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Michael Schulz’ Inszenierung "Idomeneo" hat heute Premiere in der Semperoper Dresden

Michael Schulz’ Inszenierung "Idomeneo" hat heute Premiere in der Semperoper Dresden

Meist sind es Opern wie "Die Entführung aus dem Serail", "Figaros Hochzeit", "Così fan tutte", "Don Giovanni" oder "Die Zauberflöte", die in der Publikumsgunst ganz oben stehen.

Mozart geht immer.

Ein Werk wie "Idomeneo" hat es da vergleichsweise schwer. Regisseur Michael Schulz, der diesen Dreiakter jetzt an der Semperoper inszeniert, bricht dennoch eine Lanze für das Stück und verrät im DNN-Gespräch mit Michael Ernst, warum er sich auf das Wagner-Jahr 2013 so freut.

Frage: "Idomeneo" führt uns tief in die griechische Mythologie, Sie haben sich jetzt ausgiebig damit befasst. Hat Sie der Stoff an Griechenland heute erinnert oder sind Sie umgekehrt durch die aktuellen Nachrichten auf die Antike gestoßen?

Michael Schulz: Da würde ich eher Letzteres sagen, dass man bei dem, was man über Griechenland liest, sich daran erinnert, dass die Geschichte schon immer solche Probleme bereitgehalten hat. Die Frage nach Verantwortung und den sich daraus ergebenden Konsequenzen sind ein völlig zeitloser Konflikt, in dem sich sowohl die Figuren dieser Oper als auch die realen Menschen von heute befinden. Das ist ja nicht nur ein griechisches Problem, sondern ein europäisches, ein Weltproblem.

Der machthabende Mensch als nicht lernfähiges Wesen?

Nicht lernfähig? Ja, das auch. Aber vor allem der machthabende Mensch, der irgendwann die Verbindung zur Basis verliert, zu dem, was Moral und was Ethik ist. Und der dann seine ganz persönliche Befindlichkeit über das Allgemeinwohl stellt, also mit einer gewaltigen Hybris ausgestattet ist, die irgendwann zwangsläufig zurückschlagen muss.

Ist es nicht ebenso der liebende Mensch, der den Boden unter den Füßen verliert und dadurch unberechenbar wird?

Der liebende Mensch gerät in diesem Fall durch die Hybris und die Verantwortungslosigkeit des Herrschenden in einen Sog, in dem alles versinkt, nicht nur er selber. Idomeneo fällt eine Entscheidung gegen sich und gegen die Gesellschaft. Damit ist er tatsächlich in der Lage, Staaten zum Wanken zu bringen.

Von der Mythologie zu Mozart: "Idomeneo" hat ja gemeinhin - fälschlicherweise! - den Ruf, dramaturgisch dröge und somit schwer inszenierbar zu sein.

Natürlich ist "Idomeneo" eine große Aufgabe, denn allein dessen Form ist eine ganz andere als in den Da-Ponte-Opern. Es ist ja mehr eine Tragédie lyrique als eine Opera seria. Konflikte und vor allem Gefühlssituationen der Menschen werden von innen nach außen gekehrt. Gefühle, die kaum darstellbar sind, entfalten sich in Musik und Text, was den dramatischen Zug erst einmal zu hemmen scheint.

Aber wenn man versucht, sich diesen Gefühlen zu stellen, sie in Bildern, Handlungen und Situationen zu visualisieren, dann ist es eine überaus spannende Aufgabe, sich damit auseinanderzusetzen. Dadurch, dass diese Oper auf der Grenze zwischen Barock und Klassik steht, geht sie einerseits sehr unterschiedlich mit Dramaturgie um. Sehr disparat und wenig homogen. Andererseits hat sie eine Musik, die teilweise so weit in die Zukunft weist - nicht nur die Zukunft Mozarts, sondern überhaupt der Musik -, dass es einem fast den Atem stocken lässt. An manchen Stellen glaubt man, schon mitten im Musikdrama von Richard Wagner gelandet zu sein.

Die Lanze für diese Oper haben Sie somit gebrochen. Brechen Sie auch eine für Ihre Inszenierung?

Lustigerweise ist es so, dass ich von der Semperoper gefragt wurde, ob es nicht schon immer mein Wunsch gewesen sei, diese Oper zu machen. Nun ist ausgerechnet "Idomeneo" die Mozart-Oper, der ich in meiner Jugend als erstes begegnet bin. Ich war sofort fasziniert von der Musik und ganz besonders von der Figur der Elektra, weil die am musikalisch emotionalsten reagiert und die für mich stärksten Reize aussendet.

Ich habe also sofort Ja gesagt, auch wenn ich noch nicht wusste, wie ich damit umgehen werde. Das ergab sich dann erst in den zwei Jahren der Vorbereitung, in denen ich gemerkt habe, wie schwer diese Oper tatsächlich ist.

Wir versuchen, dieses Werk auf der einen Seite sehr emotional zu erzählen, also zu zeigen, wie Menschen mit so extremen Situationen umgehen. Auf der anderen Seite wollen wir es in ein barockes Bildertheater heutiger Prägung ummünzen. Es wird also kein rein psychologisches Drama, das sich im Privatbereich des Herrschenden abspielt, sondern, um mal ein großes Wort zu benutzen, mit den von uns entwickelten Mitteln ein Menschentheater.

Themenwechsel: Das Wagner-Jahr, die Salzburger Osterfestspiele und Ihr dortiger "Parsifal" mit der Sächsischen Staatskapelle stehen bevor. Schon aufgeregt?

Dazu kam es ebenfalls durch eine Anfrage, und als klar war, dass es mit der Staatskapelle und Christian Thielemann stattfinden wird, haben wir uns getroffen und festgestellt, dass wir auf einer sehr ähnlichen Ebene über dieses Werk denken. Meine Erwartungshaltung ist eine sehr respektvolle und auch demütige sowohl dem Werk als auch dem Ort gegenüber. Mich dort an "Parsifal" mit einem Bühnenbildner wie Alexander Polzin versuchen zu dürfen, ist großartig. Und dann noch mit einer so fantastischen Besetzung, auf die ich mich unendlich freue! Da beziehe ich unbedingt alle mit ein, neben den Solisten also auch das Orchester und den Opernchor. Nach der Salzburger "Frau ohne Schatten" und dem "Rosenkavalier", den ich jetzt hier gesehen habe, eine gewiss berechtigte Vorfreude.

Ihr "Parsifal" wird von Salzburg aus, bevor er nach Dresden kommt, erst einmal in Peking gezeigt. Sehen Sie in den unterschiedlichen Hör- und Sehgewohnheiten an diesen drei Orten ein Problem?

Ich glaube, dass "Parsifal" vor allem ein Kunstwerk ist, das über allen Zeiten steht und so auch in unterschiedlichen Kulturen funktioniert. Gerade weil er so viele Einflüsse unterschiedlicher Atmosphären und Überzeugungen in sich vereint, wird er nicht nur in einem bestimmten Kulturkreis wirken.

Es wird die asiatische Erstaufführung für "Parsifal", ein besonderer Druck für Sie?

Überhaupt nicht. Diese Oper ist nicht das Opus summum von Wagner. Er konnte nicht wissen, dass er danach stirbt, wie auch Mozart nicht gewusst hat, dass er nach seinem Requiem sterben wird. Und wir wissen nicht, wie es danach mit Wagners Werk weitergegangen wäre, auch wenn das sehr spannend sein könnte. Ich bin aber überzeugt, dass "Parsifal" auch in China rezipiert werden kann, so wie wir es erzählen. Da wird kein spezielles historisch-politisches Konzept gewählt, das nur in einem bestimmten Kreis verstanden werden kann.

Zum Mozart-Jubiläum gab es die Sorge, danach könne niemand mehr Mozart hören, was längst widerlegt ist. Auch Sie treten ja den Gegenbeweis an. Befürchten Sie ähnliche Sorgen vorm Verdi- und Wagner-Jahr 2013?

Schwere Frage. Bei Verdi glaub ich das nicht, der hat so viel komponiert, da gibt es immer noch eine Menge zu entdecken. Und Wagner hat ein Œuvre geschaffen, das, wie ich denke, nie ausgereizt sein wird und immer wieder neu zu entdecken ist. Ich habe mich viel damit beschäftigt, vom "Ring" über "Lohengrin" bis hin zu den "Meistersingern" und "Parsifal" - und stets das Gefühl, nie mit diesen Werken fertig zu werden. Das ist nicht auszuerzählen.

heute Premiere, dann am 2., 6., 10., 13. und 17.12.

www.semperoper.de

- studierte Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg

- arbeitete als Spielleiter und Regisseur am Staatstheater Kassel, danach am Aalto-Musiktheater Essen, von 2002 für sechs Jahre Operndirektor am Deutschen Nationaltheater Weimar, seit 2008 Generalintendant am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

- arbeitet als Gastregisseur (u.a. auch in Dresden "Der Liebestrank" von Gaetano Donizetti)

- wird zu den Salzburger Osterfestspielen 2013 in Koproduktion mit der Semperoper und dem Peking Musik-Festival Wagners "Parsifal" inszenieren

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.11.2012

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