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Mit Charme und Schmiss: Deutsche Erstaufführung der Oper "Nachtausgabe" in Dresden

Mit Charme und Schmiss: Deutsche Erstaufführung der Oper "Nachtausgabe" in Dresden

Ja, das gab es mal. In den späten Abendstunden, nachts, zogen die Zeitungsjungen durch die Kneipen, die U- und S-Bahnen oder durch die Vorortzüge der Großstädte und verkauften die "Nachtausgabe".

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Auch die Ausstattung der kleinen Semper-Bühne belegt die musikalische Zeitreise.

Quelle: Matthias Creutziger

Sie waren erfinderisch, wenn es darum ging, ihre Produkte anzupreisen, schrille oder spannende Überschriften waren am besten, immer gut, wenn es um kriminelle Dinge ging, etwa eine Entführung. Und weil die jungen Künstler und Protagonisten der heiteren Oper "Nachtausgabe" sich ihren Unterhalt als Mitarbeiter so einer auf Absatz angewiesenen Zeitung verdienen, brauchen sie mal wieder eine reißerische Überschrift. Weil es keinen konkreten Anlass gibt, helfen sie nach, inszenieren und fotografieren selbst die Entführung des attraktiven Models namens Renée, dessen Offenherzigkeit zuvor noch im Atelier schönste Inspiration für ihre Pinsel war.

Klar, dass der amüsante Schwindel auffliegt, dass es ein paar Verwicklungen gibt, dass der Rotwein fließt und am Ende der Herr Kommissar für eine journalistische Gegenleistung in Form einer ausführlichen Würdigung seiner Erfolge beide Augen zudrückt. Noch eine Hymne auf die Großstadt, deren Boulevards sich damals noch "wie glänzende Neonschlangen durch ein unermessliches Steinmeer" zogen.

Das war so ein Geniestreich, 1956, im Landestheater Salzburg. Der in Dresden geborene, gerade mal 21-jährige Komponist Peter Ronnefeld dirigierte die Uraufführung seiner ersten Oper mit dem Titel "Nachtausgabe".

Nur eine Probe hatte er für diese heitere Opera piccola, auf einen eigenen Text, deren leichthändig entworfene Handlung in die Szenen junger Bohemiens einer Großstadt führt, wie sie der leider schon im Alter von nur 30 Jahren verstorbene Komponist aus eigenem Erleben bestens kannte. Puccini lässt mitunter freundlich grüßen, auch die italienische Opera buffa, nicht zu vergessen die zeitgenössischen Klänge der Kollegen, jedenfalls jener, die sich nicht im Glauben an die allein selig machende Atonalität verrannt hatten.

Ronnefeld hatte seine erste Oper für ein junges Ensemble der internationalen Salzburger Sommerakademie geschrieben und die Begeisterung war groß, auf der Bühne und im Saal. Dann verschwand das Stück. 1987 gibt es einen erneuten Versuch im Wiener Künstlerhaustheater, aber für diese Produktion der Staatsoper wurden zu viele, dem Werk ganz und gar nicht zuträgliche Veränderungen, vorgenommen. Jetzt kann man in Dresden nach bewundernswerter Rekonstruktionsarbeit das Original erleben und man liegt nicht falsch, wenn man zu spüren glaubt, dass diese Aufführung beflügelt ist von jenem freien Geist des herzhaft heiteren Aufbruchs einer jungen Generation der späten 50er Jahre.

Gelingen und Erfolg dieser Premiere einer Wiederentdeckung verdanken sich dem gesamten Inszenierungsteam. Ekkehard Klemm steht am Pult des jung besetzten Kammerorchesters der Giuseppe-Sinopoli-Akademie der Staatskapelle. Klemm, bekannt für energischen und flotten Zugriff, lässt hier nichts anbrennen. Ob im witzigen Parlandostil, in den verblüffend attraktiv gesetzten Ensembles der Männerstimmen mit ätherisch hoch darüber geführtem Sopran, und natürlich erst recht im großen so vielfältigen wie farb- und temporeichen instrumentalen Zwischenspiel, dieser Klangspaß kommt an.

Gut kommt auch an, dass Regisseur Manfred Weiss nicht der Versuchung erlegen ist, mit Aktualisierungen nachzuhelfen, was ja angesichts täglicher Medienerfahrungen denkbar wäre. Er vertraut darauf, dass sich jeder Zuschauer selbst seinen Reim auf die komödiantischen Ungereimtheiten des Stückes machen kann. Und Weiss vertraut seinem Sängerensemble, er gibt ihnen Maße und Grenzen vor, aber ansonsten ermöglicht er eine sängerische und optische Charmeoffensive, wie man sie im Musiktheater selten erlebt.

So wie es keine Nachtausgaben mehr gibt, so gibt es auch nicht mehr die legendäre Zimmerwirtin, bei denen Studenten möbliert und kontrolliert wohnten. Eine solche Dame muss ein Bass sein, und so ist Evan Hughes als Emma Becker mit viel Spass bei der Sache. Dass man sich der ansteckenden Spielfreude und musikalischen Lust der Bohemians nicht entziehen kann, dafür stehen mal mit Augenzwinkern oder auch mal mit schmachtender Übertreibung so ansehnliche wie anhörenswerte Sänger auf der Bühne: Julian Arsenault, Patrick Vogel und Christopher Tiesi. Jennifer Riedel ist die blonde Muse Renée mit dem klaren Sopran, als deren Mutter räumt Christiane Hossfeld herrlich komödiantisch als Anna Pachulke ab.

Tom Martinsen trägt als Chefredakteur den Namen Dr. Erich Stilblüte und macht dem auch große Ehre. Sebastian Wartig ist der Kommissar aus dem Fundus früher Krimis und Karl-Heinz Koch als Wachtmeister könnte keinen einzigen Schuss abgeben, weil bei ihm da, wo sonst die Pistole steckt, der Flachmann versteckt ist.

Nina Reichmann hat sie alle so typisch wie attraktiv und stilgerecht mit historischen Reminiszenzen eingekleidet und sorgsam das Muster des Morgenmantels der Frau Wirtin dem der groß geblümten Tapeten angepasst. Vornehmlich in Schwarz und Weiss, mit Laternen und angeschrägten Hausfassaden, als werfe noch der Expressionismus feine Schatten ins Geschehen, hat Arne Walter eine kunstvolle Szenerie entworfen, die an frühe Comics erinnert, wie man sie hier "von drüben" kannte, aber auch an verfremdete Filmszenarien alter Krimis oder aus den Anfangszeiten des Fernsehens.

Steffen Adermann setzt alles ins rechte Licht, die Dramaturgin Anne Gerber hat als Programmheft eine richtige Nachtausgabe drucken lassen. So kann man sich gut gerne auf heitere Weise im Musiktheater verwöhnen lassen.

nächste Aufführungen: 6., 7., 10., 11., 26., 28., 29. Oktober

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.10.2014

Boris Gruhl

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