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Mathis Marquardt oder Markus der Maler: Dresdens „Hindemith-Sänger“ vor neuer Herausforderung

Neuinszenierung an der Semperoper Mathis Marquardt oder Markus der Maler: Dresdens „Hindemith-Sänger“ vor neuer Herausforderung

2009 sang der Bassbariton Markus Marquardt den Titelpart in der sehr erfolgreichen Neuproduktion der Oper „Cardillac“ von Paul Hindemith an der Sächsischen Staatsoper. Jetzt wird der Sänger als „Mathis der Maler“ erneut die Titelfigur einer Hindemith-Oper verkörpern.

Szene aus Hindemiths „Mathis der Maler“ mit Markus Marquardt in der Titelrolle in der Inszenierung an der Sächsischen Staatsoper Dresden.

Quelle: Frank Höhler

Dresden. Schubladendenken ist simpel: 2009 sang Bassbariton Markus Marquardt den Titelpart in der sehr erfolgreichen Neuproduktion der 1926 unter Fritz Busch in Dresden uraufgeführten Oper „Cardillac“ von Paul Hindemith. Das war seinerzeit eine echte Wiederentdeckung. Jetzt wird der Sänger als „Mathis der Maler“ erneut die Titelfigur einer Hindemith-Oper verkörpern, die zudem – 70 Jahre nach ihrer Stuttgarter Uraufführung – erstmals in Dresden gezeigt wird. Was läge da näher, als ein Schubfach für den „Hindemith-Sänger“ zu öffnen?

Markus Marquardt passt da nicht rein. Eben erst hat er in der Semperoper noch den Wotan in Wagners „Walküre“ gesungen, ganz bald schon gestaltet er diese Partie zudem in Leipzig. Auch an der dortigen Oper zählt er zu den gerngesehenen Gästen, in Dresden ist er aber seit 2000 schon festes Ensemblemitglied. Von hier aus zieht es den 1970 in Düsseldorf geborenen Künstler als Gast an große Häuser wie die Mailänder Scala, die Staatsopern von Hamburg, München, Stuttgart und Wien.

Nun steht die Premiere seiner zweiten Titelpartie in einem Werk von Paul Hindemith bevor. Trotz eines eng gestrickten Probenplans sind die Erinnerungen an den mordenden Goldschmied Cardillac noch recht frisch: „Die Möglichkeit zu bekommen, hier jetzt die zweite Hindemith-Oper auf die Bühne zu bringen und obendrein der erste Mathis in Dresden zu sein, das ist natürlich eine ganz tolle Chance und Herausforderung für mich.“ Allerdings weiß der Sänger auch ganz genau, wo die Parallelen und Unterschiede dieser beiden Bühnenfiguren liegen: „Naja, es sind schon zwei grundverschiedene Charaktere. Der Goldschmied Cardillac strebt danach, seine Pretiosen wieder zurückzuholen. Er geht dafür über Leichen. Der Mathis ist viel stärker dem Menschen zugewandt, auch dem Christentum.“

Die aktuelle Herausforderung sei daher eine mit neuem Profil, ist sich Marquardt bewusst. Das erfordere also ein anderes Herangehen, und hier fühlt sich der Sänger-Darsteller besonders gefragt: „Cardillac war ein Unmensch, ein Mörder, ein Besessener. Mathis wirkt dagegen wie eine Lichtgestalt, die von ihrem Darsteller natürlich auch einen neuen Zugang verlangt.“

Für Markus Marquardt scheint es von besonderem Reiz zu sein, die Vielschichtigkeit seiner Figuren bis ins Extrem auszuloten, wie er selbst nahelegt. „Das Schöne an diesem Beruf ist doch, dass man Sachen auf die Bühne bringen kann, die man im richtigen Leben nicht machen sollte, weil sie tabu sind.“ Identifizieren könne er sich mit solch diffizilen Charakteren allerdings nicht. „Das ist dann wieder das Interessante bei diesen so extremen Charakterstudien, dass man wirklich andere Ebenen des menschlichen Seins ergründen muss, Abgründe, die man im richtigen Leben gar nicht durchleben kann.“ Dennoch wirkt Marquardt selbst mitten im Probenprozess entspannt: „Ja, der Mathis macht Spaß, weil er ein Mensch ist. Er sieht in meinen Augen die Welt nicht nur schwarz und weiß, sondern versucht, als Mensch Menschlichkeit auch zu leben.“

Hindemiths Oper geht bekanntlich auf eine ferne Vergangenheit zurück und bezieht sich auf den berühmten Schöpfer des Isenheimer Altars, Matthias Grünewald. Über den weiß die Nachwelt relativ wenig. Markus Marquardt, in Vorbereitung dieser Partie extra nach Colmar gefahren, hat aber so seine Vermutungen: „Wenn man das Geschehen von damals ...“ – das Libretto stammt ebenfalls vom Komponisten Paul Hindemith – „... mit der heutigen Zeit in Dresden in Verbindung bringt, würde Mathis zumindest eine Art Vermittler sein. Der würde nicht auf Gut und Falsch plädieren, sondern Rückgrat zeigen und dafür vielleicht sogar sein Leben lassen.“

Was diese charakterlichen Unterschiede zwischen dem mordenden Goldschmied Cardillac und dem wesentlich menschlicheren Maler Mathis betrifft, da ist der Darsteller Markus Marquardt gefragt. Aber auch der Sänger muss sich auf eine deutlich anders gelagerte Partie einstellen: „Das macht den Mathis als Herausforderung für mich noch größer. Auf der einen Seite muss ich seht laut und präsent sein, dann aber auch pianissimo singen. Das beansprucht einen schon sehr.“

Doch Mathis Marquardt oder Markus der Maler – wie nahe Figur und Darsteller sich wirklich rücken, ist schwer zu durchschauen –, er sieht allen Grund, sich auf die Premiere am Sonntag zu freuen. Mit dem Produktionsteam um Regisseur Jochen Briganzoli und der Dirigentin Simone Young weiß er sich eins: „Ich bin total begeistert, weil diese Zusammenarbeit auf einer höchst professionellen Ebene stattfindet, in der aber die Menschlichkeit nicht auf der Strecke bleibt.“ Simone Young hat dabei den unschätzbaren Vorteil, Hindemiths „Mathis“ auch schon in Hamburg herausgebracht zu haben. Folglich empfiehlt Markus Marquardt alias Mathis der Maler diese Neuproduktion auch in wärmsten Tönen. „Diese Oper hat in ihrer Dresdner Erstaufführung die besten Voraussetzungen, an die Erfolge von ‚Cardillac’ anzuknüpfen“, gibt er sich überzeugt. Warum? „Weil wir auf eine gute Inszenierung verweisen können, eine hervorragende Musikalität, ein wunderbares Orchester in einem der schönsten Opernhäuser der Welt – und dazu ein Stück, das sehr selten gespielt wird, die Neugierde also anstacheln sollte.“

Also, Schublade hin oder her, nichts wie hin in die Semperoper zu „Mathis der Maler“.

„Mathis der Maler“, Premiere am 1.5., 17 Uhr, Semperoper

www.semperoper.de

Von MICHAEL ERNST

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