Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Mittendrin statt nur dabei: "Situation Rooms" als interaktives Theater im Dresdner Militärhistorischen Museum

Mittendrin statt nur dabei: "Situation Rooms" als interaktives Theater im Dresdner Militärhistorischen Museum

"Don't shoot the Photographer". Mit dieser Aufschrift vorn am khaki-bezogenen Stahlhelm reist der Fotograf Maurizio Gambarini in den Krieg. Es ist ein kleiner Versuch der Versicherung, für eine gesunde Rückkehr seiner selbst zu sorgen.

Hinten am Helm findet sich übrigens auch ein Aufnäher: Er zeigt die Blutgruppe des Trägers. Falls also Aufschrift eins nicht reicht fürs Unversehrtbleiben, greift im Notfall Aufschrift zwei. Sicherheit geht manchmal absonderliche Wege. Wobei sich die Absonderlichkeit hier daraus speist, eine Situation bis zu ihrem möglichen bitteren Ende durchdacht zu haben.

Gambarinis Perspektive ist also eine. Dazu gesellen sich 19 andere, die den Umgang mit Krieg, Waffen und daraus resultierende Folgen dokumentieren: vom Chirurgen Volker Herzog, der für "Ärzte ohne Grenzen" in Sierra Leone arbeitet, über den Schweizer Reto Hürlimann, Manager eines Rüstungsunternehmens, bis hin zum syrischen Bürgerkriegsflüchtling Abu Abdu al Homssi. Diese 20 Protagonisten wurden nach reichlich Recherche gefunden, ihre Geschichten in jeweils sieben Minuten lange Videos gebannt, die dann wiederum szenisch und dramaturgisch eng zu einer Geschichte verflochten. Dieses Ergebnis, das interaktive Video-Theater-Stück "Situation Rooms" der Gruppe Rimini Protokoll, war erstmals im August 2013 auf der Ruhrtriennale zu sehen. Ein Jahr später wurde es zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen, wo es aber nicht gezeigt werden konnte - weil die Einladung dazu einfach zu kurzfristig kam, wie Daniel Wetzel von Rimini Protokoll gestern sagte. Das kann nun in Dresden sozusagen nachgeholt werden, wo "Situation Rooms" in einem Depot des Militärhistorischen Museums (MHM) als en suite-Produktion bis zum 29. März mehrmals täglich zu sehen ist.

Wie komplex diese Welt aus Räumen - die "Situation Rooms" - ist, das bezeugen indirekt schon die beiden riesigen Übersee-Container mit der Aufschrift der Compagnie, die neben dem MHM abgeparkt wurden. Sie enthalten all das, was auf einer Fläche von etwa 12 mal 18 Metern bis weit hoch unter das Depotdach aufgebaut worden ist.

Maximal 20 Besucher werden pro Vorstellung, die einer Gruppen-Performance ähnelt, in diesen gebauten Kosmos gelassen, jeder mit Kopfhörern und einem iPad ausgestattet. Die via Bildschirm erzählten Geschichten aus den genannten Perspektiven machen aus dem Betrachter einen Mitspieler, er schlüpft quasi selbst in die jeweilige Sieben-Minuten-Rolle, muss nach bestimmten Vorgaben agieren. Das alles ist hochinformelles Theater, das den herkömmlichen Bühnenraum und die damit verbundene Grenzziehung - Schauspieler oben, Publikum unten - völlig verschwinden lässt. Die Situation derer, die erzählen, wird automatisch zur Situation dessen, der sie erzählt bekommt. Wie bei der Geschichte der Politikwissenschaftlerin und Friedensaktivistin Barbara Happe, die den serbischen Minenräumer Branislav Kapetanovic 2011 zur Hauptversammlung der Deutschen Bank mitnahm. Kapetanovic hatte bei seiner Arbeit beide Beine und Arme verloren. Er appellierte an den Chef Josef Ackermann, dass sich die Bank aus dem Geschäft mit Streumunition zurückzieht. Wie Ackermann laviert, einlenkt - und die Bank dennoch weiter im Geschäft bleibt, ist aufhorchenswert, weil stellvertretend.

Die Unmittelbarkeit des Inszenierten bildet sich auch in den Aktionen ab, die dem Besucher abverlangt werden: setzen, legen, knien, auf Leitern klettern, Gegenstände nutzen, Hände schütteln. Knapp 80 Minuten dauert ein Durchgang, in dem jeweils zehn Charaktere kennengelernt werden, in sie eingetaucht wird. Nach zehn Episoden sei der Besucher erfahrungsgemäß "voll", sagte Wetzel. Doch wer will, kann natürlich wiederkommmen, um dann sozusagen den anderen Teil des Szenarios zu erleben.

Auch so bleiben die Eindrücke stark genug. Wer das nachgestellte Ärzte-Zelt in Sierra Leone betritt, dem steigt sofort ein heftiger Desinfektionsgeruch in die Nase. War man eben noch in der Rolle des Arztes, wechselt man unmittelbar in die eines angeschossenen Mannes, dessen Hand mit einem gelben Punkt beklebt wird: ein Zeichen dafür, dass nicht sofort operiert werden muss.

Gewalt bekommt hier viele Gesichter, der Impetus des Handelns steht im Kontrast zum Zuschauen. Nicht zuletzt sorgt das Umfeld des Militärhistorischen Museums für eine starke Metaebene. Sieht so also das Theater von morgen aus? Nein. Das Theater von heute.

bis 29. März täglich mehrmals im MHM

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.03.2015

Torsten Klaus

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr