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Max Raabe tritt in der ausverkauften Messehalle Dresden auf

Max Raabe tritt in der ausverkauften Messehalle Dresden auf

Er spielt mit einem spröden Charme, ergibt sich selten in lustvolle Verbalausflüchte, sondern beschränkt sich auf amüsante Anekdoten, erzählt von einem Ausflug auf den Mars nebst der absurden Situation, dass erwachsene Männer sich monatelang in einer Röhre einsperren lassen haben, damit sie die Situation für einen Marsflug möglichst authentisch nachstellen können.

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"Ich bin nur gut, wenn keiner guckt", sagte Max Raabe in der ausverkauften Messehalle und bewies das Gegenteil.

Quelle: Andreas Weihs

Max Raabe ist ein Kämpfer gegen das Vergessen, er will den Stil neu definieren, und dabei schlüpft er äußerst mutig in eine selbstkreierte Rolle, die ihm so perfekt passt, dass es kaum Grenzen gibt, die er überwinden oder umschiffen muss, damit das Publikum die Übergänge von Mensch und Idee nicht bemerkt.

"Ich bin nur gut, wenn keiner guckt", sagt er und meint das Gegenteil. Max Raabe läuft immer dann zur Hochform auf, wenn er sich austoben kann, mit dem Publikum spielt, die Menschen etwas hinters Licht führt und sie auffordert, die eigenen Sensoren wachzuhalten, damit nichts von seinem punktgenau geplanten Programm oder in einem Moment der Unaufmerksamkeit verloren geht. Von seinem - so kann gut und gern behauptet werden - Palast Orchester hofiert, betritt der Sänger seine Bühne. Im Hintergrund die elf Musiker und ihm zu Füßen eine ausverkaufte Messehalle. Er steigt, ohne eine Miene zu verziehen, ein ins Programm. "Gut, dass Sie da sind", sagt er, "an diesem Abend werden Sie keine Antworten auf die großen Fragen des Lebens bekommen." Auch das ist sicher mehr seine Form des Kokettierens, aber nicht ganz aus der Luft gegriffen.

Was Max Raabe als Antwort im Portfolio hat, ist ein schönes Bild der Musik der 20er und Anfang der 30er Jahre. Da schlängelt er sich gekonnt und gefühlvoll durch das gesamte Repertoire jener Texter und Komponisten. Er bemüht Erwin Bolt mit einem Paso Doble und erzählt die Geschichte der "Schönen Isabella von Kastilien", verführt das Publikum mit zartem Liebesspiel, indem er getreu der Vorlage von Kurt Weill betont: "Sprich leise, wenn du von der Liebe sprichst", und erzählt Nachbarschaftsgeschichten in der Manier von Bert Reisfeld. Letzteres passiert nicht ohne eine passende Geschichte, mit der das vergangene Lebensgefühl ins Hier und Jetzt geholt wird. Denn viele machen einen Fehler, sagt er, sie achten beim Hauskauf zu sehr auf das Dach und den trocknen Keller, zu wenig auf die Nachbarn. Denn was nützt ein saniertes Dach, wenn der Nachbar nicht ganz dicht ist.

In diesem Stil kann man sich einen Abend mit Max Raabe vorstellen, betonte Wortwahl, kleines Schmunzeln und ein Grundkurs in Sachen jüngerer Musikgeschichte. Das ist eine Mixtur, die den geneigten Hörer mit seinem überschwänglichen Applaus geradezu verschwenderisch umgehen lässt. Und so spannt Max Raabe einen angenehmen musikalischen Bogen, erklärt mit gleichbleibendem Tonfall, woher welcher Song kommt, schreitet dabei die Bandbreite von Fritz Rotter bis Bertolt Brecht ab, lässt den einen "Auf Wiedersehen, Herr Doktor! Auf Wiedersehen, Frau Doktor!" sagen und vom zweiten "Mackie Messer" am Kai spazieren gehen.

Aufgehübscht wird dieser Reigen von Eigenem oder besser gesagt dem, was Raabe sich gemeinsam mit Frau Humpe einfallen lassen hat. Genau das tat dem Konzert ungemein gut, denn immer, wenn die Songs etwas monoton wurden und die althergebrachten Melodien in Eintönigkeit wechselten, dann kam etwas Schwung in die Hütte, beispielsweise mit der Feststellung: "Für Frauen ist das kein Problem" oder "Küssen kann man nicht alleine", zwei von mehreren Titeln, die modern genug und unverbraucht wirkten, um den Staub von mancher Schellackplatte zu wischen und die Sinne neu zu schärfen.

Auf diesem Umweg gelang es dem Palastorchester und allen voran Max Raabe, an diesem Abend zu bewegen bis dahin, dass selbst der Kaktus vom Balkon geschubst werden konnte, ohne dass davon der Hörnerv nachhaltig angegriffen wurde. Schön gesungen, schön gespielt und schön unterhaltsam, das war Max Raabe in einer kühlen Messehalle, dafür mit Wärme in der Musik.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.01.2014

Stephan Wiegand

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