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Mary Wigmans Version von Strawinskys "Le sacre du Printemps" wieder auf der Bühne zu sehen

Mary Wigmans Version von Strawinskys "Le sacre du Printemps" wieder auf der Bühne zu sehen

"Dore, danke für den Brief. Ich sitze da mit schwerem Herz-Klopfen in der Blutbahn. Sacre du printemps - Berliner Festwochen im September - Städtische Oper und dortige Ballettgruppe.

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Die Dance Company vom Theater Osnabrück und das Tanztheater Bielefeld zeigen die Mary-Wigman-Version von "Le sacre du Printemps".

Quelle: Jörg Landsberg

Ich muss es machen, nachdem mich Mannheim dafür freigegeben hat. Ich will es auch, obwohl mir das Werk allein von der Musik her unbezwinglich scheint. (-) Nur chorische Lösung möglich aber eine Zentralfigur, in der Gestalt der geopferten und sich selbst opfernden Tänzerin. Nun Ja, es ist kein Wunder, dass ich vor den inneren Augen Dein Bild habe."

So schrieb Mary Wigman am 6. März 1957 an Dore Hoyer, um sie für die Rolle der "Auserwählten" zu gewinnen. Und alsbald begannen aufreibende Proben in Berlin; Dore Hoyer äußerte im Brief an Waltraud Luley vom 7. Juni, es sei "kein reines Vergnügen, Mary zu assistieren". Die beiden ebenbürtigen, tanzbesessenen, höchst verschiedenen Frauen, die jeweils tiefgehende biografische und künstlerische Wurzeln in Dresden haben, haderten bei dieser Arbeit ständig mit den gegebenen Umständen, verzweifelten an den "klassischen Leuten", an den Probenbedingungen, auch aneinander. Und Dore Hoyer bekannte, dass sie am liebsten davon laufen möchte, "weil ich es sinnlos finde, dass ich dabei bin".

Trotz aller Hürden aber brachte die Premiere am 24. September 1957 in der damals noch Städtischen Oper Berlin (im zweiten Teil des Abends gab es das Gemeinschaftswerk "Maratona di danza" von Henze/Visconti/Sanders) einen grandiosen Erfolg für Mary Wigman, und Dore Hoyer wurde vom Publikum endlos gefeiert. Dennoch blieb es bei einer überschaubaren Zahl von Aufführungen dieser "Frühlingsweihe", in die auch Wigman-Schüler sowie andere Tänzer mit einbezogen waren.

Wie aber kommt nun diese spektakuläre Inszenierung als Rekonstruktion justament an die Theater Osnabrück und Bielefeld? Zum einen auch dank der Initiative Tanzfonds Erbe der Kulturstiftung des Bundes, zum anderen, weil die Tanzdramaturgin und Tanzhistorikerin Patricia Stöckemann, die speziell mit der Wigman-Biografin Hedwig Müller bereits viele gemeinsame Projekte realisierte, am Theater Osnabrück arbeitet. Und natürlich ebenso das Tanztheater Bielefeld kennt. Voraussetzung für konkrete Schritte war aber zunächst die Aufarbeitung aller nur möglichen historischen Quellen; in den entsprechenden Tanzarchiven finden sich zwar Fotos, Briefe, Arbeitsnotizen, Skizzen und dergleichen mehr, doch es gibt keinerlei Filmaufzeichnungen. Und so wurden letztlich auch Mitwirkende der vor 56 Jahren entstandenen Choreographie mit ihren kostbaren Erinnerungen einbezogen, darunter zum Beispiel Katharine Sehnert und Emma Lewis Thomas, beide auch in Dresden gut bekannt. Wie stark die Bindung von Wigman und Hoyer zu Dresden war, muss wohl an dieser Stelle nicht mehr betont werden. Nur vielleicht, dass Dore Hoyer 1935/1936 zur Wigman-Tanzgruppe gehörte, ohne jemals Schülerin der Wigman gewesen zu sein - das war die Ausnahme!

Wer wagt, gewinnt. Das Experiment der Rekonstruktion brachte letztlich viel, viel Dank von allen Seiten, Jubel und Beifall. Auch für die im Rahmen der Möglichkeiten bestens motivierten Musiker des Osnabrücker Symphonieorchesters unter Leitung von Daniel Inbal. Schließlich ist es keine leichte Aufgabe, die "Sacre"-Komposition von Strawinsky für alle akzeptabel zu spielen, zudem in der Verquickung mit Tanz. Dass Henrietta Horn mit der "Sacre"-Einstudierung beauftragt wurde, hat sich als eine kluge Entscheidung bewiesen. Denn sie wie alle Beteiligten sorgten dafür, dass es eine lebendige, vom Tanz beseelte Aufführung ist und auch damit eine Annäherung an Mary Wigman. Henrietta Horn, deren eigene choreografischen Arbeiten kraftvoll und individuell sind, hat ihren und Wigmans Anspruch speziell in der chorischen Arbeit bestens vermitteln können. Und wenn die Körpersprache der 29 Tänzer der beiden mit Gästen erweiterten Ensembles heute etwas gelöster, "luftiger" erscheinen mag als im Original, dann liegt es wohl auch daran, dass der "Frühlingsweihe" und ebenso diesem unbedingten, aufopfernden Tanzwillen längst etwas von der Erdenschwere genommen ist.

Wie schwer es allerdings sein würde, eine "Auserwählte" herauszufinden, das war allen stets bewusst - eine Dore Hoyer lässt sich weder kopieren noch ersetzen. Und so suchte Henrietta Horn im vereinten Ensemble nach dieser Tanzdarstellerin, arbeitete letztlich mit sechs Frauen - und Hsiao-Ting Liao tanzte die begehrte Rolle zur Premiere in Osnabrück. So gut wie möglich, aber nicht so gut wie nötig. Was man der Tänzerin kaum anlasten mag - dafür bedarf es wirklich einer Auserwählten. Bei Gastspielen, zur Premiere in Bielefeld (17. 11.) und bei weiteren Aufführungen sind gewiss auch andere Tänzerinnen zu sehen. Und jede von ihnen wird versuchen, ihre Grenzen zu erreichen.

Zum Programm des Abends gehörten übrigens auch zwei Uraufführungen als neue Arbeiten der jeweiligen Ballettchefs. Die Dance Company vom Theater Osnabrück zeigte "Fiat Lux" von Mauro de Candia zu Musik von Arvo Pärt, das Tanztheater Bielefeld "Rauschen" von Gregor Zöllig zu Musik von Steve Reich, beides live musiziert.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.11.2013

Gabriele Gorgas

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