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Morbide Schönheit: Eine Werkschau der Compagnie Freaks und Fremde im Societaetstheater

Morbide Schönheit: Eine Werkschau der Compagnie Freaks und Fremde im Societaetstheater

Bis zum Societaetstheater kam das Hochwasser zwar glücklicherweise nicht, aber trotzdem trieb dort ein Fisch sein Unwesen. Besser gesagt, ein Mensch mit Fischkopf.

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Katja Erfurth in perfekter Verkleidung in "Mascara - Die Maskerade der sieben Todsünden".

Quelle: Max Messer

Er taumelte durch den Hinterhof, lief ins Restaurant, er schlief im Bühnenraum am Klavier ein oder spielte melancholische Lieder im Foyer des kleinen Theaterhauses. Bevor er verschwand, trank er noch ein Bier. Herr Fisch ist sowas wie das Maskottchen der Compagnie Freaks und Fremde, die mit ihren Mischwesen aus Menschen, Puppen und Tieren, aber vor allem mit unserer Vorstellungskraft spielen. Noch bis Sonntag zeigen Sabine Köhler und Heiki Ikkola einen Querschnitt ihres Schaffens in Koproduktion mit anderen Künstlern und Künstlergruppen.

Begonnen haben sie ihr Programm mit einer experimentellen Interpretation der menschlichen Untugenden. "Mascara - Die Maskerade der sieben Todsünden" heißt das Stück, das 2010 in so einer künstlerischen Zusammenarbeit entstand. Puppenspielerin und Performerin Köhler öffnet mit den beiden Dresdner Tänzerinnen Katja Erfurth und Carola Tautz einen mystischen Raum, in dem wenig getanzt, dafür umso mehr gerobbt, gewälzt, geschlungen und gestreckt wird. Die absurden und sperrigen Kostüme und die daraus resultierenden Bewegungen lassen vieles, eigentlich das meiste offen. Manche Sünde glaubt man sofort zu erkennen, andere tarnen sich, genau wie es im Leben oft vorkommt. Trägheit ist hier, wenn Portraits faul in ihrem Bilderrahmen rumhängen. Lust, wenn sich drei rötliche Ganzkörperzungen ineinander verschlingen.

Die Künstlerinnen geben sehr unterschiedliche Körperlichkeit hinein, verkleiden sich bis zur Unkenntlichkeit oder treten mal fast unverhüllt vors Publikum. Sie klemmen sich in einen engen Käfig, hinter einen Bilderrahmen oder jagen in Knieschonern mit Gesichtern von alten Männern darauf einer goldenen Kugel hinterher. Erzählt wird keine Geschichte, es gibt weder Happy End noch Apokalypse, es gibt nur Episoden aus Ausdruck, Licht und Musik. Lichttechniker Falk Dittrich erhellt und dunkelt so oft ab, dass die Bilder auf der Netzhaut nachleuchten, was zum düsteren Grundgefühl beiträgt. Alles weitere erledigt die musikalische Begleitung von Daniel Wiliams, die sich aus Geräuschen eher in technoide Monotonie als in harmonische Musik verwandelt, damit man diesen unheimlichen Zwischenraum nicht verlässt. Beide stammen aus dem Hellerau-Umfeld, beide begleiten die Compagnie und ihre Produktionen schon eine Weile.

Auch die "Freakshow" ist zwar "the best in town", aber kein neues Stück, eher der zwielichtige Klassiker des Duos, eine weitere Zusammenarbeit mit Dittrich und Williams. Die Besucher werden in diesem, zweiten Teil des Abends klar jünger, die Gesten auf der Bühne um einiges deutlicher. Der irre grinsende Freakshow-Direktor Ikkola trägt einen Arsch-mit-Ohren-Kopfschmuck und lockt das Publikum hinein in eine Welt aus Fratzen, Missgeburten, Aliens, Schlangen- und Nixenfrauen, Eisbären oder Menschen, die zu Wölfen mutieren. Köhler und Ikkola verwandeln sich hinter ihren zwei Pulten so schnell, dass man immer mal wieder denkt, es könnten noch andere Spieler hinter den Masken und Kostümen sein. Tatsächlich aber stecken sogar beide manchmal in einer Figur, die Arme und das Gesicht sind Ikkolas, die Füßchen Köhlers Hände. Ihre "Freakshow" verbindet das menschliche Interesse am Morbiden mit der Schönheit des Abseitigen und Unbekannten und trifft damit das Credo der Compagnie ziemlich genau. Wer hier nur Vorgeführtes sieht, der schaut nicht richtig hin.

Am ersten Abend ist das Bangen ums Hochwasser irgendwann vorbei. Es wird nur noch gespielt. Gegen die Flut und für ein Publikum, das auf eine Reise mitgenommen werden will, die fernab vom Hier und doch im Überall stattfindet.

nächste Vorstellungen im Societaetstheater: "Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor" (Sa 20 Uhr), "Ente, Tod und Tulpe", (Sa 21.30 Uhr), "Der Wolf und die sieben Geißlein" (Sa 22.30 Uhr). Am Sonntag "Talib und das Windfahrrad" (16 Uhr), ein Werkschaugespräch (18 Uhr) Uhr "Aqua - Tanztheater-Abend in zwei Teilen" (20 Uhr)

www.freakswerkschau.blogspot.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.06.2013

Hannah Panter

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