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Martin Walser las im Hygiene-Museum aus seinem neuen Roman „Ein sterbender Mann“

Lesung mit Stromausfall Martin Walser las im Hygiene-Museum aus seinem neuen Roman „Ein sterbender Mann“

Wenn er seine Prosa vorträgt, versetzt Martin Walser auch mit 89 Jahren noch seine Zuhörer in atemlose, gespannte Stille. Wie jetzt im Großen Saal des Hygiene-Museums, während draußen ein Gewitterregen rauschte. Am Montag las er Passagen aus seinem neuen Roman „Ein sterbender Mann“, der Anfang des Jahres erschienen ist.

Martin Walser

Quelle: dpa

Dresden. Wenn er seine grandiose Prosa vorträgt, versetzt Martin Walser auch mit 89 Jahren noch seine Zuhörer in atemlose, gespannte Stille. Wie jetzt im Großen Saal des Hygiene-Museums, während draußen ein Gewitterregen rauschte. Stehend, mal verlangsamende Pausen setzend, dann wieder mit leidenschaftlich gehobener Stimme las er Passagen aus seinem neuen Roman „Ein sterbender Mann“, der Anfang des Jahres erschienen ist.

Darin geht es um einen 72 Jahre alten Unternehmer, Theo Schadt, der von seinem besten Freund, dem Dichter Carlos Kroll, verraten wird, seine wirtschaftliche Existenz verliert und nicht mehr weiterleben will. Dann aber verliebt er sich, an der Kasse das Tangoladens seiner Frau Iris sitzend, Hals über Kopf in eine Kundin, Sina Baldauf – und will weiterleben.

Die Liebe schildert er als Naturgewalt: „Eine Explosion. Nur noch Licht. Grellste Helle.“ Diese überwältigende Erfahrung so zu beschreiben, gelinge einem Autor selten, meinte Verena Auffermann, Berliner Literaturkritikerin, die den Abend moderierte. Was Liebe vermag, begreift einer erstmals am Rande des Todes. Vielleicht leuchtet dies umso heller, weil es ansonsten ein äußerst dunkler Roman ist, eine Tragödie, die das schlimmstmögliche Ende nimmt.

Dritte auf dem Podium war die Sinologin Thekla Chabbi, die jenes Kapitel las, das sie zu dem Buch beigesteuert hat. Ihr hatte Walser bei einer Begegnung in Heidelberg von den Plänen für diese Geschichte eines Lebensmüden berichtet. Sie schickte ihm einen Link zu einem Suizidforum. „Es war genau das, was ich für den Roman brauchte.“ Menschen, die durch ihre Suizidalität sprachmächtig werden, sich unter Pseudonym öffnen. „Die dichten alle unter anderem Namen ihre Stimmungen hinein.“ Walser verfasste einen Forumeintrag von Theo Schadt, schickte ihn ihr. Sie antwortete unter dem Namen Aster – wie im Buch. So habe sie sich in seinen Roman hineingeschrieben.

Plötzlich: Dunkel, Stille mitten im Satz, Notbeleuchtung. Eine Viertelstunde Stromausfall. Etliche Zuhörer nutzen sie, um sich Bücher signieren zu lassen. So lange, bis es unter großem „Ah!“ wieder hell wird. Angesichts solchen Romanstoffes kann man der Versuchung nur schwer widerstehen, diesen Zwischenfall gleichnishaft zu interpretieren. Verena Auffermann jedenfalls vermeidet es vorsichtshalber, auch nur ein weiteres Wort über jenen großen Lichtblitz der Liebe zu verlieren.

„Ein sterbender Mann“ von Martin Walser

„Ein sterbender Mann“ von Martin Walser.

Quelle: Rowohlt Verlag

Dabei ist Liebe für Walser ein zentrales, umfassendes Phänomen, besonders für sein Schreiben. „Ich kann meine Figuren nicht anders als mit Liebe behandeln.“ Die negativen inbegriffen. Diesem Theo Schadt nun geschieht die Gefühlsüberwältigung zum ersten Mal. Das hatte Walser glaubhaft zu schildern. Dazu brauchte er noch etwas: Unschuld. Es ist eine der großen Szenen in diesem Buch geworden: ein alter Mann im emotionalen Ausnahmezustand und wie dessen Frau dies für einen Schlaganfall hält. Unschuld jedenfalls sei entscheidend, sagt Walser. „Unschuld ist das Wichtigste bei Liebe – basta!“ Verena Auffermann ist versucht, das Buch umzubenennen in „Ein liebender Mann“, wäre nicht bereits 2008 einer von Walsers Romanen unter diesem Titel erschienen.

Die Fähigkeit, sich selbst in verschiedenen Figuren zu vervielfältigen, traut der Autor auch anderen Menschen zu. Wenn man zum Beispiel mit Bekannten in kleiner Runde übereinkäme, etwas von seinem wirklichen Inneren preiszugeben. Und einer erzählt da eine peinliche Geschichte, geht so weit wie kein anderer und erntet prompt Beifall – aber nur, weil es die Geschichte eines anderen ist. Andernfalls wäre es wohl unerträglich. „Die Peinlichkeit abwehren, indem du eine Figur machst. Meine heißt Theo Schadt. Ob ich das bin oder nicht, ist völlig egal – das ist die ganze Schriftstellerei.“

Martin Walser: Ein sterbender Mann. Rowohlt. 288 S., 19,95 Euro

Von Tomas Gärtner

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