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Mehr Moderne bei den 3. Schostakowitsch-Tagen in Gohrisch

Mehr Moderne bei den 3. Schostakowitsch-Tagen in Gohrisch

Wo soll das bloß noch hinführen? In ihrem dritten Jahrgang haben sich die Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch am vergangenen Wochenende als wahrhaft weltoffenes Musikfest der Moderne etabliert.

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Gidon Kremer (l.) und Igor Levit.

Quelle: Matthias Creutziger

Zum Start vor zwei Jahren überwog noch das Bewusstsein des eingegangenen Risikos, voriges Jahr galt es, selbstbewusst Farbe zu bekennen und hinter einmal erreichtem Niveau nicht zurückzustecken. Inzwischen, längst Tradition geworden, die niemand mehr missen will, gilt Gohrisch als Treffpunkt einer weitreichenden Schostakowitsch-Gemeinde. Und kann es sich erlauben, das Gedenken an den 1975 gestorbenen Komponisten des Jahrgangs 1906 mit der Musik von Zeitgenossen und Nachgeborenen zu würzen.

Aus dem Blick zurück, der nach genau einem halben Jahrhundert den ersten Besuch von Dmitri Schostakowitsch in diesem Kurort musikalisch memorierte, ist ein energischer Griff in die Zukunft kreiert worden. Größere Vielfalt und mehr Moderne im Programm sowie eine nochmals gewachsene Internationalität sowohl bei den Interpreten als auch im Publikum sprechen eine sehr deutliche Sprache. Apropos: Wenn auf den Straßen von Gohrisch nebst allerlei deutschen Dialekten jetzt viel Englisch, Französisch und Russisch tönte, war das nicht nur den ausführenden Gästen geschuldet, sondern auch den an so einem Solitär interessierten Besuchern. Mehrere Konzerte waren vorab schon ausverkauft, zahlreiche Herbergen ausgebucht. So funktioniert Kulturtourismus unaufdringlich nonchalant - ein gutes Produkt, Unverwechselbarkeit (hier: Einmaligkeit), hohe Qualität und trotz engem Etat gewieftes Marketing.

Von Freitag bis Sonntag wurden insgesamt vier Konzerte geboten. Im wieder eigens zu diesem Zweck errichteten Konzertzelt (schon längst hätten Gemeinde, Region und speziell dieses Festival eine adäquate feste Spielstätte verdient) musizierten Mitglieder der Sächsischen Staatskapelle und der 1997 vom Geiger Gidon Kremer gegründeten Kremerata Baltika. Hinzu kamen namhafte Solisten sowie Fachleute, die den Geist des Ortes auch mit thematischen Exkursen wachriefen.

Diskussionen in den Wirtsstuben

Vier Konzerte, das klingt überschaubar. Doch schon deren Programmgestaltung beweist enorme Akribie und Kenntnisreichtum. Hinzu jedoch kamen exzellente Einführungen, Rundgänge auf den Spuren von Schostakowitsch, ein Vortrag sowie eine Film-Matinee. Was bei solchen Offerten nicht ausbleiben konnte, sind fruchtbare nächtliche Expertengespräche in diversen Wirtsstuben. Da wurde beispielsweise diskutiert, ob es denn legitim sei, ausgewiesene Schostakowitsch-Tage mit so viel Musik anderer Komponisten zu würzen. Vorherrschender Tenor: Nicht nur legitim, sondern notwendig, um Schostakowitschs Musik in ihrem Umfeld und mit deren Auswirkungen zu begreifen.

Ob just zur Eröffnung nicht doch besser ein originäres Werk des Meisters gepasst hätte, um den sich hier alles dreht, sei dahingestellt. Statt dessen gab es Mieczyslaw Weinberg (1919-1996), einen engen Freund und Weggefährten, für den sich Schostakowitsch mehrfach sehr stark gemacht hatte. Als deutsche Erstaufführung erklang am Freitag das 3. Streichquartett dieses lange verkannten Musikers, dem tags drauf ein brillanter Vortrag von Michelle Assay und David Fanning gewidmet wurde. Biografische Hintergründe und der Vergleich mit Weinbergs Streichtrio op. 48, das ebenfalls am Samstag interpretiert wurde, schärften genaues Hinhören. Zumal das Dresdner Streichquartett, dem auch das Irina Schostakowitsch gewidmete 9. Streichquartett von 1964 zu verdanken war, und die Musiker der Kremerata unterschiedliches Herangehen offenbarten - hier der Schwerpunkt eher auf technische Präzision, da ein mehr huldigender Interpretationsgestus. Ganz aus dem Geist der Musik heraus nahmen sich Mikhail Simonyan, Isang Enders und Igor Levit Schostakowitschs 1. Klaviertrio an und setzten mit der Sopranistin Evelina Dobraceva sowie den Sieben Romanzen nach Alexander-Blok-Gedichten erstmals den Gesang ins Gohrischer Festival. Zum gestrigen Abschluss gab es mit dem 1963 unter Kurt Sanderling in Berlin uraufgeführten Zyklus "Aus jüdischer Volkspoesie" erneut Vokalmusik, diesmal von der Sächsischen Staatskapelle unter Michail Jurowski ausgeführt und neben der russischen Sopranistin von ihren Landsleuten Marina Prudenskaya (Alt) und Vsevolod Grivnov (Tenor) mit enormer Akkuratesse und Emotionalität gesungen. Überhaupt - was wäre Gohrisch ohne Jurowski und die Kapelle? Von Anfang an mit dabei, haben sie sich hier längst als Experten und Hüter des Erbes von Schostakowitsch erwiesen, diesmal gekrönt mit seinen Zwei Stücken für Streichoktett op. 11und zwei weiteren Weinberg-Werken: der schwermütig-folkloristisch angehauchten Rhapsodie über Moldawische Themen und dem Concertino für Violine und Streichorochester mit einem durch und durch vergeistigt ausgeführten Solopart von Gidon Kremer, der bereits zuvor Alfred Schnittkes recht technizistisches Präludium in memoriam Dmitri Schostakowitsch solistisch präsentierte.

Berührungen mit jüdischer Musik

Kremer hatte im zweiten Kammerabend mit seinen Kremerata-Kollegen bereits die Teile des Publikums etwas verstörende Sonate "Rejoice!" von Sofia Gubaidulina sowie Schnittkes Klavierquintett vorgestellt und in letzterem erstmals zusammen mit dem Pianisten Igor Levit musiziert. Dass dieses Ausnahmetalent den Schostakowitsch-Tagen so treu bleibt, ist ein großer Gewinn, wie nicht nur dieser Abend - nach einem sphärischen Duo für Viola und Violoncello von Victor Kissine - bewies. Schon in seiner mit brandendem Beifall gefeierte Klaviermatinee gab der Solist ein Exempel für ausgereifte Virtuosität, nachdem er Frederik Rzewskis einst als unspielbar geltendes Werk "The People United Will Never Be Defeated" - 36 Variationen über einen chilenischen Revolutionszyklus mit Anleihen bei Eislers "Solidaritätslied" und dem italienischen "Bandiera rossa" - präsentiert hatte. Was für eine Matinee! Unglaublich souverän.

Den dramaturgischen Faden legten dieses Mal die unterschiedlichen Bezüge, die sich aus Schostakowitschs Schaffen ergaben. Künstlerfreundschaften und Handreichungen unter diktatorischen Bedingungen, aber auch Musikzitate, Fortentwicklungen und das Aufbegehren gegen Willkür. Dass sich viele Berührungspunkte mit der Musik jüdischer Autoren ergaben, liegt in der Historie begründet und wurde überaus deutlich im 1996 entstandenen Film "Le Violon de Rothschild" (Rothschilds Geige) von Edgardo Cozarinsky. Den gleichnamigen Tschechow-Stoff machte Schostakowitschs Schüler Benjamin Fleischmann zur Oper, der Meister orchestrierte das Werk und fand kaum offene Ohren dafür. Michael Ernst

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.10.2012

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