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"Mein Name ist Soundso" als deutschsprachige Erstaufführung im Chemnitz

"Mein Name ist Soundso" als deutschsprachige Erstaufführung im Chemnitz

"Mein Name ist Soundso" - so stellen sich zwei schwarz-weiße Gestalten einander vor, die sich auf einer schwarzen Bühne mit drei schwarzverhüllten Möbelstücken treffen.

Jedes ist älteren Datums und wie gemacht für eine schnelle, unkomplizierte Nummer als Vorspiel oder Höhepunkt eines gelungenen Gespräches, nacheinander geraten Schrank, Tisch und Bett ins Geschehen.

Der erfolgreiche Komponist (Christian Ruth) und die begabte Konzertflötistin (Ulrike Euen), von Autor Bogdan Koca nur als Er und Sie bezeichnet, begegnen sich zum ersten Mal und versuchen, per anheimelnden Gesprächen auf intellektuellem Niveau, sich schnell näher zu kommen. Dabei geht es um ganz große Kunst, um neue Musik - am Boden verstreut liegen dazu Notenblätter mit seiner jüngsten Komposition. Sie, so die Rollenbeschreibung, sei "eine attraktive Frau, Alter irrelevant, solange die Schauspielerin gut spielt". Er hingegen: ein durchschnittlich aussehender Mann, Alter egal, solange die Beziehung plausibel bleibt, spreche mit ausländischem Akzent.

Doch jeder der Versuche, sich anzunähern, scheitert und endet in verbalem Missgeschick, worauf man von vorn beginnt. Erst als sie es mit Authentizität versuchen und parallel sprudelnd ihre Wünsche verkünden, landen sie gemeinsam im Bett. Also auf dem Tisch. Beinahe. Nur die weibliche Wahl des Verhütungsmittel verhütet das Happy End.

Ähnlich wie bei seiner prickelnden Medienfarce "Reality Number Six", die im Februar in Zittau Premiere hatte, präsentiert Bogdan Koca, der bis Sommer Intendant am Norwid-Theater in Jelenia Gorá war, mit "Mein Name ist Soundso" eine Uraufführung aus seiner langen Sydneyer Dissidentenzeit nun als deutschsprachige Erstaufführung im Ostflügel des Chemnitzer Schauspielhauses. Und wie zuvor kommt man nicht herum, dem zwanzig Jahre alten Text eine gültige Abstraktionshöhe zuzusprechen, so dass er zeit-, grenz- und sprachübergreifend funktioniert. Herrlich unbeholfen um sich herum schleichend, laden Ulrike Euen und Christian Ruth die Spannung auf, um die Stimmung immer wieder gemein bis komisch zu brechen.

Wie üblich hält sich Regisseur Koca, von dem auch das Bühnenbild stammt, nicht an seine eigenen Regieanweisungen, sondern lässt bei der Inszenierung Freiraum für die Akteure, die sich umgarnen, sichtlich bemüht, sich um keinen Preis weh zu tun. Denn mählich wird klar: Der Treff ist wohl der letzte Versuch, eine einst heiße Verführung, die im dunklen Schrank begann und das Bett zerlegte, zu retten. Doch die Beziehung ist zu eingefahren, die streitauslösenden Rituale zu verfestigt. Die emotionalen Sturmwellen haben den Ehehafen längst verwüstet - Aufräumen zwecklos.

Der Text steckt voller weiser Beobachtung, feinsinnigem Wortwitz (Übersetzung: Sybille Uplegger) und ständigen Wendungen - Kocas weitreichende Tiefschläge bedürfen weder vulgärer noch gewalttätiger Form. Im ewigen Anfängerstatus bei Beziehungsfragen nehmen sich erwachsene Abendländische in Polen, Australien oder hier offenbar nichts. Die gemeine, finale Hilflosigkeit, schonungslos karikiert, bleibt am Ende haften und verhindert tosende Begeisterung. Und en passant erfährt man, warum der Kapitalismus ohne Gegner so düster scheint.

Als neunte Premiere seit dem Neustart des Schauspielteams vor zehn Wochen wird erstmals überhaupt das Foyer als Spielstätte genutzt. Nahezu ebenerdig und mit rund sechzig Plätzen wartet auch Ingrid Lausunds Satire "Benefiz - jeder rettet einen Afrikaner". Hausdramaturgin Kathrin Brune, die zum Start schon mit "Hautnah" eine dynamische Studiostudentenproduktion vorlegte, knöpft sich nun das dekadente Gutmenschentum vor. Lausands Vorlage bietet - verpackt in eine eskalierende Probe von nicht ausgelasteten Großstadtschauspielern - eine kluge, oft bitterböse Abrechnung mit der Gewissensmaschinerie im Benefizzirkus. Und mit dem neuen Unsinn beim Political-Correctness-Sprech. Schwierig dabei, die Balance zu behalten, um Gutestun und Gutsein nicht zu verwechseln oder bei diversen Entgleisungen ins Zynische zu rutschen.

Doch Brune inszeniert das prägnant mit genauer Typendefinition: Ein jeder scheint einer anderen (westdeutschen) Schulsozialisation entsprungen, so dass hier Welten aufeinander treffen: Maria Schubert spielt die genervte Christine, die als gefühlte Chefin als einzige Szenen streichen darf. Am meisten bei Leo (Grégoire Gros), der daraufhin gelangweilt stört. Am meisten nervt sie den geradlinigen Rainer, den Martin Valdeig kraftvoll-brummelig gibt. Lysann Schläfke spielt die wild-rappende, etwas naive Eva, die ebenso herrlich betroffen blicken kann wie Philipp von Schön-Angerer. Ihm bleibt der große Empörungsmonolog vorbehalten, der einige christliche Werte wie Barmherzigkeit und Nächstenliebe aus der Verpönt-Ecke hervorholt.

Parallel zum nun zehnteiligen Repertoire läuft eine bizarre Diskussion in der Chemnitzer Lokalpresse: Obwohl die mächtige, fünfspartige Chemnitzer Theaterkuh noch lange nicht vom schmelzenden Finanzierungseis ist - denn weder das ambitionierte Sparkonzept noch der dazu notwendige Haustarif sind in trockenen Tüchern -, nimmt man die Erhöhung der Auslastung beim Schauspiel (plus 22 auf 81 Prozent beim Großen Saal) und der absoluten Zuschauerzahl (über 4000 Besucher mehr entsprechen 55 Prozent plus gegenüber dem gleichen Zeitraum im Vorjahr) als Indiz für Beliebigkeit und "Konsenssoße". Eine Diskussion, die in der Landeshauptstadt nur ungläubig belächelt würde. In den Kulturräumen der Peripherie sowieso.

nächste Vorstellungen am Schauspiel Chemnitz: "Mein Name ist Soundso" am 27. Dezember; "Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner" am 29. Dezember, 19. & 28. Januar

www.theater-chemnitz.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.12.2013

Andreas Herrmann

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