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Mr. Forsythes Skizzenblock - "Study # 3" im Festspielhaus Dresden Hellerau

Mr. Forsythes Skizzenblock - "Study # 3" im Festspielhaus Dresden Hellerau

Wer konnte ahnen, dass diese jetzt erstmals in Dresden zu sehende Produktion, 2003 in Kooperation mit dem Teatro Grande im italienischen Brescia entstanden, so gut am Anfang vom Ende funktioniert.

Jetzt ist es klar, die Zeit der Forsythe Company geht zu Ende. Bevor ab 2015 Jacopo Godani mit seiner Company die Nachfolge antreten wird, erleben wir jetzt in Hellerau eine Übergangsspielzeit.

Und "Study # 3" passt wunderbar zur Eröffnung dieser "Abschiedsspielzeit". Es ist eine Abfolge kurzer Zitate aus Arbeiten der Forsythe Company, Skizzen und Motive aus 30 Jahren choreografischer Arbeit, mitunter nur Andeutungen. Das Ganze erlebt man in einer Art Arbeitssituation, 18 Tänzerinnen und Tänzer in Trainingskleidung und Socken als Markenzeichen des zeitgenössischen Tanzes im leeren Raum ohne Lichtspiele. Spezialisten werden wahrscheinlich die eine oder andere Sequenz einem der fast 30 zitierten Stücke zuordnen können. Aber eigentlich erkennt man eher wiederkehrende Motive, deren Wandel, mögliche Korrespondenzen.

Gut zu sehen ist, wie William Forsythe den neoklassischen Stil, von dem er ja kommt, radikal verändert, ohne allerdings den tänzerischen Charakter zu vernachlässigen.

So sieht man in dieser Abfolge von Skizzen wunderbare, sensible Passagen, Duette oder Soli, mit diesen typischen, weit hoch drehenden Figuren, diesen auch so typischen, schlenkernden Armen, dazu Sprünge oder Pirouetten. Natürlich sieht man auch die typischen Häkelmuster verknüpfter Körper. Und dann ist da auch viel Einsamkeit. Kurz nur füllt sich die Bühne fröhlich und bunt zu Beginn, dann folgt immer mehr Vereinzelung, Kommen und Gehen, wenig Kommunikation.

Weil es wohl nicht die Absicht ist, den Zuschauer rätseln zu lassen, hat man jetzt auch darauf verzichtet, die Titel der zitierten Stücke aufzuführen. So erlebt man die Einladung, sich einzulassen auf diese Abfolge von Rätseln und mitunter so kräftigen wie absurden Scherzen.

Die Ankündigung allerdings, diese Arbeit von Forsythe und seiner Company würde sich auf Giacomo Puccinis Oper "Madama Butterfly" beziehen, deren zweite, leicht veränderte Aufführung nach dem eklatanten Misserfolg an der Mailänder Scala, eben im Opernhaus von Brescia den Welterfolg einleitete, ist missverständlich. Mögliche Bezüge, die sich vom Ort her ableiten ließen, sind eher versteckt, nicht aber in dem Sinne, dass man musikalische Zitate Puccinis erwarten könnte.

Für Forsythe geht es um den legitimen Prozess der Veränderungen eigener Stücke sowie der Zitate eigener Schöpfungen, als beständige, konstruktive Auseinandersetzung mit den eigenen Arbeiten. Da mag es Parallelen geben. Auch ein Komponist erforscht stimmliche und musikalische Möglichkeiten, übernimmt und verändert eigene Motive, stellt Altes und Neues in klingende Korrespondenzen. So geht es auch bei Forsythe und den Skizzen aus 30 Jahren um die Erforschung des körperlichen Bewegungspotenzials im Verhältnis zu Raum und Klang.

Und die Klänge, abgesehen von den unvermeidbaren akustischen Zitaten des Elektrosoundmeisters Tom Willems, die kommen größtenteils von den Protagonisten selbst. Sie deklamieren unentwegt in Fantasiesprachen, als würden sie in Trance und Glossolalie verfallen. Aber die Tänzer verstehen das und empfangen jene Signale, die ihr Körpergedächtnis aktivieren. Tänzer produzieren exotische Vogelstimmen, es gibt Textschnipsel, eine kafkaeske Geschichte im Flughafen, es gibt vor allem handfeste Ironie, etwa wenn ein Tänzer mit wildem Pathos eine unverständliche Ansprache hält und seine Appelle von leeren Blättern liest.

Aber auch das merkt man: Seit es aufkam, Tänzer an Mikrofone zu stellen und reden zu lassen, wurde es auch immer schwerer, das rechte Maß zu finden. So ermüden diese Arten der Zitate bald, und die Frage schleicht sich ein, ob dieser Abschiedsabend als Anfang vom Ende mit gut 80 Minuten Dauer nicht doch ein wenig zu lang geraten ist.

Weitere Aufführungen: heute und morgen, in der nächsten Woche, von Mittwoch bis Sonnabend, jeweils 20 Uhr, im Festspielhaus Hellerau, dem Europäischen Zentrum der Künste. www.hellerau.org

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.09.2014

Boris Gruhl

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