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Mit absoluter Ehrlichkeit - Maurizio Pollini zum 70. Geburtstag

Mit absoluter Ehrlichkeit - Maurizio Pollini zum 70. Geburtstag

Siebzig: Da haben manche Pianisten der Vergangenheit wie Vladimir Horowitz noch über ein Tasten-Jahrzehnt vor sich gehabt, sofern die mechanische Geläufigkeit - im direkten Wortsinne - weiter "mitspielte".

Im guten Fällen brachte das eine Art Altersleichtigkeit und -weisheit - was ja genau da kein Widerspruch ist. Bei Maurizio Pollini hingegen ertönten bei einigen jüngeren CD-Einspielungen auch kritische Stimmen, die von Verschleiß und Ermüdung sprachen - weniger trifft das seine Konzerte wie nicht zuletzt seinen umjubelten Dresdner Auftritt an der Seite Christian Thielemanns im vergangenen Jahr.

Es schmälert keine Lebensleistung, wenn man so etwas nicht von vornherein als Boshaftigkeit abtut. Möglich wäre, dass diesem seinem Wesen nach eher scheuen Künstler inzwischen die Kommunikation mit dem Publikum eine Art Jungbrunnen geworden ist. Aber vielleicht steckt auch noch etwas anderes dahinter: die Tatsache nämlich, dass der Mailänder bereits bei seinem grandiosen (und durch ein strikte Reduzierung der öffentlichen Auftritte zusätzlich gehypten) Start in den 60er Jahren jene Qualitäten hatte, die anderen Kollegen entweder erst in reifen Jahren oder nie zuwachsen: abgeklärte, weise Noblesse, die Fähigkeit, strukturelles Denken ohne jeden Reibungsverlust im Klangbild transparent machen zu können, eine überlegene Nüchternheit, die Intensität nicht behinderte, sondern vertiefte. Ein Stürmer und Dränger hingegen war Pollini nie - unerachtet seiner berauschenden Virtuosität, seiner herausfordernden Programmgestaltungen und seines auch außermusikalisch klar artikulierten linken Habitus.

So wird man die Schwankungen seiner Ausstrahlung, die es immer wieder einmal gab, als naturgegebene Kehrseite seiner Vorzüge akzeptieren müssen: Wer von vornherein nicht überrumpeln will und auf alle szene-üblichen Taschenspielertricks verzichtet, macht sich mit solcher Ehrlichkeit auch verletzlich. Dafür gelingen, wenn seine Art der Rationalität tatsächlich schlüssig in eine absolute Konzentration der Vermittlung mündet, Sternstunden: zunächst vor allem in seinen Chopin-Interpretationen und den mit ganz unpolemischer Selbstverständlichkeit vermittelten Komponisten des 20. Jahrhunderts, dann auch mit - zum Beispiel - Beethoven, Schubert oder Brahms.

Wer im Übrigen einen Eindruck von der Intelligenz und Ensembledienlichkeit des Künstlers gewinnen will, sollte ihn als Dirigent erleben, was nach meiner Übersicht leider nur durch eine einzige CD-Aufnahme dokumentiert ist - Rossinis "Donna del Lago", bei der er das Chamber Orchestra of Europe leitet. Wer das gehört hat, ahnt nicht nur, sondern weiß, was der Musikwelt durch Pollinis Konzentration auf sein Kernhandwerk verloren gegangen ist. Aber man kann eben nicht alles haben, also: Mögen ihm zumindest da weitere gute Jahre beschieden sein, vielleicht auch noch einmal in Dresden.

Der Live-Mitschnitt des Konzertes Maurizio Pollinis mit der Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann 2011 ist bei der Deutschen Grammophon erschienen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.01.2012

Gerald Felber

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