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Mit 78 Jahren ist der Dresdner Puppenspieler und Maler Gottfried Reinhardt gestorben

Mit 78 Jahren ist der Dresdner Puppenspieler und Maler Gottfried Reinhardt gestorben

der Puppenspieler. Als den haben ihn viele zuerst in Erinnerung. Maler und Grafiker war er ebenfalls. Ein vielseitiger Künstler. Einer mit moralischen Prinzipien.

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Der Puppenspieler und Maler Gottfried Reinhardt, fotografiert 2012.

Quelle: Steffen Giersch

Gottfried Reinhardt. Ein religiöser Mensch. Am Sonntag ist er im Alter von 78 Jahren in einem katholischen Alten- und Pflegeheim in Dresden gestorben.

Es war 1972, am 30. Dezember, da hat er seine erste Puppentheatervorstellung gegeben, in den Büroräumen des Instituts für Theater- und Kulturbauten in der Schinkelwache am Dresdner Theaterplatz. Freunde, die er von seinem Architekturstudium kannte, waren sein Publikum. Bald wurden die Aufführungen zum Geheimtipp in der Dresdner Subkultur.

Ins offizielle DDR-Kulturleben passte so einer nicht, der nach der Maxime lebte, "Spaß zu haben, nichts mit der Menge zu machen und lebenslang ein Flegel zu sein". So spielte er in Wohnungen, Scheunen, in Gaststätten, Museen und Kirchgemeindehäusern. Sein Geld verdiente er sich als Ausstatter im DEFA-Trickfilmstudio, als Kostüm- und Bühnenbildner an sächsischen Theatern.

Seine zusammenlegbare Wanderpuppenbühne, sein "kleines Welttheater", wie es Ludwig Heinze einmal genannt hat, das war ganz sein Gesamtkunstwerk: Er schrieb die Stücke, mit Feder und Tinte, in gereimten Knittelversen, inszenierte sie, gestaltete Puppen und Kostüme, war sein eigner Bühnenbildner und Beleuchter. Als Vorlage dienten ihm die klassischen Stücke von Sophokles und Goethe, die Opern von Mozart, Verdi, Weber und Tschaikowski ebenso wie die Märchen der Brüder Grimm. Gemäß seinem Grundsatz, wonach Tragik widernatürlich, nur das Fröhliche natürlich ist, versetzte er die schweren Stoffe mit der Ironie und dem Humor des volkstümlichen Kaspertheaters. "Antigone" zum Beispiel inszenierte er als "Zerstörung einer Conditorei".

Bei diesen Aufführungen konnte man nachdenklich werden, an seinen hintersinnigen Sprachspielereien hängenbleiben und Tränen lachen. Sie waren höchst vergnüglich, nie platt oder harmlos. Stets gesellschaftskritisch. "Die Visage der modernen Zivilisation mit ihren Geräuschen und Gerüchen erzeugt Abscheu und Ekel, den man abschmettern muss", hat er einmal erklärt. "Und darum öffnet sich der Vorhang meines Puppentheaters."

An der Seite der Menschen wurden in seinen Stücken auch Tiere zu Persönlichkeiten. Eine Utopie, die er auch selbst zu leben versuchte. Er kleidete und ernährte sich ohne tierische Produkte. Dies gehörte zu den tief ernsten Seiten dieses Mannes, dem der Schalk aus den Augen blitzte, der nie um einen handfesten Scherz verlegen war.

Es war seine Art, das jüdisch-christliche Tötungsverbot ernst und genau zu nehmen, indem er es auf die gesamte Schöpfung ausdehnte. Mit seinen Katzen lebte er in seinem kleinen Bauernhaus in Obergruna bei Freiberg wie mit Gefährtinnen. Ihnen gab er Namen aus griechischer Mythologie, Theater oder Bibel. Dort beschränkte er sich auf das unbedingt Nötigste an Technik, auf ein einfaches Leben. "Dem Ballast des Habens die Freude des Seins vorziehen" - so beschrieb er diese Haltung.

Das, so wusste er, macht einen empfänglich für Schönheit. Öffnete ihm den Blick für die Landschaften in Russland, in Böhmen oder in der Toscana, die er in seinen Gemälden und Holzschnitten festhielt. Zum Wesentlichen gehörte für ihn die christliche Religion. Konfession war für ihn zweitrangig. Als Kind evangelisch getauft, als Jugendlicher nochmals katholisch, studierte er seit 1977 im Fernstudium in Sagorsk, dem heutigen Sergijew Possad, wurde 1978 Diakon und füllte viele Jahre lang die russisch-orthodoxe Kirche in Dresden während der Liturgie mit seiner kräftigen Bassstimme.

In seinen Stücken ließ er auch den Tod auftreten. In "Adam und Eva" zum Beispiel ist er Verbündeter des Menschen, gehört zu seinem Leben. Das klingt nicht nach Furcht. Einmal, zu seinen Katzenporträts, diesen Grabtafeln, hat er geäußert: "Der Tod ist kein Ende, keine Trennung - der Tod ist nur eine Lebenspause."

iGottfried Reinhardt: Puppentheaterstücke. Notschriften Verlag Radebeul. 496 S., 24,90 Euro; ab September werden in der Dresdner Yenidze Texte von Gottfried Reinhardt gelesen, ein genauer Termin steht noch nicht fest.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.06.2013

Tomas Gärtner

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