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Melanchthon-Porträt durch hochkarätige Kooperation restauriert

Melanchthon-Porträt durch hochkarätige Kooperation restauriert

An ein solches Bildformat wie die überlebensgroße Darstellung des Reformators Philipp Melanchthon (1497-1560) aus dem Besitz der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt wagt sich wohl kaum eine Restaurierungswerkstatt ohne die Skepsis, diese Arbeit in absehbarer Zeit überhaupt schaffen zu können.

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Studentinnen restaurieren das 1945 zerstörte überlebensgroße Porträt des Reformators Philipp Melanchthon in der Restaurierungswerkstatt der Dresdner Kunsthochschule.

Quelle: Oliver Killig, dpa

Zumal das in den ereignisreichen letzten Kriegstagen 1945 im Lutherhaus in Wittenberg mutwillig zerstörte Gemälde Schäden aufweist, die eine Wiederbelebung enorm kompliziert erscheinen lassen. Von 1883 bis 1945 war das Werk gemeinsam mit einem überlebensgroßen Bildnis von Luther als Pendant sowie Darstellungen von Kurfürsten im Großen Hörsaal des Lutherhauses ausgestellt, und während das Luther-Bild seitdem verschollen ist, lagerte das Melanchthon-Gemälde - durchstochen, zerschnitten, gemartert - für rund sechs Jahrzehnte auf dem Dachboden des Hauses.

Kein Wunder also, dass auch Prof. Dr. Ursula Haller vom entsprechenden Studiengang der HfBK Dresden, zuständig für Kunsttechnologie, Konservierung und Restaurierung von Malerei auf mobilen Bildträgern, vor wenigen Jahren eher zweifelnd nach Wittenberg reiste, um sich das problematische Werk anzuschauen. Doch offenbar war es dann Liebe auf den ersten Blick. Und eine klare Herausforderung, der sich eine so renommierte Ausbildungsstätte mit hervorragenden Bedingungen letztlich auch stellen kann. Seit März 2009 wird das Bildnis in den Ateliers vom Studiengang Kunsttechnologie, Konservierung und Restaurierung von Kunst- und Kulturgut permanent untersucht, konserviert, restauriert. Und insgesamt 16 Studierende sowie speziell beauftragte Mitarbeiter wurden bislang in die komplexe Aufgabe einbezogen oder sind auch weiterhin damit befasst.

Anlass für eine neuerliche Presseeinladung zu diesem Thema sind die Fortschritte des gemeinsamen Projektes der Stiftung Luthergedenkstätten und der HfBK Dresden. Dazu gehört auch die erfreuliche Tatsache, dass das verloren geglaubte Antlitz von Melanchthon auf dem Gemälde quasi "Punkt für Punkt" wiederhergestellt werden konnte. Damit befasste sich zusätzlich zu ihren Diplomvorbereitungen Mandy Hellinger, aufbauend auch auf den Vorarbeiten von Emilia Sleczek. Hilfreich bei dieser Arbeit waren sowohl historische Aufnahmen aus dem Großen Hörsaal des Lutherhauses wie auch winzige erhaltene Schollen der Malschicht im Gesichtsbereich sowie der Vergleich mit zahlreichen weiteren Melanchthon-Bildnissen. Von etwa 120 kamen rund 30 Werke in die engere Auswahl. Im virtuellen Vergleich erkennt man deutlich Schritte, wie sich das Antlitz nach und nach formte. Dass es dennoch eine Rekonstruktion und nicht das Original ist, belegt auch ein entsprechendes Verfahren, das beim näheren Hinsehen Unterschiede in der Malschicht erkennen lässt, was den Gesamteindruck aber nicht beschädigt. Zudem, so betont Ursula Haller, sind sämtliche Arbeiten so ausgeführt, dass jederzeit der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt werden kann. Ein Mitdenken quasi für weitere Forschungen und spätere Maßnahmen.

Beim Anblick des Gemäldes ist das Ausmaß der mutwilligen Beschädigungen von 1945 sowie der Nachfolgen immer noch deutlich zu erkennen. Nahezu 5 Meter Risse haben das Bildnis in seiner Erscheinung stark beeinträchtigt, und es ist eine enorme Leistung, wie sich der textile Bildträger mit der Festigung jedes einzelnen Fadens wieder geschlossen zeigt. Dafür wurde überwiegend das erhaltene Originalmaterial verwendet. Nur eine einzige große Fehlstelle musste auch im Bildträger ergänzt werden.

Wenn auf Anfrage von Journalisten bei diesem Rundgang als Kosten für die Restaurierung rund 40 000 Euro genannt wurden, die vor allem und dankenswerterweise von einem privaten Spender stammen, dann ist das gewiss nur die halbe Wahrheit. Einen nicht minder beträchtlichen, vielleicht weniger in Euro zu fassenden Betrag hat die HfBK in dieses Kunstwerk investiert. Was aber allen gleichermaßen nutzt - die Studierenden erfahren an einem einzigartigen Kunstwerk, was und wie bei einem solch umfangreichen Projekt zu recherchieren, zu bedenken, zu tun ist. Und die Stiftung Luthergedenkstätten erhält ein unersetzliches Werk zurück und dokumentiert zugleich, welche Schritte notwendig waren, um diese Wiederbelebung zu ermöglichen.

Zur Entstehung des Gemäldes lässt sich sagen, dass es im Auftrag der Universität Wittenberg entstanden ist, in einem nicht genau zu bestimmenden Zeitraum Ende des 16. bis Anfang des 17. Jahrhunderts. Ein Meister dazu lässt sich nicht benennen, und den Kunsthistorikern bleibt es vorbehalten, herauszufinden, ob das Werk tatsächlich aus der Werkstatt von Lucas Cranach d. J. stammt, was aber mit der weit offenen Zuordnung von Umkreis und Nachfolge auch schon in Frage gestellt ist.

Zu den Besonderheiten des Projektes gehört übrigens auch, dass dieses Werk nachweisbar bislang keinerlei Eingriffe von Restauratoren und Konservatoren erfahren hat. Das Melanchthon-Bildnis wird übrigens nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten in der neuen Dauerausstellung im Melanchthonhaus in Wittenberg zu erleben sein. Diese soll in einem Erweiterungsbau des historischen Gebäudes auch entsprechende klimatische Bedingungen für die Exponate bieten. Gabriele Gorgas

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.12.2011

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