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"Meine Kunst ist Dienst" - 100. Geburtstag des Dresdner Kreuzorganisten Collum

"Meine Kunst ist Dienst" - 100. Geburtstag des Dresdner Kreuzorganisten Collum

"Immer wieder muss ich mich freuen, wie Sie das BACH-Panier hochhalten und für dieses Zeichen streiten. Sie werden aus der Opernstadt Dresden allmählich eine Bachstadt machen", äußerte einmal der Leipziger Thomaskantor Karl Straube, Herbert Collums wichtigster Lehrer.

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Kreuzorganist Herbert Collum an der großen Jehmlich-Orgel der Dresdner Kreuzkirche.

Quelle: aus buch

Am 1. April 1935 war der damals erst 20-Jährige unter 40 Bewerbern in das Amt des Kreuzorganisten gewählt worden, das er 47 Jahre ausübte als enger künstlerischer Mitarbeiter des Kreuzchores und seiner Kantoren Rudolf Mauersberger und Martin Flämig.

In der Tat bildete das kompositorische Schaffen Johann Sebastian Bachs, die Motetten, Kantaten, Orchester- und Kammermusikwerke, die Cembalo- und Orgelkompositionen den Mittelpunkt seiner interpretatorischen Leistungen als Organist, Cembalist, Pianist, Kammermusikspieler, aber auch als Orchesterdirigent und Leiter seines von 1946 bis 1969 existierenden gemischten Chores. Seine Frau, die 2001 verstorbene Sopranistin Herta-Maria Böhme-Collum, betreute stimmbildnerisch das Ensemble und half auch neben eigener solistischer Mitwirkung an der Organisation der bereits 1935 begründeten Collum-Konzerte mit, die bis zum plötzlichen Tod des Künstlers am 29. April 1982 eine feste Größe im Musikleben Dresdens waren.

Im regelmäßigen Zusammenwirken mit Musikern von Staatskapelle und Philharmonie entstand hier ein denkwürdiges Kapitel Dresdner Musikgeschichte, an dem Herbert Collum fast fünf Jahrzehnte entscheidend mitschrieb und das besonders in den Nachkriegsjahren - trotz eingeschränkter Lebensbedingungen in der zerbomben Stadt -, aber auch danach eine außerordentliche Resonanz bei den Dresdner Musikfreunden, nicht zuletzt unter der Jugend, fand. Den Höhepunkt seiner intensiven Bach-Pflege erreichte er in der Saison 1949/50 mit den 20 Abenden seines großangelegten Bach-Zyklus, die meist im Kirchensaal der interimsmäßig ausgebauten Ruine der Reformierten Kirche auf dem Dr.-Külz-Ring stattfanden. Da hier die Orgelbaufirma Jehmlich 1949 eine intime, gleichwohl klangschöne "Bach-Orgel" auf Betreiben Collums installiert hatte - übrigens der erste innerstädtische Orgelneubau nach der Kriegszerstörung Dresdens am 13. Februar 1945, der auch die große Kreuzkirchenorgel zum Opfer gefallen war -, spielte der Organist seitdem häufig auf diesem Instrument. Ab 1951 konnte er an der Annenkirche, der ersten wiederaufgebauten ev.-luth. Innenstadtkirche, und ihrer um- gebauten Orgel seine Organisten- und Kantorendienste wiederaufnehmen, hier auch konzertieren.

Keineswegs erklangen dabei nur Bach-Werke. Auch Kompositionen von Max Reger und von Zeitgenossen wie beispielsweise Johann Nepomuk David und anderen bereicherten die Programme der Collum-Konzerte. Nicht zuletzt eigene geistliche und weltliche Schöpfungen des Kreuzorganisten, so sein wohl wichtigstes Orgelwerk, die 25 Variationen über das alte Volkslied "Es ist ein Schnitter, heißt der Tod", oder seine eigenwillige, unkonventionelle Johannespassion für Tenor, Chor und Kammerorchester. Der bereits 1944 konzipierte "Totentanz", eines der wesentlichsten dem Untergang Dresdens gewidmeten Tonwerke des Komponisten neben dem chorsinfonischen Gesang "Wie liegt die Stadt so wüst", liegt übrigens in einer Platteneinspielung Collums auf der großen Jehmlich-Orgel der Kreuzkirche vor, die erst 1963 unter seiner Mitwirkung errichtet und von ihm am Reformationstag geweiht wurde.

Eine prinzipelle Bewertung und eine Wiederbelebung des umfangreichen kompositorischen Schaffens, das er hinterlassen hat und in dem sich atonale, zwölftönige und neoklassizistische Elemente finden, steht leider noch immer aus, vor allem was den größten, un- veröffentlichten Teil seines Œuvres betrifft, den sein in Köln lebender Sohn Christian verwaltet. Eine Rückführung dieser musikalischen Quellen in den Entstehungsort und eine etwaige Eingliederung in die Bestände der Sächsischen Landesbibliothek (SLUB) wären äußerst wünschenswert.

Auch gesellige, geistreiche Spielmusiken gehören zum Bild des Komponisten Collum, der seine Herkunft von der Orgel, vom Erlebnis der Bachschen Musik niemals leugnete, ohne jedoch in neobarocker Kontrapunktik zu erstarren. So erschloss das 1968 von der Dresdner Philharmonie unter Klaus Tennstedt mit dem Komponisten als Solisten uraufgeführte Cembalo-Konzert, eines seiner originellsten Stücke, neue Klangräume für das Soloinstrument. "Meine Kunst ist Dienst", war die Überzeugung Herbert Collums. "Wenn ich gut spiele, wenn ich die Musik verstehe und ihren tiefsten Sinn zum Ausdruck bringe, wenn meine Zuhörer dadurch die eigene Lebensauf- fassung vertiefen und fühlen, dass es ein Ereignis in ihrem Innenleben gewesen ist, dann habe ich meine Aufgabe erfüllt."

Zu seinem Schülerkreis konnte ich mich selbst Anfang der 50er Jahre als Kreuzschüler zählen. Ein überaus aktiver, vielbeschäftigter Künstler wie Herbert Collum war freilich kein idealer, geduldiger, pädagogisch begnadeter Lehrer. Viel zu oft verhinderten anderweitige Verpflichtungen, vereinbarte Unterrichtsstunden einzuhalten, die in der Regel an Klavier und Hausorgel in seinem Arbeitszimmer der Wohnung auf der Kaitzer Straße, manchmal auch am Flügel im Probenraum des Collum-Chores in der Ruine des einstigen Kreuzkirchenpfarramtes gegenüber der Kirche absolviert wurden. Nicht selten quälten ihn, der unruhig im Raum neben dem Schüler auf- und abging, Sorgen, organisatorische Nöte, Ungewissheit, ob er all seine vielen Bemühungen um eine Wiederingangsetzung des Dresdner Musiklebens wie geplant würde durchführen können.

Am 18. Juli 1914 in Leipzig geboren, studierte Collum 1930 bis 1934 am Kirchenmusikalischen Institut des damaligen Landeskonservatoriums seiner Heimatstadt. Seine Lehrer waren auch Günther Ramin (Orgel), Carl Adolf Martienssen (Klavier) und Kurt Thomas (Chordirigieren). Von 1928 bis 1932 wurde ihm die Organistenvertretung an der Leipziger Matthäikirche übertragen. 1932 bis 1935 spielte er als Assistent und Vertreter Ramins die Orgel in der Leipziger Thomaskirche. 1949 bis zum Mauerbau 1961 hatte er eine Dozentur für Orgelspiel an der Kirchenmusikschule im Johannesstift in Berlin-Spandau inne. 1960 mit dem Professorentitel ausgezeichnet, lehrte Collum an der Dresdner Musikhochschule in den 50er und 60er Jahren zunächst Orgel, später Cembalospiel. 1964 berief ihn der Leipziger Bach-Wettbewerb in die Jury. Konzertreisen führten ihn, der zu den führenden deutschen Organisten und Cembalisten, ja Kirchenmusikern seiner Generation gehörte, vielfach auch als Interpret eigener Werke ins europäische Ausland. Einige DDR-Schallplatten und ost- sowie westdeutsche Rundfunkaufnahmen, u.a. auf Silbermannorgeln, erinnern heute noch, allerdings viel zu wenig, an den Künstler, der 1973 den Kunstpreis, 1979 den Nationalpreis der DDR erhielt.

Seine letzte Ruhestätte fand Herbert Collum auf dem Dorffriedhof von Reinhardtsgrimma bei Kreischa. In dem nahegelegenen Pfarrhaus hatte er mit seiner Familie im Februar 1945 nach der Bombardierung Dresdens Unterkunft und Trost an der Silbermannorgel der Kirche gefunden, an der er bereits seit 1936 an den Himmelfahrtstagen Konzerte veranstaltete, eine Tradition, die noch in der Gegenwart wahre Zuhörerscharen anzuziehen vermag und von seinem Amtsnachfolger Holger Gehring seit 2004 nicht nur fortgeführt, sondern erweitert wurde. Dresdens großen Orchestern hätte es indessen gut zu Gesicht gestanden, dem diesjährigen Gedenken an den verdienstvollen Künstler durch Aufführungen eines seiner Orchesterwerke oder eines Instrumentalkonzertes besonderen Glanz zu verleihen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.07.2014

Dieter Härtwig

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