Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
"Momentum": Grimme-Preistäger Roger Willemsen stellte im Wechselbad sein neues Buch vor

"Momentum": Grimme-Preistäger Roger Willemsen stellte im Wechselbad sein neues Buch vor

"Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält, oder eine ganze Reihe von Geschichten", heißt es in dem Roman "Mein Name sei Gantenbein" des Schweizer Schriftstellers Max Frisch.

Diese Erkenntnis hat Roger Willemsen aber nicht davon abgehalten, in seinem neuen Buch Geschichten zu schildern, die sich irgendwann in seinem Leben ereigneten. "Momentum" ist allerdings sogar noch ein bisschen mehr als "nur" ein explizit persönliches Buch der Erinnerung, sondern zugleich eine ganz eigentümliche, sehr liebenswerte Anleitung, die entscheidenden Augenblicke unseres Lebens zu erkennen. Was die preisgegebenen Momente eint, ist allein die Prägnanz, mit der sie sich im Gedächtnis erhalten haben. Am Sonntag stellte der Grimme-Preisträger sein neues Buch halb lesend, halb erzählend im Theater Wechselbad vor.

Willemsen, der mehr als 1000 Interviews, darunter mit Madonna und Arafat, ja sogar einem Kannibalen geführt hat, klärt darüber auf, dass man das Leben auf drei verschiedene Arten erzählen könne: bürokratisch, also in wichtigen Daten, in Prozessen - oder in prägenden Momenten. Um Letztere geht es Willemsen. Augenblicke von stimmungshafter Intensität stehen neben bemerkenswerten Situationen, Dialoge neben Natur- oder Kunstbetrachtungen, Gefahrenmomente neben Augenblicken der Liebe.

Das Leben, es ist eben eine Staunen hervorrufende Summe aus Augenblicken, Situationen und Wahrnehmungen. Alltäglich, bedeutungsvoll, banal, hoffnungsvoll... Und es spricht nicht zuletzt für das Werk, dass Willemsen so frei ist, Momente, in denen er nicht so gut aussieht, nicht zu unterschlagen. So scheut er sich nicht, plastisch die Begegnung mit einem elfjährigen Straßenjungen in Manila, wo ganze Stadtviertel zu einem überdimensionalen Hurenhaus verkommen sind, zu schildern. Dieser Junge verkauft in der Nacht Zigaretten, womit er, wenn's gut läuft, vielleicht 50 Cent verdient. Willemsen trifft ihn wieder und wieder, lädt den Jungen zum Essen ein, lernt die Nacht von Manila durch Kinderaugen kennen, "die keine Kinderaugen mehr sind".

Ein Mann und ein Kind, das offenkundig nicht seines ist, in der Stadt, in der auch Kinder durch viele Kuppler- und Freierhände gehen - Willemsen ist (das ganze Buch ist übrigens im Präsens geschrieben) "viel zu naiv, die Blicke der Einheimischen zu deuten, die mich manchmal so vorwurfsvoll treffen". Dann tritt eine alte Bettlerin an den Tisch, nicht die erste an dem Abend. Da der Junge gerade eine interessante Geschichte von einem tagaktiven Gecko erzählt, hebt Willemsen die Hand, um die Bettlerin abzuwehren. Die Alte zieht weiter, der Junge beendet rasch seine Geschichte, entschuldigt sich, nimmt eine Münze und bringt sie der Bettlerin. "Sie hat es wirklich nötig", sagt der Junge kurz. Bis heute erinnert sich Willemsen an seine erhobene, abwehrende Hand, auch an seinen genervten Blick gegenüber der Bettlerin. Und an seine Beschämung.

Willemsens Art und Weise des Erzählens zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Aufmerksamkeit für Details und Empfindungen aus. Er ist ein Meister der Rhetorik, zieht das Publikum von der ersten Minute an in den Bann. Immer wieder darf, ja muss man einfach lachen, etwa wenn ein Satz wie "Manche Menschen sehen nicht so aus, als seien sie in einem Liebesakt entstanden" fällt.

Deutlich wird: Mancher Moment ist nur zu bestimmten Zeiten einfach zu haben. Einen Satz mit "Als ich in Kundus spazieren ging..." anzufangen, setzt voraus, dass es eine Zeit gab, als es einfach war, in Kundus einfach so spazieren zu gehen. Eines gibt Willemsen, der seit dem Frühjahr 2006 Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins ist, den am Schluss der Lesung mit Beifall wahrlich nicht geizenden Zuhörern mit auf den Weg: "Wenn wir das Leben beschleunigen, im Bestreben, so viel wie möglich zu erleben, verpassen wir es." Christian Ruf

Roger Willemsen: Momentum. S. Fischer Verlag, 314 Seiten, 22,99 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.09.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr