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Mit der Schau "Disegno" wird das Kupferstich-Kabinett zur Studierstube der Medienfragen der Kunst

Diskursangebot Mit der Schau "Disegno" wird das Kupferstich-Kabinett zur Studierstube der Medienfragen der Kunst

Im so stringenten wie vielschichtigen Ausstellungsprogramm des Kupferstich-Kabinetts zum thematischen Rahmen der Zeichnung als Medienform ist die aktuelle Ausstellung jetzt explizit auf gegenwärtige Bildproduktion bezogen.

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Ausstellungsansicht der Schau "Disegno" im Kupferstich-Kabinett.

Quelle: David Pinzer

Dresden. Im so stringenten wie vielschichtigen Ausstellungsprogramm des Kupferstich-Kabinetts zum thematischen Rahmen der Zeichnung als Medienform ist die aktuelle Ausstellung jetzt explizit auf gegenwärtige Bildproduktion bezogen. In bewusster Rückkopplung an den kunsttheoretischen Begriff des Disegno geschieht das wohltuend konzentriert, was die Kunstdiskussion auch nötig hat. Vor diesem Hintergrund ist dann wohl auch stimmig, dass der zur Verfügung stehende räumliche Präsentationsrahmen der Ausstellung auch Kabinettcharakter hat und nicht vergleichbar ist etwa mit der Ausstellungsfläche, die 2007 der verdienstvollen ebenso heutige Bildfragen reflektierenden Ausstellung mit internationaler Gegenwartskunst "I can only see things when I move" im Schloss zur Verfügung stand.

Als erste Ausstellung des Kupferstich-Kabinetts unter der Leitung der neuen Direktorin Stefanie Buck ist mit dem solcherart bekundeten Willen zum Dialog und Zusammendenken der dort verwalteten Zeichnungs- und Grafikbestände vom 14. Jahrhundert bis in die Gegenwart ein vielversprechender Auftakt gegeben. Der Untertitel der Ausstellung "Zeichenkunst für das 21. Jahrhundert" steht nicht für Vermessenheit, sondern für das Anliegen einer Verortung und Auseinandersetzung des Kupferstich-Kabinetts in nach vorn gewandten Aufgaben. Die Diskussion zur zeitgenössischen Zeichnung und ihren erweiterten Formen vor der Folie der grafischen Bildkultur aufzumachen, ist lohnend und erkenntnisreich.

Was ist es, was das zeichnerische Medium ausmacht und heute auch von Relevanz hält? Die Ausstellung, verantwortet von Kurator Michael Hering, bietet dazu verschiedenste Positionen an und zeigt, dass es mitnichten nur durch unmittelbare Emotion und den (formlosen) flüchtigen Einfall gekennzeichnet ist. Der Weg zum künstlerischen Ergebnis stellt sich nicht als von ungefähr geschehende Transformation vom Denken zu einem zeichnerischen Ausdruck dar. Vielmehr wird die Thematik des Disegno als Form gewordene Idee genauer in seinen Formenrahmen betrachtet. So wie gerade auch klassische Zeichentechniken - der Prolog einer Personifikation des Disegno aus der Schule von Fontainebleau vom 17. Jahrhundert zeigt das beispielhaft vor - sich eines bestimmten strukturellen Rahmens in Schraffuren für die räumliche Darstellung auf einer zweidimensionalen Bildebene bedienen, aus denen sie in Bild gebenden Rastern ihre Ordnungsprinzipien gewinnen, ist gerade auch der (Um-)Weg gekennzeichnet, wie sich eine Darstellung auf eine Bildfläche überträgt.

Sehr schlüssig spiegelt die Ausstellung den Denkansatz, dass die Hand nur eine Übertragungsapparatur unter weiteren ist. Ganz nahe liegt hier die Beschäftigung mit textilen Fertigungsprozessen in automatisierter Umsetzung eines Bildprogramms, wo der (Jacquard-)Webstuhl das klassische Beispiel ist. Die gewählten Weberei-Arbeiten wollen allerdings etwas zu weit in eine ethnologische Begründungsebene hinein greifen, die zum Beispiel der Teppich von Gert und Uwe Tobias und dessen Vorstufe in einer Ornamentadaption per Schreibmaschinenraster gar nicht nötig hätten. Sehr überzeugend sind dazu die minimalistischen Arbeiten der Dresdnerin Ines Beyer, die sowohl mit Tusch- als auch mit Stickblättern elaborierte "Exerzitien" zu Darstellungsrastern und -prozessen, zu Strich- und Punktfolgen sowie ihrem Zusammenwirken betreibt, was als Faltenwurfstilisierung eine direkte Rückbindung an historische Ausgangspunkte zulässt. Über den Automatisierungskontext ist der Sprung zu Olaf Holzapfel nicht weit, der in der Reflexion von Konstruktionsprinzipien Handwerkskunst und computerbasierte Technik verbindet und gewissermaßen die zeichnerischen Ebenen dreidimensional ausweitet.

Als eine der wenigen Arbeiten, die aus dem Bestand des Kupferstich-Kabinetts selbst kommen, spiegelt die grandiose Serie der frühen Zeichnungen Santiago Sierras in kraftvoller Weise neben einem räumlichen ein strukturelles Interesse an seriellen Formen, das sich parallel in der fotografischen Wiedergabe von Materialagglomerationen äußert. Wo Frank Nitsches Zeichnungsserie als spontane ausgesprochen kontrolliert wirkt, kann sie zeigen, wie formbewusst und konzentriert die künstlerische Praxis letztlich funktioniert. Die reduzierten Arbeiten der Japanerin Rei Naito und des Frankfurters Jürgen Krause verfolgen vergleichbar der Form ritualisierter Praxis des Zen-Buddhismus einen minimalistischen Makrokosmos im Mikrokosmos. Die zeichnerische Abbildung repräsentieren neben Friederike Feldmanns Appropriationen an historische Meisterblätter aus dem Kupferstich-Kabinett vor allem Marc Brandenburgs mit aus verschiedenen Blickrichtungen als Grisaille in Bleistift Strich an Strich ausgeführten detaillierten Wiedergaben einer alten auf der Straße deponierten Matratze mit ihren Blütenmustern und Stofffalten. Diese bleiben nicht bloße selbstreferentielle Verhandlung und sind in Form des dargestellten Motivs als "Anti-Ikone" nicht ohne soziale Bezugnahme.

Eine Arbeit des Künstlerduos Andree Korpys/ Markus Löffler empfängt bereits als Ausstellungs-Intro mit dem politischen Inhalt des Themas atomarer Bedrohung. In Filmsequenzen zum Deutschlandbesuch George W. Bushs 2002 wird eine latente Aufgeregtheit und Unsicherheit wiedergegeben, die in einer ebenso mediengenauen Tinten-Zeichnung Fahndungsauftrag und Kommandozentrale des "Nuclear Football" in einem formreflektierenden Duktus zwischen mittelalterlicher Bilderhandschrift und neuzeitlichem Comic ins Bild setzt. Dagegen zeigt die Präsentation zu William Forsythes "Human Writes", dass sie zwar theoretisch mit dem Fokus auf den breiteren menschlichen Bewegungsapparat den Themenrahmen bereichern, aber in ihrer eigentlichen Handlungsform nicht ausschließlich auf das Produkt des zeichnerischen Ergebnisses auf Papier abzielen. Dies aber kann der Ausstellung in ihrer genauen Formdiskussion nur Recht geben.

bis 29. März 2016, täglich (außer Di) 10-18 Uhr www.skd.museum

von Lydia Hempel

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