Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ als Kammerspiel in Dresden

Premiere im Kleinen Haus Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ als Kammerspiel in Dresden

Es ist das Szenario von Michel Houellebecq, entworfen in seinem vieldiskutierten Roman „Unterwerfung“, der im Januar 2015 unter surreal anmutenden Begleiterscheinungen auf den Markt kam. Am Auslieferungstag begingen militante Islamisten das Attentat auf die Redaktion der französischen Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“.

Christian Erdmann als Francois

Quelle: David Baltzer

Dresden. Es dauert nicht lange, da ist die Musik zu hören. Nick Drakes „When the day is done“ läuft ein, mit diesem melancholischen Schmelz. Fast ein bisschen zu viel, um François zu charakterisieren. Doch auch passend, denn wenn Drake das Ende der Dinge im Großen und Kleinen besingt, ist das die perfekte Instrumentierung für den gescheiterten Francois, der zwar an der Pariser Sorbonne Literatur unterrichtet, dem aber ansonsten nichts geblieben ist mit seinen 44 Jahren: die junge Freundin Miriam weg, die Midlife Crisis sorgt für Ausschüttung von Selbstmitleid statt Endorphinen, und im Land steht ein politischer Wechsel bevor, der auch seiner Universitätskarriere den Todesstoß versetzen könnte.

Es ist das Szenario von Michel Houellebecq, entworfen in seinem vieldiskutierten Roman „Unterwerfung“, der im Januar 2015 unter surreal anmutenden Begleiterscheinungen auf den Markt kam. Am Auslieferungstag begingen militante Islamisten das Attentat auf die Redaktion der französischen Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“. Die damals aktuelle Ausgabe der Zeitschrift hatte zudem eine Karikatur Houellebecqs auf dem Titel, als Magier mit seherischen Fähigkeiten zur islamisch geprägten Zukunft des Landes. Ein Gesamtszenario, das aus dem zeitlichen Abstand heraus nur noch surrealer erscheint.

38ed1e9c-e3bd-11e5-a038-41a95e6649bb

Roman und Inszenierung beschreiben die Machtergreifung und Gesellschaftsgestaltung durch eine islamistische Partei.

Zur Bildergalerie

Der Roman dreht sich um François, und so natürlich auch die Theaterfassung. Doch anders als bei der Uraufführung des Stoffes am Deutschen Schauspielhaus Hamburg vor vier Wochen, als Edgar Selge eine dreistündige Ein-Mann-Show abzog (DNN berichteten), kommt in Dresden kein Monolog auf die Bühne. Christian Erdmann gibt diesen François, für den sich im Roman kaum Empathie finden lässt, sogar so, dass hier und da Sympathien für ihn aufwallen. Dazu kommt das Ineinanderfließen innerer Monologe in gespielte Dialoge, direkt und ansatzlos. Etwas, das dem zweistündigen Abend zweifellos Esprit gibt.

Die Umgebung des Kleinen Hauses 3, oben unterm Dach, ist dabei die einer Kammerbühne. Sie lädt das Geschehen mit großer Intimität auf. Zwei schräge Wände tragen die Aufschriften „Liberté“ und „Egalité“, im Vordergrund bilden übergroße Buchstaben die Ergänzung „Fraternité“. Die Lettern werden immer wieder zu Stuhl, Tisch, Pult umfunktioniert. An den Wänden finden sich schließlich die Bilder der Roman-Handlung projiziert: die Präsidentschaftswahlen im Frankreich des Jahres 2022, Nachrichtensendungen, auch François‘ Flucht in den Südwesten des Landes, wo er den Wirren der Hauptstadt, die kurz vor einem Bürgerkrieg zu stehen scheint, entkommen will.

Denn in Paris regiert bald schon der gemäßigte Islam, in Person von Mohamed Ben Abbes, dem Kandidaten der Bruderschaft der Muslime. Mit diesem Islam aber zieht nicht Chaos ein, sondern Ordnung. Wenn auch eine anders geartete. Patriarchat und Polygamie sind Säulen dieser gesellschaftlich-religiösen Neuausrichtung.

Auf der Bühne entfaltet sich subtil auch das Analytische der Fiktion Houellebecqs neu. Die neue islamische Führung setze nicht mehr auf die Wirtschaft als das Zugpferd der Gesellschaft, sondern auf „Demografie und Bildung“, lässt der Autor den Geheimdienstmitarbeiter Alain Tanneur (Lorenz Nufer) dozieren. In diesen Passagen entschlüsselt sich das Buch noch einmal. Es geht Houellebecq kaum nur um den imaginären Sieg einer als „lebendig“ zu bezeichnenden Religion über eine angeblich tote. Der Franzose zeigt vielmehr, wie leicht eine an sich selbst ermüdete Dekadenz durch eine neue, frische ausgetauscht werden kann. Der religiöse Überbau, der Kampf von Okzident gegen Orient, ist bei aller Vordergründigkeit dagegen nur ein Scheingefecht, das davon ablenkt, wie anfällig der Einzelne für Verlockungen wie Status, Geld – und im Fall François – auch die Anzahl der Frauen ist, die ihm unter der Maßgabe der Polygamie schließlich zugebilligt werden.

Denn François, das zeigt der Abend, ist eher verloren. Er sucht die Liebe über den Sex, Escortservice inbegriffen, und muss zwangsläufig scheitern auf diesem Weg. Seine Erinnerungen an die Schönheit Miriams (Lea Ruckpaul), seine Klage, an der Uni nun Frauen nur noch in Hosen zu sehen und damit eine Art Sinnlichkeitsentzug zu erleiden, all das zeigt, dass er seine (sexuellen) Erwartungen, eines Literaturwissenschaftlers würdig, in Worte zu packen versteht. Wer hinter diese Worte blickt, sieht aber deutlich den selbstmitleidigen, notgeilen Kerl, der weiß, dass er seine besseren Jahre hinter sich hat.

Oder doch nicht? Denn François entzieht sich zwar erst besagter Neuordnung, erliegt dann jedoch den Werbungen des süßlich-intellektuellen Sorbonne-Präsidenten Rediger (Ben Daniel Jöhnk), der ihn zur Rückkehr an die Universität bewegt, die Konvertierung zum Islam natürlich vorausgesetzt. Das Finale mündet in den Schlussmonolog François‘, wie ihn Houellebecq entwarf. Regisseur Malte C. Lachmann und Dramaturgin Janine Ortiz, die für die Bühnenfassung verantwortlich sind, lassen dabei Houellebecqs Kunstgriff unangetastet: Er lässt François die letzten Sätze des Romans konsequent im Konjunktiv sprechen. Somit bleibt die Eindeutigkeit seines weiteren Weges streng genommen im Nebel. Während im Bühnenhintergrund das islamische Glaubensbekenntnis auf Arabisch zu lesen ist: „Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Gesandter.“

Wie viele andere Texte stellt auch „Unterwerfung“ die Grundfrage, welchen Preis wir zu zahlen bereit sind, um an den Töpfen hocken zu dürfen. François ist dabei die Verkörperung unser aller Opportunismus. Sein Schlusssatz „Ich hätte nichts zu bereuen“ ist weniger die Selbstrechtfertigung eines möglichen Übertritts zum Islam. Er steht vielmehr dafür, wie sehr sein Leben an der Oberfläche verläuft. Egal, wer gerade das Sagen hat. Die Surrealität des Hedonismus.

nächste Aufführungen: 8. & 13.3., 14. bis 16.4.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Torsten Klaus

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr