Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 11 ° heiter

Navigation:
Google+
Michael Wildenhain tritt als 20. Dresdner Stadtschreiber an

Michael Wildenhain tritt als 20. Dresdner Stadtschreiber an

"Das Lächeln der Alligatoren" - treffen die Gegensätze in Michael Wildenhains jüngstem Roman hart aufeinander. Vertrauen und Verrat, Offenheit und Verschwiegenes, Zärtlichkeit und Gewalt, Liebe und Wut.

Voriger Artikel
Jazz-Echos: Zwei Lehrkräfte der Dresdner Musikhochschule erhalten Auszeichnungen
Nächster Artikel
Teppich-Kunstprojekt am Landgericht soll repariert werden - Kulturbürgermeister verurteilt islamfeindliche Parolen

Michael Wildenhain bei seiner Antrittslesung.

Quelle: Dietrich Flechtner

So wie im Titel. Das Buch hatte es unter die fünf Finalisten für den Preis der Leipziger Buchmesse geschafft. Den bekam dann der Lyriker Jan Wagner.

Genau und sinnlich erzählte Prosa

Doch da stand schon fest: Michael Wildenhain wird neuer Dresdner Stadtschreiber, der mittlerweile zwanzigste. Besser hätte er sich nicht empfehlen können. Und mit einer Lesung aus diesem Roman in der Hauptbibliothek hat er sich jetzt seinem Publikum vorgestellt. Mit Passagen aus dieser gedrängten, detailgenau und sinnlich erzählten, hoch dramatischen Prosa, welche die Zuhörer sichtlich in Bann schlug. So sehr, dass der Autor auf die obligatorische Frage, ob es Fragen gebe, Schweigen erntete, die Spannung schließlich löste mit dem Hinweis aufs anschließende Weinbuffet.

Politik, Zeitgeschichte verwebt Wildenhain schlüssig mit einer Familiengeschichte, die Erzählung von der zweiten Terroristengeneration der späten Siebziger in Westberlin mit einer Liebesgeschichte - ein sehr komplexes Gewebe in drei Zeitebenen, das eine Unmenge an Fragen stellt. Etwa die nach Schuld. Die des Erzählers Matthias am Autismus seines Bruders Carsten ebenso wie die seines Pflegevaters, eines Arztes, in der NS-Zeit, wo dieser an grausamen Euthanasie-Operationen beteiligt war.

Der moralische Zwiespalt klafft auf: Verstrickungen in die Todesmaschinerie der Nazis, ein Attentat als nachholender Antifaschismus, an dem Marta beteiligt ist, jene drei Jahre ältere Frau, in die sich der Erzähler verliebt. Verantwortung, freier Wille - schwergewichtige Themen, auf die man hier stößt. Große Debatten indes, weiß Michael Wildenhain, verträgt erzählende Prosa schlecht. "Ich bin ein Freund impliziten Erzählens", hat er auf einer Lesung in Leipzig bekannt.

Nach Dresden kommt er zum zweiten Mal. 1992 und 93 ist er bereits hier gewesen, am Schauspielhaus, wo er mit Regisseur Hasko Weber die Uraufführung seines ersten Theaterstücks "Umstellt" vorbereitete. Er ist ein vielseitiger Autor. Unter anderem hat er mehrere Kinder- und Jugendbücher verfasst. "Blutsbrüder" (Ravensburger, 2011) etwa. Da geht es um Jugendliche deutscher und türkischer Herkunft, um Entscheidungen, die der Einzelne angesichts eskalierender Gewalt zu treffen hat.

Michael Wildenhain, 1958 in Berlin-West geboren, Sohn eines Schlossers und einer Erzieherin, hat mehr kennengelernt als die intellektuellen Zirkel an Universitäten und damit mehr als manche, vor allem jüngere, seiner Schriftstellerkollegen. Er ist studierter Wirtschaftsingenieur, hat das mit Philosophie kombiniert und während eines Praktikums als Maschinenbauingenieur bei der AEG kennengelernt, wie es in der Produktion zugeht.

Seine politische Prägung jedoch hat er in der Westberliner Hausbesetzerszene bekommen. Fast zwei Jahre lebte er mit den Akteuren in einem besetzten Haus. Das hat ihn nach einigen Artikeln, unter anderem in der Zeitschrift "Radikal", zu seinem ersten Roman "zum beispiel k." inspiriert. Bevor der Rotbuchverlag den 1983 drucken ließ, hatte er das Manuskript in der Anwaltskanzlei von Otto Schily vorsichtshalber auf "systemfeindliche" Passagen prüfen lassen.In der Hausbesetzerszene spielt auch sein Roman "Träumer des Absoluten" (2008). Um militanten Widerstand gegen den Staat geht es da und um islamistischen Terrorismus.

Im Roman "Russisch Brot" (Klett-Cotta, 2005) wiederum schilderte er eine deutsch-deutsche Familiengeschichte aus der "Passierschein-Zeit", den Sechzigern in Berlin-West und -Ost. Daneben hat er Lessings "Minna von Barnhelm" im Jahr 2000 als Musical gestaltet, gemeinsam mit Konstantin Wecker. 2005 war er Gastdozent am Leipziger Literaturinstitut. Und hat auch eine sportliche Seite - als Fußballtrainer. 2013 erschien sein Kinderbuch "Leo der Held und der Traum vom Fußball" (Ravensburger).

Kritiker bescheinigen Wildenhains Büchern eindringliche, bildreiche szenische Darstellung und originelle, lebendig gezeichnete Figuren. Seine Vielfalt, seine Fähigkeit, Atmosphäre sehr sinnlich zeichnen zu können, überzeugte auch die Stadtschreiber-Jury, die ihn unter 54 Bewerbern auswählte.

Eingereicht hatte er ein Romanmanuskript, das in England spielt, angeregt von einem Studienaufenthalt als "Writer in Residence" 2006 in London. Daran will er in Dresden weiterarbeiten. Ausgestattet mit Wohnung und Stipendium der Stiftung Kunst und Kultur der Sparkasse, hat er dafür nun ein halbes Jahr Ruhe und finanziell den Rücken frei.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.05.2015

Tomas Gärtner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr