Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 2 ° wolkig

Navigation:
Google+
Martin Helmchen spielt in Dresden das "Monstrum": Prokofjews 2. Klavierkonzert

Martin Helmchen spielt in Dresden das "Monstrum": Prokofjews 2. Klavierkonzert

Am heutigen Sonnabend ist erneut Martin Helmchen Solist im Konzert der Dresdner Philharmonie. Der hoch gelobte junge Pianist ist in dieser Spielzeit Artist in residence des Orchesters und wird das 2. Klavierkonzert Sergej Prokofjews interpretieren.

Voriger Artikel
Kool Savas als enttäuschender "Märtyrer" in der Reithalle Dresden
Nächster Artikel
Gedenkkonzerte in Dresden mit der Philharmonie, der Staatskapelle und dem Kammerchor der Frauenkirche

Martin Helmchen

Quelle: Giorgia Bertazzi

Im Gespräch mit Sybille Graf erzählt er, warum das Werk zu seinen Lieblingsstücken gehört und zieht eine Zwischenbilanz der Residence.

Frage: Herr Helmchen, Sie kommen aus der Probe für Prokofjews 2. Klavierkonzert, das Sie mit der Dresdner Philharmonie unter Michael Sanderling im Albertinum interpretieren werden. Vor nur einer Woche haben Sie das Konzert in Salzburg und Udine musiziert, ebenfalls mit Michael Sanderling, aber mit dem Konzerthausorchester Berlin. Wie fühlt sich der so unmittelbare Wechsel zwischen den Orchestern an? Oder ist der Unterschied, da der selbe Dirigent am Pult steht, zu vernachlässigen?

Martin Helmchen: Wenn man das selbe Stück mit dem selben Dirigenten innerhalb so kurzer Zeit mit zwei Orchestern spielt, kann man tatsächlich nicht sagen, dass sich da innerhalb einer Probe eine Orchestercharakteristik durchsetzen würde. Präsenter ist die veränderte Akustik, der andere Flügel... Ich bin sowieso eher dafür, den speziellen Klang für das jeweilige Stück, den Komponisten, die Epoche zu suchen, als einen spezifischen Klang dieses einen Orchesters, den man überall drauflegen müsste.

Wie vertraut ist Ihnen das Prokofjew-Konzert?

Es ist eines meiner Lieblingsstücke, es spielte schon im Studium eine große Rolle. In letzter Zeit ist es sehr populär, quasi ein Schlachtross unter den Klavierkonzerten, geworden. Öffentlich gespielt habe ich es aber erst vor einem Jahr das erste Mal. Ich werde meist für deutsch-österreichisches Repertoire eingeladen, musste erst eine Weile insistieren, bis ich mal Prokofjew spielen durfte.

Warum ist ausgerechnet dieses verteufelt schwere "Schlachtross" eines Ihrer Lieblingsstücke?

Die große pianistische Herausforderung - eine der größten überhaupt - reizt natürlich, sich ihr zu stellen. Sie lebt von Erfindungen, die vorher keiner in einen Klavierpart komponiert hat. Zudem hat das Konzert einen eindrücklichen Hintergrund. Kurz nachdem Prokofjew mit der Komposition begonnen hatte, beging ein enger Freund Suizid. Unter diesem Eindruck stehend setzte Prokofjew die Arbeit fort, und ich finde, dass es wie kaum ein anderes Stück ein auskomponierter Schicksalsschlag ist. Fast in jedem Ton spiegelt sich die katastrophale Gemütslage wieder. Das macht das Werk sehr besonders, denn solche biografischen Zusammenhänge werden zwar gern drübergeschrieben, sind aber selten in der Musik wiederzufinden.

Das Werk steht am Tag nach dem Konzert zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945 zusammen mit der auch dort erklingenden 11. Sinfonie von Schostakowitsch auf dem Programm. Beeinflusst das Ihre Sicht auf Prokofjews Musik?

Ich hoffe sehr, dass etwas von der Atmosphäre des Gedenkkonzerts noch hinüberstrahlt. Meiner Ansicht nach passt das Konzert sehr gut in diesen Rahmen. Die einkomponierte persönliche Katastrophe lässt sich weiterdenken auf die Katastrophe einer Stadt, eines Landes, eines Kontinents... Und vom Klangbild her erinnert viel an Krieg, an Weltuntergang. Diese größere Dimension drängt sich geradezu auf.

Ihre Zeit als Artist in residence bei der Philharmonie ist zur Hälfte um - wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?

Eine Residence ist immer etwas Schönes, weil man sich wirklich kennenlernt, wenn man innerhalb weniger Monate wieder aufeinandertrifft und an Vorangegangenes anknüpfen kann. Es sitzt der gleiche Konzertmeister da, auch andere Musiker kenne ich gut, nicht zuletzt Michael Sanderling, mit dem mich eine an vielen Orten erprobte Freundschaft verbindet. So fühlt sich die Verbindung zur Philharmonie jetzt wirklich nach einer persönlichen an, und das ist genau das, was man sonst bei Auftritten mit Orchestern nicht hat.

Gemeinsam mit Michael Sanderling hatten Sie für die Residence den Schwerpunkt auf Klavierkonzerte der Romantik gelegt...

Diesen roten Faden zu haben, die Gattung des großen romantischen Virtuosenkonzerts anhand dreier so unterschiedlicher Werke mit den gleichen Leuten auszuloten, macht einfach Spaß.

Es folgt dann am 6. Mai noch ein Kammerkonzert mit Musikern des Orchesters im Hygiene-Museum. Inwieweit entspringt das Programm mit Werken von Mozart, Schumann, Schubert Ihrem Einfluss?

Ich habe den Musikern eine lange Liste mit Vorschlägen gegeben und wollte, dass sie sich etwas aussuchen. Mein einziger Wunsch war, dass auch Bläser dabei sein sollten. Als Pianist spielt man in der Kammermusik naturgemäß häufiger mit Streichern. Aber es gibt so tolle Literatur für Klavier und Bläser, deshalb bin ich sehr froh, dass die Schumann-Stücke (Drei Romanzen für Oboe und Klavier op. 94 und Fantasiestücke für Klarinette und Klavier op. 73, d.A.) mit auf dem Programm gelandet sind.

Sie sind gerade Anfang 30, haben schon viel erreicht. Wohin soll es noch gehen?

Abgesehen von den vielen Stücken, die ich noch nicht gespielt habe, ist selbst die Beschäftigung mit schon aufgeführten Werken - etwa einer Bach-Partita - jedes Mal spannend. Natürlich sind da Repertoire-Wünsche wie die zyklische Aufführung von Schubert-Sonaten oder Bach-Suiten. Oder solche hinsichtlich musikalischer Partnerschaften, zum Beispiel, ein bisschen mehr mit Sängern zusammenarbeiten zu können. Aber das bahnt sich jetzt an: mit Juliane Banse und mit Matthias Goerne, mit dem ich jüngst erstmals einen Liederabend bestritten habe.

Die instrumentale Kammermusik hat enorm viele Facetten, die auszuloten jede Menge Stoff bietet. Warum jetzt auch noch Liederabende?

Weil ich es am Ende bereuen würde, nicht die wichtigen Schubert- oder Schumann-Lieder gespielt zu haben. Zudem ist das Singen die natürlichste Form von Musik, und gerade wir Pianisten sind darauf angewiesen, Eindrücke von anderen Instrumenten und vor allem von Sängern in unser Spiel einzubauen. Das Gesangliche kann das Klavier ja eigentlich nicht, daher muss man es immer per Illusion hervorzaubern. Da lernt man als Pianist von Sängern unglaublich viel.

Apropos lernen: Wie lernt man solch ein Monstrum wie das Prokofjew-Konzert auswendig?

Monstrum ist wirklich das richtige Wort. Da vieles technisch extrem schwer ist, muss man so viel üben, dass es sich irgendwann automatisiert, man also motorisch lernt. Das funktioniert für gewöhnlich bei mir gut, hier aber gibt es Stellen - im zweiten Satz etwa mit den vielen Kurven, die das Perpetuum mobile nimmt -, da reicht das nicht mehr aus. Das lerne ich mathematisch, mit Zahlen und Buchstaben. Und drittens kommt das visuelle Lernen dazu. Man muss also tatsächlich alle Register ziehen, um da durchzukommen.

Martin Helmchen musiziert am heutigen Sonnabend, 19.30 Uhr gemeinsam mit der Dresdner Philharmonie unter Michael Sanderling im Albertinum. Auf dem Programm stehen Prokofjews Klavierkonzert Nr. 2 und Schostakowitschs Sinfonie Nr. 11. Nach momentanem Stand ist das Konzert ausverkauft.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.02.2015

Sybille Graf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Onlineabo

    "DNN-Exklusiv" heißt das Online-Premiumangebot der Dresdner Neuesten Nachrichten, dass Sie überall und rund um die Uhr nutzen können - zu... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten DNN das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr