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Mit Olaf Schubert den Feiervorgang in der Jungen Garde Dresden ausüben

Mit Olaf Schubert den Feiervorgang in der Jungen Garde Dresden ausüben

Wenn sich dereinst die Mythologie des Freistaats Sachsen irgendwo niedergeschrieben oder im Digitaläther aufbewahrt findet, dann wird auch ein Kapitel über seine Propheten nicht fehlen dürfen.

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Olaf Schubert in der Jungen Garde.

Quelle: Patrick Johannsen

Und darin muss dann auch Platz für die Mär vom Olaf gemacht werden - jenem prä-, ach was, post-historischen Fabelwesen in Rhombenkluft, das zu den Menschen in den neuen Bundesländern herniederstieg, um die Wahrheit zu verkünden, seltene Plurale zu säen und Fremdwörter zu bezwingen. Das zum gefeierten Evangelisten der ideologischen Unverbindlichkeit avancierte, obwohl es aussah wie das im Ostblock ausgesetzte, gemeinsame Kind von John Malkovich und dem Killer Buffalo Bill aus "Das Schweigen der Lämmer". Das mit der gescheiterten Frisur und seinen von den Strahlen der selbstverständlich im Osten aufgehenden Sonne verblichenen Jeans eine etymologische Verbindung zwischen Messie und Messias suggerierte und sich zumindest für keinen neutestamentarischen Vergleich zu schade war: Und Er blickte in die ausverkaufte Junge Garde, und er sah, dass es gut war. Und er hob an, zu Gitarrenklängen die frohe Botschaft zu verkünden, und die Ersten waren die Letzten, die ihm auch halb elf noch im Verbalgewitter durch den Assoziationsparcours folgten und Tränen lachten.

In den letzten Jahren ist aus der Dresdner Hörspiel- und Kleinkunstikone das Schubert-Event geworden, fand sich im Fernsehatlas ein Fleckchen für das Prinzip Olaf, kursierten statt eigenhändig im Radio mitgeschnittenen Kassetten plötzlich Live-DVDs und wurde die Schubert-Combo für die größten Hallen der (gesamtdeutschen) Republik gebucht. Längst geht nicht mehr nur, wie Schubert einleitend verspricht, "ein Ruck bis nach Graupa". Wenn man sich inzwischen auch in München und anderen Metropolen, die vorm Empfang der von Schubert unterstützten ZDF-heute-show nicht sicher sind, seinen Namen zuraunt, fragt sich beinah, was der Prophet im eigenen Land noch gilt. Sehr viel, wenn die ausverkauften Ränge in der Jungen Garde ein zuverlässiger Indikator sind. "So!" ist das neue Programm betitelt, und es fügt sich nahtlos in die Schubert-Abende der vergangenen 20 Jahre ein - ein loser, musikalisch umrahmter Galopp durch tagespolitische Themen, der als Aufhänger für Worteskapaden und auf hohem Niveau versemmelte Aphorismen dient. Das "Wunder im Pullunder" kalauert sich von Ernährungstipps ("Das beste Gemüse für die Augen: Linsen!") über schwarze Konten in der (Sächsischen) Schweiz bis hin zu Kindererziehung und den obligatorischen Zoten über das schwierige Verhältnis von Mann und Männin. Zwischen Anekdoten über die Kita-Tante "Frau Hitler", einer Kurzeinschätzung des Falles Oscar Pistorius ("Lügen haben kurze Beine") und besinnlicher Lyrik zum ökologischen Gleichgewicht ("Am Apfelbaum, / da hängen Pflaum'.") verliert selbst Schubert gelegentlich den Überblick und kann stellenweise "selbst nur vermuten, was ich meine." Wie stets flankieren Jochen Barkas und Herr Stephan den Heilsbringer und "Vergewaltiger des Bösen" als Ruhepole, sorgen mit "Behelfsjazz" für musikalische Übergänge und begleiten seine glänzenden Parodien auf das sozialpädagogisch angehauchte Chanson der 1970er. So werden u.a. "der Ronny, der Kevin und der Ansgar" balladesk vor den süchtigmachenden digitalen Medien gewarnt: "Und die Pixel bleiben stumm." Im Übrigen verstehen sich die Mitspieler perfekt darauf, keine Miene zu verziehen, wenn sich der Zeremonienmeister im monologisierten Gestrüpp verheddert, vom Hundertsten nicht nur ins Tausendste, sondern schon eher ins Hunderttausendste kommt und seinem Credo ("Anspruch statt Inhalt!") treu bleibt bis zuletzt.

Einigermaßen neu ist der Begeisterungsstürme entfachende Slapstick, wenn Schubert seinen inneren Lindenberg kanalisiert und zu einer wahnwitzigen Rockstar-Parodie anhebt - statt zertrümmerter Gitarre reicht es immerhin zu einem zerrissenen Blatt Papier, das der Gastgeber selbstredend hinterher aufräumt. Mit dem Schubert-Klassiker "Ich bin bei euch!" endet der Gottesdienst, und natürlich bekommt der Hohepriester mehr als die von ihm geforderten "sitting ovations."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.07.2013

Wieland Schwanebeck

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