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Musik und Geschichte(n) aus fruchtbarer Zeit

Musik und Geschichte(n) aus fruchtbarer Zeit

Mit Glück finden Musik und Konzertsaal stilistisch so ideal zueinander, wie das Programm aus böhmischen Streichquartetten und der Festsaal des Marcolini-Palais: Die Konzertreihe im Friedrichstädter Krankenhaus bietet in Dresden eine wichtige Bühne für selten Gespieltes und regt oft Musiker an, abseits ausgetretener Pfade Noten auf die Pulte zu stellen, die sonst ungespielt in Bibliotheken lagern.

Die tschechische Geigerin Adéla Drechsel hatte ad hoc Kollegen zu einem Streichquartett versammelt, Prager Archive durchstöbert und auch den passenden "Reiseführer" aufgetrieben, aus dem sie zwischen den Stücken vorlas. Zwischen 1770 und 1772 bereiste der musikbegeisterte Brite Charles Burney (1726-1814) den Kontinent und schrieb das Erlebte im "Tagebuch seiner Musikalischen Reisen" auf, das schon 1773 in zeitgenössischer Übersetzung erschien. In Böhmen machte Burney die Erfahrung, dass in allen Schulen "die Kinder beyderley Geschlechts" außer Lesen, Schreiben und Rechnen auch Musikinstrumente erlernten: Jedem Kind ein Instrument... Was man sonst mit Glück auf CD finden kann, brachte dieses Konzert: Böhmische Streichquartette jener Komponisten, die das Genre mitbegründeten und die für Haydn oder Mozart die nötigen Anregungen lieferten.

Mit Carl Stamitz (1745-1801) war das Programm gleich zu Beginn bei der zweiten, in Deutschland geborenen Generation der Familie Stamitz angekommen. Dennoch blieb der Klang der alten Heimat im melodiös schweifenden Variationssatz seines zweiten Streichquartetts A-Dur erkennbar, der allen Mitgliedern des Ensembles (Adéla Drechsel, Heide Schwarzbach, Violinen; Christiane Max, Viola; Christian Drechsel, Violoncello) Gelegenheit zum lebhaften Präsentieren der Instrumente gab. Als besonders humorvoll erwies sich der weidlich unbekannte Antonín Kammel (1730-1784), den es nach London verschlug und dessen Streichtrio G-Dur für zwei Violinen und Cello einen langsamen Satz voller Tiefe und Ernsthaftigkeit besaß. Der in Brüx geborene Wiener Hofkapellmeister Florian Leopold Gassmann (1729-1774) schrieb im galanten Zeitalter so fundierte Musik, dass sie Burney eine ausführliche Beschreibung wert war: Eine mit allen Finessen gearbeitete Fuge als zweitem Satz des Streichquartetts Nr. 5 d-Moll nötigte auch den Musikern Respekt ab.

Unterhaltend frisch, dabei schon vorausblickend auf die Dichte der Ideen eines Beethoven war schließlich Frantisek Xaver Duseks (1731-1799) Divertimento A-Dur: Ernst und innig zugleich, die Einfälle immer weitertragend. Dass die Fülle des musikalischen Gehalts dieser vier Werke "ad hoc" nicht zur Perfektion gebracht werden konnte, störte an diesem Abend wenig, denn das Wesentliche erfassten die vier Musiker: Sie spielten die raren Stücke auf zeitgenössischen Instrumenten (in Dresden für Musik dieser Epoche noch immer eine Ausnahme) bedingungslos musikantisch und mit viel Sinn fürs Gemeinschaftliche.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.06.2012

Hartmut Schütz

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