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Michael Sanderling verlängert bei der Dresdner Philharmonie bis 2019 und zieht im Interview eine positive Bilanz

Michael Sanderling verlängert bei der Dresdner Philharmonie bis 2019 und zieht im Interview eine positive Bilanz

Nach Stadtratsbeschlüssen, Verzögerungen und politischen Querelen ist nun offiziell Baustart: Dresden verwandelt den Mehrzweckbau Kulturpalast in einen Konzertsaal, außerdem werden in dem Haus am Altmarkt Herkuleskeule und Städtische Bibliotheken eine neue Heimstatt finden.

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Vertragsverlängerung auf der Kulturpalast-Baustelle: Chefdirigent Michael Sanderling und Oberbürgermeisterin Helma Orosz.

Quelle: Dietrich Flechtner

Die DNN sprachen mit Michael Sanderling, dem 46-jährigen Chefdirigenten der Dresdner Philharmonie, der gestern nicht nur dem Baubeginn beiwohnen durfte, sondern auch seinen bis 2019 verlängerten Vertrag mit der Stadt unterzeichnete.

Frage: Ist das für Sie ein Tag zum Feiern?

Michael Sanderling: Es ist ein glücklicher Tag für mich und das Orchester, und zwar in doppelter Hinsicht. Zum einen ist die künstlerische Ausrichtung der nächsten Jahre durch unser prolongiertes "Eheversprechen" besiegelt. Zum anderen geht es mit dem Bau des neuen Saales im Kulturpalast endlich los. Dieses sichtbare Zeichen ist von uns lang ersehnt worden.

Dass Sie Ihren Vertrag als Chefdirigent bis 2019 verlängern, lässt auf eine gute Bilanz Ihrer ersten beiden Jahre mit dem Orchester schließen...

Die künstlerische Bilanz ist ausnahmslos positiv. Die gute Verbindung zwischen dem Orchester und mir hat sich bestätigt durch sehr viele wohlwollend bis enthusiastisch aufgenommene Konzerte hier in Dresden und große Erfolge auswärts. Die äußeren Umstände waren die erwartet schwierigen, ich denke, dass das Orchester diesbezüglich in der schwierigsten Phase seiner Geschichte ist. Aber wir wussten ja, was auf uns zukommt.

... und das Publikum, wie hat es reagiert?

Wir erleben eine enge Bindung des Publikums an das Orchester, ich würde fast meinen, es ist gefühltermaßen eine noch engere als zuvor. Das macht uns sehr stolz und glücklich. Und dafür bedanken wir uns. Umzug und Wandern eines ganzen Orchesters ist nicht nur logistisch eine immense Aufgabe, sondern für jeden einzelnen eine große Herausforderung. Auf und hinter der Bühne und auch in der Administration. Wir sind an allen Stätten, an denen wir spielen, sehr freundlich und kooperativ aufgenommen worden. Und wir haben es auch geschafft, die Orte, soweit es ging, so herzurichten, dass eine Konzertatmosphäre entsteht. Dass es dabei Grenzen gibt, liegt auf der Hand.

Wie sehen Ihre Vorstellungen für die Jahre ab 2017 aus?

Da gibt es ganz konkrete Fakten, wir wissen, wie der neue Saal aussehen wird; wir träumen, dass die Orgel kommt und dass der Kulturpalast kein Raum ist, der 18.30 Uhr seine Pforten öffnet und nach dem Konzert wieder schließt und sonst eigentlich ein totes Gebäude inmitten der Stadt ist. Deshalb war es eine kluge Entscheidung, die Bibliothek mit hineinzunehmen. Ich denke, es wird zu einer Symbiose kommen zwischen Wort und Ton. Man wird versuchen, dass im Besucherservice nicht nur ein Kartenverkauf, sondern auch tagsüber lebendige Kultur stattfindet. Noch nicht genau vorstellen kann ich mir, wie Kabarett und Ton zusammenkommen, da ich aber sehr gern lache, freue ich mich auch darauf.

... und musikalisch?

Für unser Repertoire bedeutet es, dass wir dann wieder ohne Beeinträchtigung groß besetztes Repertoire spielen können, wie z.B. Mahlers 2. Wir müssen überlegen, welche Formate in der Stadt fehlen, die auf die Jugend abzielen. Wir haben mehr als andere Regionen darüber nachzudenken, wie wir eine bestimmte Klientel unserem Stammpublikum beimischen. Da wird man auch über andere Zeiten philosophieren müssen, und damit meine ich vor und nach den üblichen Konzertzeiten, und über Mixed Concerts, in denen es nicht mehr ausschließlich um klassische Musik geht.

Was soll im Konzertsaal außer den Veranstaltungen der Dresdner Philharmonie noch stattfinden?

Er wird nicht nur dem heimischen Orchester Heimstatt sein, und da sollte man fairerweise sagen, beiden Orchestern, sondern Dresden wird auch einen ihm zustehenden Platz auf der Landkarte der Orchestergastspiele bekommen. Außerdem wird der Saal, soweit mir bekannt, für wesentlich mehr ausgestattet sein, als nur für die Belange von Sinfoniekonzerten. Natürlich ist der Saal aufgrund der geringeren Platzkapazität für bestimmte Konzerte der U-Musik nicht interessant. Aber in welcher Stadt gibt es einen Saal, der von der Kapazität her für klassische Musik taugt und gleichzeitig für U-Musik? Wir können doch nicht sagen, wir machen das eine nicht, weil wir auch das andere brauchen, und letztlich ist es für beides nicht gut (genug). Es wird eine Aufgabe sein für die künftige Intendanz des Hauses, anderen und möglichst vielen verschiedenen Genres das Haus zugängig zu machen.

Apropos Intendanz: Der Vertrag mit Anselm Rose endet Ende 2014, wer wird sein Nachfolger? Die in der Öffentlichkeit bereits gehandelte Potsdamerin Frauke Maria Roth?

Ich kann nur soviel sagen, dass es einen Vorschlag geben wird an den Stadtrat, der dann entscheidet. In der Stellenausschreibung ist klar formuliert: Der Intendant ist verantwortlich für das gesamte kulturelle Programm im umgebauten Haus.

Bis wann soll die Entscheidung fallen?

Bis Ende dieses Kalenderjahres. Der Wechsel soll zum 1. Januar 2015 erfolgen, aber wir wissen ja, Dienstbeginn ist nicht Arbeitsbeginn.

Es ist nicht verborgen geblieben, dass die Zusammenarbeit zwischen Ihnen, dem Orchester und dem bisherigen Intendanten nicht konfliktfrei war. Was erwarten Sie also künftig?

Der neue Intendant übernimmt qua Ausschreibung eine ungeheuer verantwortliche Aufgabe, denn es geht um wesentlich mehr als die Fortsetzung der Philharmonieleitung. Wir reden über doppelte Arbeit, das heißt, es sind organisatorische Fähigkeiten gefragt, um die Aufgaben sinnvoll auf verschiedene Schultern zu legen; es sind kreative Momente gefragt, denn das neue Haus muss vielfältig, abwechslungsreich, sinnvoll und nicht nur regional, sondern international ausstrahlend bespielt werden. Es wird die Frage zu klären sein, wie man die Dresdner Philharmonie noch präsenter machen kann, hier und on the road. Es wird um Formate gehen. Letztlich ist ein Intendantenwechsel auch immer mit einem Paradigmenwechsel verbunden, darüber wird zu sprechen sein, wenn feststeht, wer neuer Intendant wird. Da die Findungskommission sehr breit aufgestellt war, bin ich zuversichtlich, dass der Stadtrat einem Vorschlag folgt.

Nach der Eröffnung 2017 wird die Dresdner Philharmonie unter sehr hohem Erfolgsdruck stehen. Glauben Sie, dass dann auch die Diskussion um den Kulturpalast enden wird?

Sie wird schlagartig aufhören, weil man merken wird, dass es die richtige Entscheidung war. Sie würde nur dann nicht aufhören, wenn der Saal schlecht geraten würde. Und das wird nicht passieren; er wird das erfüllen, was wir alle erwarten. Im übrigen bin ich gerade wegen des hohen Erfolgsdrucks froh, dass jemand als Intendant gesucht wurde, der diese Verantwortung dann wirtschaftlich, künstlerisch, organisatorisch und auch politisch übernehmen kann.

Haben Sie jemals mit Christian Thielemann, dem Chefdirigenten der Staatskapelle Dresden, über den Konzertsaal und eine gemeinsame Nutzung gesprochen?

Auch ich habe Herrn Thielemann in seiner Saison "angekommen" begrüßt und ein Gesprächsangebot gemacht. Leider ist daraus bis dato nichts geworden. Ich wiederhole, wo immer ich kann, mein persönliches Statement: In dem Saal, so er auch für die Staatskapelle ein guter Saal ist, sollten selbstverständlich beide Dresdner Orchester auftreten. Denn es wird das sinfonische Zentrum Dresdens werden. Und ich denke, dass dieser Saal auch für die Staatskapelle große Vorteile bringen würde. Aber das sind die Dinge, die nicht ich zu entscheiden habe.

Etliche in Dresden hängen immer noch an der Idee eines komplett neuen Konzerthauses an anderer Stelle?

Ich glaube, dass die Idee keine schlechte Idee war, aber sie kam Jahre zu spät. Man hätte das in Gemeinsamkeit aller vor mindestens 15 Jahren angehen müssen. Ob es dazu wirklich je Gelegenheit gegeben hat, entzieht sich allerdings meiner Beurteilungskraft.

Hat das Orchester Vakanzen, die schwierig zu besetzen sind aufgrund der gegenwärtig komplizierten Verhältnisse?

Wir haben momentan nur zwei Vakanzen: Solopauke und stellv. Solobratsche. Neu besetzen konnten wir z.B. den koord. Solobass: Erstmals in der Geschichte der Philharmonie bekleidet die Position nun eine Frau, die Koreanerin Soohyun Ahn.

Internationalität in den Orchestern ist gut, wie kann man dennoch den sogenannten Dresdner Klang erhalten?

In einer Zeit, wo wir sehr genau wissen, wie z.B. in Nowosibirsk und São Paulo gespielt wird, besteht natürlich die Gefahr, dass wir uns in diesem Punkt globalisieren und vereinheitlichen. Dem kann man nur begegnen, wenn der Geschmack und das Bewahren einer Tra- dition eine Rolle spielen. Ich glaube aber nicht, dass der Klang nur bewahrt werden kann, wenn lediglich Leute aus dem "Dresdner Stall" nachrücken, sondern indem Orchestermitglieder ihre Klangvorstellungen an die Neuen weitergeben und diese "formbar" sind. Das ist bisher beiden Dresdner Orchestern gelungen.

Wie wird es mit dem Philharmonischen Chor weitergehen, unter Ihren Vorgängern hatte es das einst von Kurt Masur 1967 angeregte Ensemble schwer, im Konzertplan den einmal erarbeiteten Rang zu behaupten...

Wir sind froh, dass wir ein Orchester sind, das einen eigenen Chor besitzt. Durch die Amtsübernahme von Prof. Gunter Berger hat es einen Umbruch gegeben, das ist, wie ich finde, schon deutlich hörbar. Wir sind bemüht, die Attraktivität der Mitgliedschaft im Chor zu erhöhen, sicher wird da eine Rolle spielen, dass der Philharmonische Chor eines Tages Hauschor des Kulturpalastes sein wird. Jetzt wird man daran arbeiten, dass die Qualität mit den Aufgaben wächst.

Sie pendeln zwischen Budapest, Frankfurt, Dresden, wo liegt Ihr Lebensmittelpunkt?

Dresden ist qualitativ und quantitativ mein musikalisches Zentrum. Mein Lebensmittelpunkt ist Frankfurt, wo meine Familie ihr Zuhause hat und wo meine Partituren liegen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.10.2013

Kerstin Leiße

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