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Mehr als Pärchen-Pop: Annett Louisan auf dem Weißen Hirsch

Mehr als Pärchen-Pop: Annett Louisan auf dem Weißen Hirsch

In den Bilderbüchern für kleine Mädchen hat der Prinz meist ein sonniges Wesen und reitet auf einem weißem Pferd. Nichts auf der Welt hat er zu tun, als die schöne (Fast-)Prinzessin wachzuküssen, sie vor bösen Feen zu retten oder aus Türmen zu befreien und sie hernach zur Frau zu nehmen.

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Schlager? Chanson? Sie macht etwas Anderes, Eigenes. Auch wenn immer noch ein Stück Kindchen-Schema durchschimmert bei Annett Louisan.

Quelle: Carola Fritzsche

Der Prinz, dem die großen Mädchen der Großstadt in heutiger Zeit verfallen, trägt nicht mehr eine Rüstung, sondern einen Armani-Anzug, nennt eine Limousine samt Chauffeur sein eigen und heißt schlicht Big, ist kein von und zu, sondern Mr. Big. In einer TV-Serie mit dem Titel "Sex and the City" hat er von der ersten Folge an bewiesen, dass er hin und wieder zum Retter taugt und auch durchaus kuss- wie koituswilig ist, letztlich aber komplett bindungsunfähig. Zu leiden hatte darunter die Hauptfigur Carrie, sechs Staffeln, sechs Jahre lang.

Die Suche nach Mr. Big inspirierte auch Annett Louisan zu einem Lied - und es fehlte nicht beim Konzert, das die Sängerin am Sonnabend auf dem Konzertplatz Weißer Hirsch gab. Dass die "Bude voll" war, freute Louisan sichtlich, nur mit der an dem schattigen Plätzchen herrschenden Kälte hatte sie dann mehr und mehr zu kämpfen. Nach der Pause verschwand sie glatt fluchtartig noch mal in den Backstage-Bereich, um sich ihre Jacke zu holen. Für den Moment half das, aber schließlich flüchtete sie mit dem Ausruf "Ich brauch' Körperwärme" - kurzfristig - zwischen Bassist und Bass. Insgesamt standen fünf (Begleit-)Musiker auf der Bühne, einer besser als der andere, jeder nach einem eingestreuten Solo ausgiebig gelobt. Und diese Wertschätzung wirkte nicht einstudiert oder gar aufgesetzt.

Während der Deutschpop beherrscht wird von Mittelstandsjungs, die unter ihrem Vor- und Nachnahmen (Enno Bunger, Maximilian Hecker) auf der Melancholiewelle surfend Gefühlszustände besingen, vor allem aber Trennungsschmerz in all seinen Facetten verarbeiten, ist es hier eine Frau, die sich mit Freud und Leid im Leben auseinandersetzt - und zudem en passant den Beweis antritt, dass Chansons, gern als dramatisches Gedicht in drei Minuten verstanden, nicht unbedingt auf Französisch geträllert werden müssen.

Annett Louisan, geboren in Havelberg und aufgewachsen in Hamburg, singt von Typen, deren Blick weder Leid noch Glück zeigt, hadert mit Eve, bei der aber "nie was schief" geht. Sogar Mama, die ins Netz will, ist ein paar Zeilen wert. Das Lied "Papillon" ist von einer Bittersüße, die wirklich jeden, der schon mal einen geliebten Menschen nach einer Diagnose ähnlich wie "nur noch ein Jahr" verloren hat, unter die Haut gehen dürfte. Und wenn sie bekennt, "allergisch gegen Pärchen" zu sein, sich an Pärchen und ihren Turteleien und sonstigen von den Schmetterlingen im Bauch hervorgerufenen Verhaltensweisen regelrecht abarbeitet, dann liegen sich die Pärchen im Rund trotzdem selig in den Armen - denn die zur Schau gestellte Abwehrhaltung Louisans hat ihre Ursache nur zu offenkundig im persönlichen Frust, wobei man jetzt allerdings nicht den Fehler machen sollte, das "Ich" in den Liedern mit der Künstlerin selbst zu verwechseln

Die Texte sind pfiffig, sind in der Regel zudem pure Poesie. Wer auch immer an den Texten Hand angelegt hat, sein Gespür für gute Bilder ist bemerkenswert. Gleichwohl werden Worte wie "Arschgeige" oder "Sauftourneen" eingestreut, auch das etwas, was die Lieder Louisans von dem, was man landläufig mit Schlager verbindet, deutlich abhebt. Aber auch ins Bild der klassischen Chansonsängerin passt sie nicht. Das Mondän-Verzweifelte, die starre pathetische Geste liegt ihr nicht. Sie ist schalkhaft, selbstironisch und immer wieder blitzt noch immer das Unbeschwerte, ja Kindlich-Freudige durch, wobei sich das früher gern benutzte Etikett "Naivchen" trotz des gelegentlichen charmesatten Wimpernklimperns weitgehend erledigt hat.

Für das letzte Lied (vor den Zugaben) besteigt Louisan das Riesenrad, das ergänzend der noch immer laufenden "Spuk unterm Riesenrad"-Inszenierung links von der Bühne steht, auf dem Weg dahin "zwei Menschen, kleiner als ich" mitnehmend. Nach ein paar Runden wird fast flehend der Wunsch "wir wollen raus" ausgesprochen. Jaja, wie hieß es noch ein paar Minuten vorher: "Vorsicht, zerbrechlich. Nicht berühren. Ist schon so vieles zerbrochen in mir."

Christian Ruf

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.08.2012

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