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Michael G. Fritz' neuer Roman "Adriana läßt grüßen"

Michael G. Fritz' neuer Roman "Adriana läßt grüßen"

Es ist eine ungewöhnliche Geschichte, die uns der in Dresden lebende Michael G. Fritz in seinem neuen Roman "Adriana läßt grüßen" erzählt: Einem Mann, Mitte fünfzig, fällt wegen einer Verwechslung ein Koffer in die Hände.

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Der steckt voller Fotografien, die alle eine einzige Frau zeigen. Die versucht er zu finden. Was sich zu einer solchen Besessenheit entwickelt, dass er alles aufgibt. Die Obsession wirft ihn aus der Bahn.

Das Buch analysiert dies nicht, es beschreibt, wie sich jemand verändert. Auf sehr lebendige und faszinierend sinnliche Weise. "Leidenschaften kann man nicht erklären, und das um so weniger, je größer sie sind", konstatiert der Mann. Sie entwickeln eine Energie, die auch auf die Ökonomie keine Rücksicht nimmt. Dabei lebt die Hauptfigur, Boris Helmer, ein Mittfünfziger, bereits in prekären Verhältnissen: Nach 1990 hat er seinen Arbeitsplatz verloren, nun muss sich der Softwareprogrammierer als Freiberufler durchschlagen. Dafür brauchte er alle Kraft und Zeit. Doch die raubt ihm die Suche nach jener Frau. Kaum hat er sich einige Zeit nicht gemeldet, schon entgehen ihm Aufträge, von denen er lebt. "Wer sich nirgendwo in Erinnerung brachte, war im Grunde tot. Gnadenlos präsentierte sich das Gesetz des Marktes."

Ohne auf seine materielle Existenz zu achten, sehen wir diesen Mann dem Glück hinterher jagen. Das aber, so zeigt sich, lässt sich nicht herbeizwingen. In einer Szene in einem Café bemerkt eine dunkelhäutige Kellnerin in gebrochenem Deutsch: "Das Gluck ist fluchtig, es springt fort."

Die Geschichte erzählt zugleich vom Versuch, sein bisheriges Leben, alle Erinnerungen daran zu verdrängen, ganz neu zu beginnen. Denn hinter diesem Boris liegt ein traumatisches Erlebnis: Er hat seine Frau ein Jahr nach dem politischen Umbruch von 1989 bei einem Autounfall verloren.

Der Autor zeigt uns Momente, in denen Menschen Entscheidungen treffen, die Weichen für das ganze weitere Leben stellen. Die Eltern von Boris etwa sind 1961, gerade, als die Mauer gebaut wird, zu Besuch in Köln. Kehren jedoch wieder zurück nach Ostberlin. Andernfalls wäre er Kölner geworden. Was ihn ganz in die Nähe jener Adriana gebracht hätte, die dort aufgewachsen ist. Vielleicht jagt er nicht nur ihr, sondern auch einem Leben hinterher, das einen ganz anderen Verlauf hätte nehmen können. Ein Thema, das ihn immer beschäftigt habe, wie Michael G. Fritz im Gespräch mit Michael Hametner zur Buchpremiere in der Hauptbibliothek erzählte: Heimat. Ist es der Ort, wo einen der Zufall hinverschlägt?

Die Geschichte, so viel sei verraten, geht nicht gut aus. Das Leben des Mannes ändert sich zwar tatsächlich radikal, doch ganz anders als er sich vorgestellt hat. Dennoch gewinnt er etwas, vielleicht das Entscheidende: Er vergegenwärtigt sich die Geschichte seiner Herkunftsfamilie. Ein Erzählstrang, der zurückreicht in die Dreißiger, Vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts, bis nach Königsberg in Ostpreußen. Diese zusätzliche Zeitebene reichert den Roman mit großer Erzählfülle an. Ein ganzes Geflecht von Episoden tut sich auf. Fast zu viel des Guten. Als Leser hat man Mühe, bei all diesen Großvätern, Vätern, Müttern, Schwiegermüttern und Freunden mit ihren Eltern den Überblick zu behalten.

Geschickt versteht es dieser Autor, die Spannung bis zum Schluss zu halten. Immer neue, rätselhafte Signale bekommt seine Hauptgestalt von jener Adriana, Spuren, denen er fieberhaft nachjagt. So wird es auch ein Roman der Unrast; nicht zufällig sind Bahnhöfe die wichtigsten Schauplätze.

Michael G. Fritz erzählt realistisch, doch dann sehen wir zum Beispiel ein seltsames Graffiti an einer Hauswand, das bald verschwindet, bald wieder da ist. Besonders aber einen Buckligen, eine Art ewigen Wanderer, der Zeiten und Orte wechselt. Ein böser oder ein guter Geist? Lebendige Gestalt oder Schimäre? Das ist hier ganz ausgezeichnet in der Schwebe zwischen Wirklichkeit und Phantasie gehalten.

Womöglich, so zeigt uns dieses Buch ebenfalls, gibt es etwas Wichtigeres als ein geglücktes Leben: die Fähigkeit, davon zu erzählen. Mehr und mehr gewinnen jene Berichte des Vaters Raum, jene verdrängte Vorgeschichte von Boris, die von der Flucht aus Königsberg nach Berlin handelt, damit auch eine von Heimatverlust ist. Am Ende erkennt er: "Immer gibt es unerzählte Geschichten, eingepackt wie in einem Paket, das darauf wartet, geöffnet zu werden."

Tomas Gärtner

Michael G. Fritz: Adriana läßt grüßen. Mitteldeutscher Verlag. 288 S., 19,95 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.09.2012

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