Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Google+
Mozarts mythische Flower-Power: Apollo&Hyacinthus feiert als Low-Budget-Produktion Premiere

Mozarts mythische Flower-Power: Apollo&Hyacinthus feiert als Low-Budget-Produktion Premiere

Ein Regal, ein paar Blumen, etwas Geschirr und Kostümierung, ein paar Videoprojektionen: Fertig ist der angedeutete Thronsaal, in dem sich das Herrscherhaus zur Orgelandacht selbst beweihräuchert.

Voriger Artikel
Zu viel gewollt, zu wenig gewonnen: Hans Werner Henzes "Wir erreichen den Fluss" hat Premiere an der Dresdner Semperoper
Nächster Artikel
Ende der Heimlichkeiten: Wie die Dresdner off-space-Projekträume den widrigen Bedingungen trotzen

Szene aus "Apollo et Hyacinthus". 400 Euro Budget hatten die Macher von szene12 zur Verfügung.

Quelle: PR

Wenn das Budget gering ausfällt und das größte Kapital der Enthusiasmus aller (unentgeltlich agierenden) Beteiligten ist, funktioniert auch dies. Der Opernfreund wird es verschmerzen, den Prunk holt er sich zur Not im Abonnenten-Stadl in der Semperoper, wo die Kulissen ja gelegentlich wie mit der ornamentalen IKEA-Spritztüte in allen Farben des Regenbogens gegossen wirken.

Was das studentische szene12-Team um Regisseur Toni Friedrich im Labortheater der HfbK bei der Premiere am Donnerstag auf die Beine stellte, kam ohne derlei Ziersträucher auf der Bühne aus und hatte dennoch Hand und Fuß (Bühne und Kostüme: Leonore Pilz und Dennis Ennen, Licht: Philipp Blessing). Was den Kreativverbund, der sich hinter der neu gegründeten szene12 verbirgt und weniger bekannte Stoffe in Angriff zu nehmen gedenkt (DNN-Bericht vom 11.9.), zur Namensgebung inspiriert hat, ist leider nicht bekannt - möglicherweise ist das Höchstalter der aufgeführten Komponisten ausschlaggebend, denn mit "Apollo et Hyacinthus" fiel die Wahl auf eine Oper des gerade einmal elf Jahre alten Wolfgang Amadeus Mozart.

Dramaturg Christian Raschke hat das Werk mit einem Lustspiel des Lexikographen Kasper Stieler verschnitten, das noch einmal 100 Jahre mehr auf dem Buckel hat als Mozarts Frühwerk. Unter der sicheren Hand des musikalischen Leiters Michael Blessing kommt so ein kurzweiliges Singspiel zur Aufführung, in dem zwar auch die Königin der Nacht ein kurzes Grußwort entbieten darf, die Intrige ansonsten aber Männersache bleibt. Der missgünstige Zephyrus verleumdet den Königssohn Hyacinthus als Frau, der die Thronfolge gar nicht zustehe. Die Krönung des Rivalen verkraftet Zephyrus nicht, er tötet ihn und will die Tat dem Apollo in die Schuhe schieben.

Im Lustspiel kann die dynastische Katastrophe - ein weiblicher Hochstapler auf dem Thron! -, die das kollektive Vorstellungsvermögen seit Jahrhunderten kitzelt, in der Regel zugunsten eines glücklichen Ausgangs abgewendet werden. Oder sie gerät, wie in Monty Pythons "Ritter der Kokosnuss", gleich vollends zur Groteske, da der König seinen weibischen Sohn ("Ich wollte immer nur singen!") mit Freuden gegen den Ritter eintauscht, der gerade den halben Hofstaat massakriert hat.

Von der ursprünglichen Ovid-Legende bleibt bei Mozart jedenfalls wenig übrig: Zwar steigen auch hier noch aus Hyacinthus' Grab die Blumen, die seinen Namen tragen werden, doch die Homoerotik im Verhältnis zwischen Apollo und Hyacinthus wird so gut wie nivelliert, der androgyne Apollo gar zum romantischen Hetero-Happy-End mit der Königstochter Melia verdonnert. Toni Friedrichs Inszenierung findet Wege, den Subtext wieder sichtbar zu machen.

Ein Liebesduett zwischen Melia und Apollo, zu dem dieser den begehr- ten Hyacinthus in die Gestalt seiner Braut projiziert, ist das Glanzstück der an Einfällen nicht armen Inszenierung. Zu weiteren Höhepunkten stacheln sich die von Jakobus Cladziwa am Klavier begleiteten Sänger gegenseitig an und entschädigen auch da- für, dass in der Partitur die Koloraturen noch wilder zu sprießen drohen als die Hya-zinthen - vermutlich mussten schon in der Uraufführung 1767 die Sänger ausbaden, dass Leopold Mozart seinem Filius das Spielzeug weggesperrt hatte.

Dieser Herausforderung sind die jungen Stimmen glücklicherweise vollends gewachsen: Die Soprane Gloria Ebert (Hyacinthus) und Marie Hänsel (Melia) bewältigen ihre kräftezehrenden Arien in Latein ebenso glänzend wie Tobias Link und Counter-Tenor Jean-Max Lattemann ihre Parts als König Oebalus bzw. Apollo. Der dramaturgisch saftigste Part als Schurke Zephyrus obliegt Meinhardt Möbius, der ihn mit der ganzen Abgeklärtheit eines perfiden Repertoire-Schurken zu füllen vermag. Wenn die mit viel Applaus herzlich aufgenommene Premiere von "Apollo et Hyacinthus" ein Maßstab für künftige Projekte ist, dürfte von den musikalischen Frühblühern des Labortheaters noch viel zu erwarten sein.

Wieland Schwanebeck

Nächste Aufführung: Sonnabend (20 Uhr), www.szene12.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.09.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr