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Musik für Millionenstädte: Die Dresdner Philharmonie unter Michael Sanderling gastierte in Asien

Musik für Millionenstädte: Die Dresdner Philharmonie unter Michael Sanderling gastierte in Asien

96 Philharmoniker sind müde, aber zufrieden nach Dresden zurückgekehrt. Sie haben eine Tournee voller Höhepunkte hinter sich, vom Auftakt in der boomenden Zig-Millionen-Stadt Guangzhou (Kanton) über die Orchesterdebüts in Hongkong und Macau bis zum Abschluss in der koreanischen Hauptstadt Seoul, die über ein wahrlich eindrucksvolles Musikleben verfügt.

Überall, auch im sechsten Konzertort, dem südkoreanischen Incheon, wurden die Philharmoniker, Chefdirigent Michael Sanderling und die Solistin Julia Fischer von einem teils kenntnisreichen, teils eher neugierigen Publikum begeistert gefeiert.

"Alle Konzerte fanden in Sälen und vor Publikum statt, wie man sie sich besser nicht vorstellen kann", schwärmte denn auch Michael Sanderling. "Die Atmosphäre war wunderbar, das Publikum sehr interessiert und schön zu begeistern, und das färbt auf das eigene Gefühl beim Musizieren ab. Deshalb waren es glückliche Konzerte." Mit einem ambitionierten Programm! Den kurzen Auftakt machte Wagner, Tristan oder Lohengrin, dann folgte das Violinkonzert von Dvorák oder Brahms mit Julia Fischer, dem Orchester seit langem verbunden und in dieser Saison Artist-in-Residence. Nach der Pause dann jeweils ein Paradestück der Dresdner: Brahms' vierte Symphonie, die Vierte von Tschaikowski und einmal die Siebte von Beethoven. In Incheon, der Zweieinhalbmillionen-Stadt nahe Seoul, klatschte das Publikum bei der Zugabe, Brahms' Ungarischem Tanz Nr. 5, euphorisch mit. In Hongkong sorgte ein Arrangement von Beethovens "Verlorenem Groschen", das das Orchester in höllisch-virtuosem Tempo spielte, für Verblüffung.

Auch Sanderling wurde zu Recht gefeiert. Wie er das Orchester mit großer Umsicht organisiert und im Konzert nicht nur Probenergebnisse abruft, sondern die Musiker sichtlich inspiriert, machte Eindruck. Ebenso unverkennbar ist, dass die Chemie zwischen ihm und dem Orchester stimmt.

Dass es gelungen ist, den Menschen in sechs ausverkauften Konzerten Freude zu machen, wäre an sich schon Berechtigung genug für die Tournee. Doch solche Reisen sind noch aus weiteren Gründen wichtig. Weltweit gibt es nur etwa 50 Orchester, die genügend Qualität und Renommee haben, in die Musikmetropolen der Welt eingeladen zu werden. Gerade Ostasien ist ein beliebtes Ziel. Denn hier herrscht nicht nur große Begeisterung für die Musik, hier werden auch so ordentliche Gagen gezahlt, dass sich ein solches Riesenunternehmen trägt. Allein schon der Transport der 68 Kisten mit Instrumenten, Konzertkleidung, Noten etc. erfordert eine ausgeklügelte Logistik. Doch das Paket "Dresdens Klang", Julia Fischer und Michael Sanderling zog genug zahlungskräftiges Publikum, um alle Beteiligten glücklich zu machen. "Für den Marktwert eines Orchesters sind solche Tourneen enorm wichtig", sagt Philharmonie-Intendant Anselm Rose. "Natürlich geht es der Philharmonie in erster Linie darum, den Dresdnern gute Konzerte und Programme zu bieten. Aber wer in der ersten Liga der Klassikwelt mitspielen will, muss international wahrgenommen werden - und das wird man mit CD-Aufnahmen und durch Gastspiele." Auf seinen Tourneen fungiert das Orchester zudem als "Türöffner" für Wirtschaft und Politik. Diesmal traf sich eine Delegation der Stadt Dresden und des Landes Sachsen am Rande des Konzerts in Seoul mit südkoreanischen Gesprächspartnern.

Nicht zuletzt ist eine solche Tournee aber auch gut für die Musiker. Die Erlebnisse der Reise, die Eindrücke, Begegnungen und natürlich die Erfolge inspirieren. Solobassist Benedikt Hübner nutzte den Hongkong-Aufenthalt für eine Meisterklasse an der Hochschule, während sich die beiden Koreanerinnen Eunyoung Lee und Soo Hyun Ahn, letztere als Solo-Bassistin ganz frisch in der Philharmonie, auf und über das Wiedersehen mit ihren natürlich mächtig stolzen Familien in Seoul freuten.

Vor einer besonderen Herausforderung stand Almut Placke vom Künstlerischen Betriebsbüro, die vor den letzten drei Konzerten jeweils einen neuen Kontrabass auftreiben musste - gleich zwei der neun Bässe gingen unterwegs kaputt. Aber vor größeren Katastrophen blieb man zum Glück verschont. Selbst an anstrengend langen Reisetagen mit Flugzeug, Bahn, Fähre oder Bus herrschte gute Stimmung. "Es ist ein unglaublich nettes Orchester", sagt die junge Geigerin Denise Nittel, die zum ersten Mal mit ihm unterwegs war. "Auf so einer Reise lernt man die Kollegen viel besser kennen, und ich bin sehr positiv überrascht."

"Unserer Kultur wird große Wertschätzung entgegengebracht"

Ein Gespräch mit Philharmonie-Konzertmeister Ralf-Carsten Brömsel und dem Oboisten Guido Titze

Frage: War es aus Ihrer Sicht eine erfolgreiche Reise?

Ralf-Carsten Brömsel: Sehr erfolgreich. Wir reisen ja mit Freuden immer wieder nach Ostasien. Diesmal hat es Riesenspaß gemacht, ein neues Publikum in Südchina kennenzulernen und unsere Musik einer neuen Mentalität zu präsentieren. Die Reaktionen waren phantastisch. Wir sind richtig euphorisch.

Guido Titze: Die Reaktionen des Publikums waren herrlich für uns. Die Säle waren schön, manche sogar sehr schön, was für uns wichtig ist, weil wir zu Hause ja im Moment nur in Provisorien leben. Ich bin sehr beeindruckt davon, was hier geleistet wird. Obwohl es nicht ihre eigene Kultur ist, sind die Leute nicht nur an unserer Musik wie an etwas Exotischem interessiert, sondern sie haben für sie auch perfekte Bedingungen geschaffen. Unserer Kultur wird eine ganz große Wertschätzung entgegengebracht. Ich wünsche mir, dass unsere Entscheidungsträger unsere Werte auch so hoch schätzen, wie es hier geschieht.

Frage: Sie waren schon häufiger in Japan und Südkorea. Hat sich etwas verändert gegenüber früheren Jahren?

Ralf-Carsten Brömsel: Als wir die ersten Japanreisen unternommen haben, hatte das noch einen exotischen Touch. Mittlerweile ist die Welt so globalisiert, dass man viel voneinander gelernt hat, und doch genießt man es, dass der andere von woanders kommt. Ich finde es wunderbar, dass die Leute immer noch begeistert sind - obwohl sie uns schon jahrelang kennen. Die Neugier ist ungebrochen, und deshalb macht es uns immer wieder Spaß, diese Musik hierher zu tragen.

Frage: Die Philharmonie ist ein Orchester, in dem alle an einem Strang ziehen und in dem eine gute Atmosphäre herrscht. Wie schaffen Sie das?

Ralf-Carsten Brömsel: Wenn man mit diesen Kunstwerken umgeht, muss man innerlich eine gewisse Haltung mitbringen, eine gewisse Ehrfurcht, eine gewisse Bescheidenheit, und die zieht wiederum nach sich, dass man denen gegenüber, mit denen man gemeinsam musiziert und täglich zusammen ist, ein großes Maß an Toleranzbereitschaft zeigt. Sonst funktioniert das alles nicht.

Guido Titze: Dass das in unserem Orchester anscheinend besser funktioniert als in manch anderem, freut uns natürlich. Aber dieses Miteinander ist Teil unserer Kultur und für uns ganz selbstverständlich.

Ralf-Carsten Brömsel: Ich bilde mir sogar ein, dass diese Homogenität auch unseren Klang positiv beeinflusst.

Interview: Arnt Cobbers

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.11.2013

Arnt Cobbers

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