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„Mathis der Maler“ von Paul Hindemith erstmals an Dresdens Oper

Inszenierung „Mathis der Maler“ von Paul Hindemith erstmals an Dresdens Oper

Hindemiths Oper „Mathis der Maler“ ist kein romantisches Künstlerdrama, sondern eine biografisch begründete Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen um die persönliche Verantwortung des Künstlers angesichts bedrängender politischer Entwicklungen. Jetzt ist das Werk in einer Inszenierung von Jochen Biganzoli in der Semperoper zu sehen.

„Mathis der Maler“ mit dem Staatsopernchor, Michael Eder und Tom Martinsen in der Semperoper.

Quelle: Jochen Quast

Dresden. Für den Komponisten Paul Hindemith, 1895 in Hanau geboren, gestorben 1963 in Frankfurt am Main, war der Maler Matthias Grünewald, eigentlich Mathis Gothard Nithart, um 1480 in Würzburg geboren, kurz vor dem 1.9.1528 in Halle an der Saale gestorben, Schöpfer des berühmten Isenheimer Altars, einer „der größten Künstler, die wir je besaßen“. Hindemiths Oper „Mathis der Maler“ mit selbstverfasstem Text ist keine Biografie, kein romantisches Künstlerdrama, sondern eine biografisch begründete Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen um die persönliche Verantwortung des Künstlers angesichts bedrängender politischer Entwicklungen. Konkret bezieht sich Hindemiths Werk auf die Ereignisse in Deutschland seit 1933. Dass Hindemith mit der Arbeit an diesem Werk bereits 1932 begonnen hatte, belegt die Weitsichtigkeit des Komponisten, seine Sensibilität im Hinblick auf die bald darauf hereinbrechenden Ereignisse, von denen er persönlich zutiefst betroffen war. Paul Hindemith gehörte zu den verfemten Künstlern, wurde als „Bannerträger des Verfalls“ diffamiert, von Propagandaminister Goebbels, Leiter der Reichskulturkammer, in einer Rede vom 6. Dezember 1936 als „atonaler Geräuschemacher“ gebrandmarkt. Die in Frankfurt geplante Uraufführung der Oper wurde verboten, sie fand, am 28. Mai 1938, in Zürich statt, wurde vom Komponisten betreut, der inzwischen selbst in der Schweiz Zuflucht gesucht hatte. Der Versuch, „Mathis der Maler“ Ende der 50er Jahre in Dresden und auch erstmals in der DDR aufzuführen, scheiterte an kulturpolitischen Engstirnigkeiten, Hindemith sprach in einem Brief von Parallelen zur Nazizeit.

Fast 60 Jahre nach diesen gescheiterten Versuchen feierte nun am 1. Mai die Dresdner Erstaufführung unter der musikalischen Leitung von Simone Young in der Inszenierung Jochen Biganzolis erfolgreich Premiere. Das opulente Werk in Form einer Ideenoper bedeutet sowohl in musikalischer als auch in szenischer Hinsicht eine enorme Herausforderung. Die Partitur hat etliche undramatische Passagen, die oftmals monologisierenden und reflektierenden Gesangspartien, die an die Strenge alter Kirchentonarten erinnern, haben spröde Momente und stellen zugleich an die Protagonisten hohe stimmliche Ansprüche.

„Mathis der Maler „ mit Markus Marquardt in der Titelrolle (l) und Herbert Lippert

„Mathis der Maler „ mit Markus Marquardt in der Titelrolle (l.) und Herbert Lippert

Quelle: JochenQuast

In sieben Bildern führt Hindemith seinen Maler Mathis aus der Sorglosigkeit des vom mächtigen Mäzen, dem Kardinal Albrecht von Brandenburg, hofierten Künstlers in die zurückblickende Einsamkeit des Alters. Für dieses letzte Bild findet der Regisseur eine eindrückliche, berührende Lösung, von der aus sich die Inszenierung im Rückblick erschließt. Paul Hindemith, selbst als Violinist ausgebildet, spielte Weihnachten 1933 für die vom Naziregime Verfolgten im berüchtigten Berliner Untersuchungsgefängnis Moabit. In Biganzolis letztem Bild ist der einsame Mathis der verfemte Komponist vor leeren Notenpulten. Regina, die Tochter des toten Bauernführers Schwab, stirbt in der Oper, hier geht sie mit einem Köfferchen und ihrer Violine, den gelben Stern an der Jacke, in den Tod.

So wie auch Hindemith mit seinem Werk auf seine Zeit reagierte und mit den Fragen nach der Verantwortung des Künstlers rang, so reagiert der Regisseur als Künstler auf aktuelle Erfahrungen und stellt sie in den Kontext dieser Vergangenheit, deren Schoß, aus dem sie kroch, noch immer fruchtbar ist. Mit Zitaten und Projektionen ihrer Werke kommen Künstler wie Robert Longo, Roy Lichtenstein, Ernst Ludwig Kircher und Claude Monet in ihren Versuchen, die Wahrheit ins Bild zu setzen, zu Wort. In einer regelrechten Revue der Assoziationen des Ränkespiels der Mächtigen, mörderischer Ausschreitungen des Widerstandes, der persönlichkeitsentmachtenden Mechanismen des Marktes oder der hammerharten Gesetze eines pervertierten Kunstmarktes, die selbst vor dem Gekreuzigten nicht halt machen, lässt Biganzoli in opulenten Bildern die Zeiten des Deutschen Bauernkrieges, der Reformation und der Gegenreformation, in denen das Werk spielt, in Konfrontation mit Bildern gegenwärtiger Auseinandersetzungen wie eine Abfolge erschreckender Erinnerungen mit ihren noch erschreckenderen Gegenwartsbezügen auf den Zuschauer zukommen.

Die Bilder auf der von riesigen Staffeleien in weiß oder schwarz umrahmten Bühne von Andreas Wilkens im kunstvoll eingesetzten Licht von Fabio Antoci durchbrechen immer wieder, wenn nötig auch brutal, die sogenannte vierte Wand. Massige und massive, von Silvia Zygouris choreografierte Chorszenen entsprechen den Klangmassen des Komponisten. Der Staatsopernchor in der Einstudierung von Jörn Hinnerk Andresen wird immer wieder zum Hauptakteur.

Aus dem großen Sängerensemble sollen stellvertretend der Tenor John Daszak als Albrecht von Brandenburg mit heldisch-charaktervollem Anspruch, die Sopranistin Emily Dorn als Regina mit lyrischer Einfühlsamkeit oder Annemarie Kremer mit berührenden Facetten ihres jugendlich-dramatischen Soprans genannt sein. Insgesamt eine grandiose Leistung des Dresdner Sängerensembles. Markus Marquardt in der Titelpartie hat die Töne der inneren Zerrissenheit und des Zweifels ebenso wie die des Aufbegehrens, hat keine Scheu, im Sinne der Glaubwürdigkeit auch rauere Töne zuzulassen.

Simone Young am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden, mit minimalen Verunsicherungen wie gleich zu Beginn, versteht es aber besten,s die Vorzüge dieses Orchesters zum Klingen zu bringen. Auch wenn Hindemiths Instrumentierung nicht immer den Stimmen entgegen kommt, Simone Young nimmt den Klang zurück, ohne ihn zu beschädigen. Das dynamische Spiel der Staatskapelle kann somit gelegentlichen Schwächen der Partitur angemessen entgegen wirken.

Aufführungen: 4., 10., 15., 20. Mai

www.semperoper.de

Von Boris Gruhl

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