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Medienkunst-Ausstellung im Festspielhaus Hellerau öffnet Blick für die Kultur Taiwans

Medienkunst-Ausstellung im Festspielhaus Hellerau öffnet Blick für die Kultur Taiwans

Der Titel der Wanderausstellung, die seit Herbst 2013 durch Europa tourt und in ihrer letzten Station in Dresden Halt macht, klingt erst einmal, als hätten ihre Macher ein bisschen zu viel gewollt: "Schizophrenia Taiwan 2.0".

Kuratorin I-Wei Li erklärt die darin verborgenen drei Dimensionen dann aber doch recht schlüssig. Taiwan sei gewissermaßen ein Mikrokosmos, an dem man intensiviert alle Probleme der heutigen globalisierten Welt widergespiegelt fände. Der kleine Inselstaat (offiziell: Republik China/Taiwan), der bis heute diplomatisch von vielen Ländern nicht anerkannt wird, ist zudem geprägt von Widersprüchen. Einerseits gibt es hier eine hochtechnologisierte Gesellschaft, anderseits sind die alten asiatischen Traditionen allgegenwärtig. Auch das stark ausgeprägte nationale Identitätsgefühl bei gleichzeitiger gefühlter Abhängigkeit von China sei "schizophren". Das 2.0 im Namen ist eine Referenz an die digitale Revolution (nach dem Vorbild Heiner Müllers), die die jungen taiwanesischen Medienkünstler mit ihren Werken versuchen. Aufgewachsen in einem Land, in dem 80 Prozent der elektronischen Geräte der Welt hergestellt werden, sind sie sich den Risiken und Potentialen der Globalisierung bewusst und haben doch die gleichen Probleme wie alle anderen jungen Menschen weltweit.

Die 14 Installationen im ersten Obergeschoss des Festspielhaus Hellerau, in denen fast immer Videoprojektion zum Einsatz kommt, sind dementsprechend vielschichtig. Während sich Yu-Chin Tseng in seiner vierteiligen Videoinstallation "Shivering Wall" mit der Hoffnungslosigkeit und Destabilität der taiwanesischen Jugendlichen auseinandersetzt, indem er sie in fast schon barocker Schönheit zusammenbringt und den Raum dabei mit kraftvollen Bässen beschallt, dokumentiert Chi-Yu Wu in "The Nuclear Power Plant and the Dog" ein ungewöhnliches Phänomen: Neben jedem taiwanesischen Atomkraftwerk steht der Tempel einer Hundegottheit und verdeutlicht so den zwiespältigen Umgang Taiwans mit der Nuklearkraft. Ein eindrucksvoller und zugleich ironischer Kommentar zur Ikonisierung von Personen ist Chao-Tsai Chius interaktive Installation "The World of Fatigue - Chiang Kai-Shek & Mao Ze-Dong". Als schwarze Figuren stehen sich hier zwei verfeindete Staatsmänner gegenüber, die vom Besucher mittels riesenhafter Schlüssel aufgezogen werden können, um sich dann zu Spieluhrmusik voreinander zu verbeugen. Nicht nur hier sind die Besucher eingeladen zu einer Reflexion und Meditation über die Welt, erklärt der zweite Ausstellungskurator Pierre Bongiovanni. "Der Besucher soll sich fragen, warum bin ich hier, was macht diese Arbeit mit mir?" Die generelle Frage sei außerdem: Was kann Kunst bewirken in einer Zeit der Krise? Die Künstlerin Yi-Ya Chen hat diese Frage über mehrere Jahre thematisiert. Für ihre Arbeit "Dear President" hat sie Staatsoberhäupter auf der ganzen Welt angeschrieben und sie um Rücksendung ihres offiziellen Signums gebeten. Ihre Antwortschreiben, oft nebst unterschriebener Porträtkarte, sind Symbole repräsentativer Autorität. Die Tatsache, dass viele der Antworten nach China und nicht nach Taiwan adressiert sind, führt einmal mehr die Tatsache vor Augen, dass Taiwan durch die UN nach wie vor nicht als eigenständiges Land gesehen wird. Weitere Arbeiten beschäftigen sich mit der Kolonialgeschichte Taiwans, nehmen in einem Boot treibend eine Flüchtlingsperspektive ein oder zeigen Plastiksammler auf einer Müllhalde, die mit den verschiedenen Fundstücken ein Rock'n'Roll Konzert inszenieren.

Die überaus komplexe Ausstellung bildet den Abschluss der Hellerauer Veranstaltungsreihe TAIWANtoday. "Wir sind sehr glücklich, dass damit auch noch ein künstlerischer Aspekt neben die Tanz- und Performancedarbietungen gestellt werden konnte," erklärt Anna Bründl, künstlerische Mitarbeiterin des Festspielhauses Hellerau.

Zum Ausstellungsrundgang sollte unbedingt das kostenlos ausliegende Begleitheft mitgenommen werden. Während einige der Installationen allein aus sich heraus wirken, ist es bei vielen Arbeiten recht schwierig, ihren Sinngehalt zu entschlüsseln. Das handliche Heftchen erklärt kurz und knapp die jeweiligen kulturellen, politischen oder historischen Hintergründe, ohne dabei dem emotionalen Gehalt vorwegzugreifen.

bis 6. März, Festspielhaus Hellerau, Fr-So 14-19 Uhr sowie zusätzlich an Veranstaltungstagen eine Stunde vor der Vorstellung bis 22 Uhr kostenfrei zu besichtigen

www.hellerau.org/schizophrenia-taiwan

www.schizotaiwan.net

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.02.2015

Susanne Magister

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