freundschaften über die räumlichen und zeitlichen Distanzen hinweg schließen können, woraus wechselseitige Besuchsreisen wurden. Künstlerkollegen hat man wiedergesehen, die auch grad in Fernost zu Gast waren, und natürlich die umtriebigen Mitarbeiter von Japan Arts, die den ersten Teil der Tournee "wie am Schnürchen" gemanagt haben.

Von Taipeh an lagen Betreuung und Organisation in Händen von Wu Promotion, einem Unternehmen, das es so eigentlich nicht geben dürfte. Es widmet sich seit 21 Jahren dem Kulturaustausch zwischen Europa und China, obwohl solche Agenturen in der Volksrepublik erst seit 2005 offiziell erlaubt sind. Doch Gründungschef Jiadong Wu ist ein Meister, wo es um unorthodoxe Lösungen geht. Da öffnen sich alle Türen, ist jeder Weg an den Flughäfen für die Dresdner gekennzeichnet, und es rollen die Busse - soweit dies der Stop-and-Go-Verkehr von Shanghai und Peking noch zulässt. Gegen den täglichen Kollaps auf vielspurigen Straßen ist auch Meister Wu machtlos, schon gar, wenn die Uniformbanden am Platz des Himmlischen Friedens wenige Tage vor Ausbruch des 18. Parteikongresses geradezu freidrehen.

Beeinträchtigt hat der Politpopanz die Kulturreise freilich nicht. Wenn denn mal Zeit gewesen ist, haben sich die Damen und Herren des Orchesters eher um Architektur, Golf, Museen und Sport gekümmert. Bei einer von der Berliner Firma Tour Concept, die reibungslose Reiseabläufe verantwortete, zu deren 20-jährigem Bestehen ausgerichteten Bootsfahrt auf dem Huangpu-Fluss durch Shanghai etwa wurde die nächtliche Skyline in Hunderten von Gigabits gebannt, ähnlich wird es bei Ausflügen in die Verbotene Stadt und den kaiserlichen Sommerpalast in Peking zugegangen sein.

Bei solchen Berichten darf natürlich die Kulinarik nicht fehlen, wobei wohl in den seltensten Fällen die klassische Peking-Ente gemeint ist. Die bunten und lautstarken Nachtmärkte in Taipeh hingegen hatten von süß und sauer bis scharf und sehr, also seeehr scharf ziemlich alles aufzubieten.

Unbedingt werden die Publikumsreaktionen bespiegelt, sei es das konzentrierte Verhalten in Japan, sei es der jugendliche Elan in Taiwan oder auch die per elektronischer Anzeige von Beifall in den Satzpausen abgehaltenen Zuhörer in Shanghai. Erst beim allerletzten Konzert Samstag Abend musste Thielemann wegen zu lauter Störgeräusche einmal abbrechen, um dann Klangkultur vom Feinsten auskosten zu können. Dass er alle Programme von Brahms und Bruckner bis Wagner auswendig dirigiert hat, brachte ihm beim Orchester hohe Anerkennung ein.

Wenn endlich alles erzählt ist, kommt vielleicht die Frage nach den "vergessenen" Abenteuern. Darf es bei einer solchen Gastspielreise Geheimnisse geben? So ein Kulturaustausch ist schließlich keine einseitige Botschaft, sondern soll bilden und Brücken schlagen. Zusammenkünfte mit Wirtschaftspartnern und Politikern wollen in die Zukunft weisen - wann gibt es die nächste Asien-Tournee und wie sieht es mit einem der Staatskapelle ebenbürtigen Konzerthaus in der Elbe-Stadt aus? Die Koproduktion von Salzburger Osterfestspielen, Kapelle, Semperoper und Pekings Musikfestival weist in die richtige Richtung. "Parsifal" im Wagner-Jahr wird ein globales Ereignis.

Überschattet war diese Reise vom Ableben des Capell-Compositeurs Hans Werner Henze. Ausgerechnet in Dresden. Am Dienstag soll der Komponist in der Nähe von Rom beigesetzt werden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.11.2012

Michael Ernst

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