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Mozarts Opera buffa "Le nozze di Figaro" als Premierenfinale der Saison in der Semperoper

Mozarts Opera buffa "Le nozze di Figaro" als Premierenfinale der Saison in der Semperoper

Ein wahres Kunststück in Sachen Geschwindigkeit erlebt man, wenn die Mitglieder der Staatskapelle unter der Leitung von Omer Meir Wellber die Ouvertüre dermaßen rasant zu musizieren verstehen, als wollten sie die Rasanz Mozarts noch übertreffen.

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(K)eine blaue Stunde für Christoph Pohl (Il Conte d'Almaviva), Emily Dorn (Susanna) und Zachary Nelson (Figaro).

Quelle: Matthias Creutziger

Mozarts Oper ist ein Kunststück, denn in nur knapp drei Stunden erleben wir einen ganzen tollen Tag, der früh beginnt und so gegen Mitternacht zu Ende geht. Mozarts Kunst aber hat mehr zu bieten als Raserei. Immer wieder, besonders in den beiden Arien der Gräfin, im "Briefduett" mit Susanna und deren "Rosenarie", oder wenn Barbarina zutiefst berührend davon singt, dass sie eine kleine Nadel verloren habe und man versteht, dass diese junge Frau an diesem Tag weit mehr verloren hat, dann lässt sich Mozart Zeit. Dann scheint die Zeit in diesem Theater der Tollerei still zu stehen. Dann klingt etwas an von der herzlichen Zuneigung, mit der Mozart diese Menschen auf der Suche nach sich selbst uns nahe bringen will.

Auch der Dirigent will uns sehr nahe kommen, möchte uns faszinieren, verblüffen und immer wieder erheitern, möchte uns staunen und innehalten lassen. Daher lässt er schon mal dem rasenden Wahnsinn freien Lauf, um dann auch wieder das Maß der Langsamkeit anzulegen. Welch Glück, dass da in Dresden hochversierte Musiker sind, die nicht nur zu folgen, sondern noch das wildeste Rasen in Klang zu wandeln wissen und Langsamkeit nicht zum Stillstand werden lassen. Zudem begleitet Omer Meir Wellber am Cembalo und Hammerklavier die Rezitative selbst und unternimmt dabei so manchen selbstgewählten Ausflug in andere Gefilde der Musikgeschichte. Einer führt bis in das Jahr 1945. Der Dirigent greift zum Akkordeon und spielt Édith Piafs melancholisches Chanson "La vie en rose". Das mag in Anspielung auf diesen Titel, das Leben durch eine rosarote Brille zu sehen, eine sinnfällige Assoziation zum Stück, vor allem zur Inszenierung von Johannes Erath im Bühnenbild von Katrin Connan mit den Kostümen von Birgit Wentsch sein. Für die Musiker bedeuten solche Wechsel vom Spiel zum Dirigat, sich auf den Konzertmeister sowie die Kollegen an den ersten Pulten verlassen zu können. Keine Frage, das können sie.

Für die Zuschauer mag es ein zusätzlicher Genuss sein, dem Spiel der Hände des Dirigenten zu folgen, für die Sängerinnen und Sänger scheint dabei aber nicht immer so genau festzustehen, was gemeint ist, und so kommt es schon mal zu hörbaren Verunsicherungen.

Dass man in dieser Oper Mozarts mit dem Text von Lorenzo da Ponte, der wiederum dem Schauspiel "La Folle Journée ou le Mariage de Figaro" von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais folgt, die Logik des Geschehens vergeblich sucht, ist nur einer von etlichen überzeugenden Ansätzen der Inszenierung.

Johannes Erath führt dieses Theater des Wahnsinns triebgesteuerter Jäger und Gejagter durch etliche Jahrhunderte. So beginnt dieser wahrhaft tolle Tag im Spiel aus dem volkstümlichen Geist der Commedia dell'arte mit Zachary Nelson als Figaro und Emily Dorn als Susanna, in diesem Falle, Harlekin und Columbine. So wie zunächst Christina Bock in der Rolle des Cherubino als knabenhafter Pierrot erscheint, um bald schon auf den Spuren des Herrn Grafen zu wandeln, kommt Christoph Pohl als Graf Almaviva ebenfalls zunächst im Gewand des Pierrots und wird berührende Facetten der Einsamkeit dieser melancholischen Gestalt vermitteln.

Dass die Marcellina der Sabine Brohm als kraftvolle, saftige Gestalt und zudem als ältere Ausgabe Susannas erscheint, ist eine von vielen Anspielungen nach dem Motto: Die Triebe hören nimmer auf.

Auch wenn Sarah-Jane Brandon als Frau Gräfin dann im Zeitsprung als ironisch angehauchte Figur im Geiste des Rokoko ihrer Migräne schönste Töne zu geben weiß, so langsam gerät die Zeit aus den Fugen. Susanna im Design des Rokoko hätte beste Chancen auf den Laufstegen der aktuellen Modewelt.

Die Bildwelten dieser Aufführung wandeln sich rasch. Das Theater wird zum Einen entzaubert, denn eine hervorragend agierende, gut choreografierte Schar tanzender, dienstbarer Geister vollführt dieses Spiel der Verwandlungen dermaßen gut, dass aus der Entzauberung ganz neuer Zauber wird.

Zudem schaffen es der Regisseur und die Bühnenbildnerin, das Spiel der Verstecke, der Intrigen, der Verwechselungen so offensichtlich von jedem oftmals unerträglichen Realitätsgetue zu befreien und somit für die Zuschauer und vor allem die Akteure als gedankliche Spiele der Strategien zu präsentieren. Lust kennt keine Grenzen, das ist die Devise, die Zeit ist knapp. Es ist ja kein Zufall, dass viele Szenen vor üppigen Blumenbildern spielen, seltsame Stillleben als Zeichen der Vergänglichkeit.

Wenn im Schlussbild die Texte der Rezitative gesprochen werden, sind wir auch fast in der Gegenwart angekommen. Der nächtliche Garten könnte die Szene für eine italienische Filmkomödie, gemischt mit dem Klamauk einer deutschen TV-Show sein, in der zunächst der so ahnungsvolle wie verunsicherte Figaro nach der Mama ruft. Sabine Brohm im Nachtmantel mit Lockenwicklern wird später als Kopie einer gewissen Cindy aus Marzahn bierselig in der Höhe auf der Gartenschaukel das ganze Treiben der Getriebenen mit Matthias Henneberg als ihrem nunmehr angetrauten Bartolo beobachten und kommentieren.

Weiter unten löst sich alles auf, auch von der bislang so konsequent durchgehaltenen Präzision der Personenführung ist nicht mehr viel da, die Choreografien der sonst so bestechend genau gesetzter Bilder verschwimmen, wenn die Masken fallen, die notdürftigen Verkleidungen auch, und eigentlich ist niemand so recht ans Ziel seiner Wünsche gekommen. Das Spiel wird beendet. Der Herr Graf findet schönste Töne, vielleicht in diesem Moment mal ganz ehrlich gemeint, und bittet die Frau Gräfin um Verzeihung. Sie willigt ein, kann sein, die nächste Migräne ist im Anflug. Dass diesem tollen Tag der nächste folgen wird, steht außer Frage.

Dann wird vielleicht Tuuli Takala, die hier als Barbarina mit ihrem leicht geführten und von dunkler Sinnlichkeit grundierten Sopran auf sich aufmerksam macht, die Künste der Verführung gänzlich beherrschen. Sie wäre nicht die erste Sängerin dieser Partie, die sich zur Susanna und dann auch zur Gräfin entwickelt hätte.

Gerald Hupach als Don Curzio, Aaron Pegram als Don Basilio und Alexander Hajek in der Rolle des sprungfidelen Gärtners Antonio machen mit den Mitgliedern des Chores das Ensemble dieses tollen Tages komplett und stimmen ein in den noch einmal dahinrasenden Schlussgesang, "Ah tutti contenti saremo cosi!" und damit, so nach der Dresdner Übersetzung, sind wohl alle zufrieden. Nicht ganz, gibt es für das Ensemble, die Staatskapelle und den Dirigenten einhellige und begeisterte Zustimmung, so mischt sich lautstarke Ablehnung für das Regieteam in den Applaus. Noch ein bisschen Klamauk, diesmal nicht auf der Bühne, das Publikum spielt auch mit.

weitere Aufführungen: 23., 25.6.; 2., 4.7.; in der nächsten Saison ab 7.9. www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.06.2015

Boris Gruhl

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