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Michael Thalheimers "Die Jungfrau von Orleans" zu Gast in Dresden

Michael Thalheimers "Die Jungfrau von Orleans" zu Gast in Dresden

Sie ist definitiv standhaft, diese Johanna d'Arc aus Michael Thalheimers Inszenierung von Schillers "Die Jungfrau von Orleans" am Deutschen Theater Berlin (Koproduktion mit den Salzburger Festspielen), die am Wochenende an zwei Abenden im Dresdner Schauspielhaus zu Gast war.

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Dichte Dramatik: Johanna (Kathleen Morgeneyer), zu ihren Füßen Lionel (Alexander Khuon), dahinter Philipp, Herzog von Burgund (Peter Moltzen).

Quelle: Arno Declair

Das muss man ihr lassen. Johanna ist standhaft im Sinne von "mutig" und "stark". Sie, die Hirtentochter, eine echte Unschuld vom Lande, gehorcht furchtlos der vernommenen Stimme der Mutter Gottes mit dem Schwert in der Hand, um ein Heer anzuführen. Heimat und König der Franken will sie vor den "Engelländern" verteidigen, kompromisslos will sie sein und keine Gefühle außer patriotischen an ihr Herz heranlassen. Doch als sie beim Engelländer Lionel (Alexander Khuon) am Ende schwach wird, Mitleid und Zuneigung fühlt, wüten Zweifel in ihr, es bekämpfen sich Himmel und Hölle.

Johanna ist standhaft im Sinne von "starrköpfig" und "borniert", wenn sie im Blutrausch von ihrer ersten Schlacht als Anführerin erzählt, in der 2000 Feinde gefallen sind und die Franken unerwartet als glanzvolle Sieger dastehen. Einfältig klingt sie jetzt, nicht mehr unschuldig und jungfräulich. Kurz davor hat sich ihr engelhaftes Gesicht zu einer Grimasse verzerrt, voller Ekel formt sie Namen im Mund, kaum wahrnehmbar: Talbot, der verhasste Feldherr der Engelländer? Später wird sie ihn töten. So eine Johanna ist sie hier.

Johanna ist in der Inszenierung von Michael Thalheimer auch standhaft, weil sie - steht. Knapp zwei Stunden lang steht sie vorn nah an der Bühnenrampe in einem Lichtkegel, im zunächst blütenweißen Leibchen (das der Feind später mit Theaterblut bespucken darf), mit Hose und derbem Schuhwerk, ein Schwert in der Hand, dann ohne. Eine sichtbar Erleuchtete, so scheint es. "Am Fuße des Leuchtturms ist es dunkel", lautet ein japanisches Sprichwort. Trügt der (Heiligen-)Schein von Johanna? Ist das die Botschaft dieser Inszenierung?

Nur kurz verlässt die Schauspielerin Kathleen Morgeneyer, die Johanna tapfer verkörpert und sprechen lässt, ihren Posten nach anderthalb Stunden, um sich den anderen (radikal auf zehn Schauspieler reduzierten) Figuren im Dunkeln anzuschließen. Dann kehrt sie zurück und steht ihre Johanna bis zum bitteren Ende. Erst kurz vor Johannas Heldentod in der Schlacht (den ihr Schiller schenkte, denn die historische Jeanne d'Arc verbrannte jämmerlich auf dem Scheiterhaufen) offenbart das bis dahin versteckte Bühnenbild von Olaf Altmann, unentwegter künstlerischer Begleiter des Regisseurs, durch Aufhellung der Bühne seine düstere Symbolik. Bis dahin ist es nur ein dunkler Hintergrund, aus dem die Figuren auftauchen und wie die Fliegen das Licht von Johanna umkreisen, die Heldin verdecken, umwerben, benutzen und beschuldigen. Sie schmettern ihren Text wuchtig rhythmisiert ins Publikum, sehen sich kaum an, treten aus dem Dunkeln auf und ab. Einen solchen Auftritt, den intensivsten, hat Almut Zilcher. Auf unerhört hohen Absätzen, als Grufti-Hexe verkleidet (Kostüme: Nehle Balkhausen), stakst sie ins Licht und sticht als Königsmutter, als Verräterin, Wort für Wort in die Dämmerung des Raums: akzentuiert, klar, erbarmungslos. Sie ist gefährlich und lächerlich zugleich. Erst am Ende der Inszenierung erkennt man, wo dieses ganze gesprochene Kriegstheater verortet ist: in einer schlichten, schwarzen Zeltkathedrale. Ein sakrales Nichts, ein Käfig für Aufopferung und Eitelkeiten. Mögen die Figuren drin bleiben, für Ausstellungszwecke, und den Käfig nie verlassen. Ist das die Botschaft?

Oder ist es eine Botschaft, auf die Frage "Wie war die Inszenierung?" antworten zu wollen: Ich habe (laute) Stimmen gehört? Jedenfalls tragen die Stimmen der Darsteller zum großen Teil den radikal verdichteten Text. Die größte Stimmenvielfalt ist Johanna zugedacht - warm, zerbrechlich klingt sie in der Beschreibung ihres Lebens vor der göttlichen Mission, zerbrechlich in ihrem Zweifel, kindlich heldenhaft in ihrem Sterbemonolog. Und dann zetert sie als Stimme der Mutter Gottes, schreit wie ein plumpes Marktweib ihre kriegerische Obsession heraus. Aus solchen Kontrasten entwickelt die Inszenierung ihre Faszination. Da ist einerseits das Geschrei der Kettenhemd-Ritter in ihrem eitlen Taktieren und Abschlachten. Demgegenüber stellt die Regie ein Weichei von König (Christoph Franken) auf, einen nervösen Fettsack, der auf Socken getrippelt kommt, dessen Hand krankhaft zittert - der also unfähig zum Regieren ist. Man vernimmt die Worte von Graf Dunois (Andreas Döhler) an seinen König: "Laß du/ Den Krieg ausrasen, wie er angefangen,/ Du hast ihn nicht leichtsinnig selbst entflammt./ Für seinen König muß das Volk sich opfern,/ Das ist das Schicksal und Gesetz der Welt." Sich für diesen König opfern? Nein, danke, da sieht man regelrecht Schiller 200 Jahre weit entfernt zwinkern.

Michael Thalheimer hat mit der Inszenierung von Schillers "Die Jungfrau von Orleans" seinem Ruf als Sezierer und Minimierer von Theaterstoffen alle Ehre gemacht. Das kommt bei Publikum und Kritik nicht uneingeschränkt gut an - aber es beeindruckt. Das Dresdner Publikum jedenfalls ließ sich beeindrucken und applaudierte herzlich dem exzellenten Schauspielerteam.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.02.2014

Bistra Klunker

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