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Martin Flämig, früherer Kreuzkantor, wäre 100 geworden

Martin Flämig, früherer Kreuzkantor, wäre 100 geworden

Wenn des italienischen Barockmeisters Francesco Durantes Motette "Misericordias Domini in aeternum cantabo" - Ich will singen von der Gnade des Herrn ewiglich - in den Vespern und Konzerten des Kreuzchores unter Martin Flämig erklang, dann war damit zugleich das Lebensmotto des Kantors zu hören.

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Martin Flämig, vermutlich Ende der vierziger Jahre aufgenommen.

Quelle: privat

Dieses "Ich will singen" bedeutete ihm, wie gesagt worden ist, "Lebensinhalt und Verpflichtung, Freude und Zuversicht zugleich".

Flämig konnte zwar die bereits nach dem Tod des Amtsvorgängers Rudolf Mauersberger vollzogene Verstaatlichung des Chores nicht mehr rückgängig machen, die von den DDR-Behörden angedachte personelle Aufspaltung des Kreuzkantorats in den "geistlichen" Kantor und einen "weltlichen" Chorleiter verhinderte er jedoch. Fortan musste er mit dem Kompromiss leben, das 1982 für den Chor eigens ein SED-Direktor eingesetzt wurde, mit dem er sich zu arrangieren hatte.

Längst besteht kein Zweifel mehr, dass sich die Leistungen des 26. evangelischen Kreuzkantors, als der er im Frühjahr 1971, noch von seinem Vorgänger für die Nachfolge empfohlen, reibungslos ins Amt kam, gleichrangig unter die der bedeutendsten Inhaber der Position einreihen. Auch hat er auf eigene Weise durchaus würdig das Erbe Mauersbergers fortgeführt, selbst wenn er weniger als dieser ein ausgesprochener Spezialist in der Arbeit mit einem Knabenchor war. Sein Chorideal war eher der große orchesterbegleitete Oratorienchor. Und er konnte wohl auch besser mit Erwachsenen als mit Jugendlichen und Knaben arbeiten, woraus sich manche Konflikte (vor allem während seiner späten Amtsführung) erklären lassen. Gern verband er darum den traditionellen Kreuzchorklang, den er lebendiger, dynamischer bewegt, weniger statisch als der Vorgänger pflegte, mit dem gemischter Chöre wie Beethovenchor, Singakademie, Philharmonischer Chor und anderer Vereinigungen, zumal er nicht nur das althergebrachte Repertoire des Kreuzchores bediente, Musik des 16. bis 18. Jahrhunderts, insbesondere Schütz und Bach, sondern bevorzugt Kompositionen des 19. und 20. Jahrhunderts ins Spiel brachte, die nicht unbedingt für die Transparenz des Knaben- und Jungmännerchorklanges vorbestimmt waren. Zwangsläufig ergaben sich in künstlerischer, stilistischer und klanglicher Hinsicht Akzentverschiebungen.

Dabei war Martin Flämig - zahlreiche Rundfunk-, Fernseh- und vor allem Schallplattenaufnahmen belegen dies - unstrittig ein hervorragender und auch international hochgeschätzter Chorleiter, der Chor und Orchester gleichermaßen beherrschte und mitriss. In der Orchesterführung verfügte er zudem über mehr Souveränität als sein Vorgänger. Daraus resultierte nicht zuletzt, dass er, ohne die traditionellen geistlichen Aufführungen (besonders der Großwerke Bachs) in der Kreuzkirche zu vernachlässigen, regelmäßig in den Konzerten der Dresdner Philharmonie mit Oratorieninterpretationen aufwartete und mit den Kruzianern und den Philharmonikern neben gemeinsamen Gastspielen im Inland, in beiden Teilen Berlins, auch auf Tourneen nach Österreich, in die Schweiz und nach Japan ging.

Für die Chorsinfonik des 20. Jahrhunderts hatte er ein besonderes Gespür. Da erklangen u.a. Kompositionen von A. Honegger, G. Fauré, M. Duruflé, P. Constantinescu, I. Strawinsky, T. Martin, W. Burkhard, B. Britten, Z. Kodály, B. Bartók, S. Veress, A. Schnittke, P. Dessau, S. Köhler, U. Zimmermann, R. Kunad. Aber auch die Interpretationen klassischer Werke der Musica sacra bekamen ihre festen Plätze im Arbeitsplan des Kreuzchores, so von Mozart, Beethoven, Mendelssohn, Liszt, Bruckner, Brahms, Dvorák, Verdi, Reger und anderen. Ebenfalls verschloss sich der Kreuzkantor nicht der sogenannten historischen Aufführungspraxis, sofern sie nicht die Lebendigkeit seiner Interpretationen alter Musik beeinträchtigte. Die schon von Mauersberger gepflegte Zusammenarbeit mit dem von Hans Grüss gegründeten und geleiteten Leipziger Spezialensemble "Capella Fidicinia" aktivierte Flämig insbesondere für Schallplattenproduktionen der Werke von Schütz und seinen Zeitgenossen. Mit dem 1952 gegründeten Dresdner Spezialensemble für alte Musik auf historischen Instrumenten, der "Cappella Sagittariana", wirkten Kantor und Chor gleichfalls erfolgreich zusammen.

Bereits in der dem Kreuzkantoriat vorausgegangenen Wirkungszeit Martin Flämigs als Kantor der Versöhnungskirche in Dresden-Striesen (1948-1959) in der Nachfolge seines ersten Lehrers Alfred Stier und zugleich als Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Kirche in Sachsen sowie als Mitbegründer und erster verdienstvoller Leiter (1949-1959) der Sächsischen Landeskirchenmusikschule (der heutigen Hochschule für Kirchenmusik) zeichneten sich die Grundlinien seiner späteren Arbeit ab. Unter den komplizierten äußeren Bedingungen der Nachkriegszeit gelang ihm der Aufbau des Institutes, für das er hochqualifizierte Dozenten gewann, wie die Organisten Karl Frotscher, Hans Otto, Hans-Heinrich Albert, ferner Erich Schmidt (Chorleitung) und Herbert Gadsch (Musiktheorie). Ab Frühjahr 1950 konnten dann noch heute genutzte Räumlichkeiten auf dem Käthe-Kollwitz-Ufer 97 bezogen werden.

Neben dem Einsatz für die neue Kirchenmusik begründete Flämig für die Versöhnungskirche eine Bach-Tradition. Nachdem er 1959 nach persönlichen Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen mit der Landeskirche um das Profil der Kirchenmusikerausbildung sowie Kritik an seiner Amtsführung das Direktorat der Kirchenmusikschule und das Kantorat der Versöhnungskirche niedergelegt hatte, verlagerte er sein Tätigkeitsfeld bis 1971 - übrigens mit Zustimmung der DDR-Behörden - in die Schweiz. Nicht weniger als neun verschiedene Ämter begleitete er in dieser Zeit. Er leitete zeitweise die Berner und Basler Münsterkantorei, die Chöre der Predigerkirche Zürich, der Stadtkirchen Thun und Biel, die Seeländischen und Bieler Lehrergesangvereine, war Chordirektor bei Radio Zürich und Lehrbeauftragter am Konservatorium Bern.

Als er die Berufung zum Kreuzkantor in Dresden erhielt, reduzierte er zwar seine Schweizer Verpflichtungen, realisierte jedoch daneben noch immer einen gewichtigen Teil davon, so dass er allmonatlich, meistens am Steuer seines eigenen Wagens, mindestens eine, oft mehrere Fahrten in die Schweiz und zurück nach Dresden unternahm. Die Kreuzorganisten Herbert Collum (gest. 1982) und Michael-Christfried Winkler (seit 1983) sorgten gelegentlich, wenn Kantor und Kreuzchor durch Auftritte im In- und Ausland verhindert waren, für Vertretung in den Vespern.

Vor allem aber hatte seit 1971 Flämigs Assistent und ständiger Vertreter Kantor Ulrich Schicha die Aufgabe, sämtliche musikalische Vorbereitungen und Einstudierungen des Chores im Sinne des Kreuzkantors, wann immer dies notwendig wurde, auszuführen. Schließlich musste er den Alternden und Kränkelnden immer häufiger auch in Vespern, Gottesdiensten und Konzerten vertreten. Der gewissenhafte, pädagogisch und musikalisch kompetente, bei den Kruzianern sehr beliebte Schicha tat sein Bestes, den häufig abwesenden "Chef" zu ersetzen, dem er loyal verbunden war.

Da dessen menschliches Verhältnis zu den Sängerknaben, insbesondere zu den älteren, wegen Vorkommnissen im disziplinarischen Bereich zuletzt sehr gespannt war und man ihm sogar unterstellte, in der DDR-Zeit mit seiner Kompromissbereitschaft zur verstärkten Einflussnahme staatlicher Instanzen auf den Chor beigetragen zu haben, was jedoch nicht den Tatsachen entsprach, schwelten schon länger Konflikte zwischen Kreuzkantor und Chor. Als allerorten in den Herbsttagen des politischen Wendejahres 1990 künstlerische Institutionen (und nicht nur diese) ihre Leiter "abschüttelten", waren die auch beim Kreuzchor eintretenden Turbulenzen nichts Einzigartiges, gleichwohl aber Belastendes. Martin Flämig sah sich aus seinem Amt gedrängt. Er stellte es sogleich für eine Neuausschreibung zur Verfügung. Bis zur Wahl eines Nachfolgers wollte er seine Pflichten noch erfüllen.

Doch dazu kam es nicht mehr, denn am Tage nach einem Weihnachtsliederabend, am 4. Dezember 1990 im Kulturpalast, wo er inzwischen korrekt auf dem Programmzettel als Kreuzkantor angegeben wurde (vorher vermied man hier in Eigenveranstaltungen des Hauses das geistliche Amt und nannte lediglich den Nationalpreisträger, Professor und GMD), zog er sich "aus gesundheitlichen Gründen" plötzlich von der Leitung des Kreuzchores zurück, die sogleich kommissarisch am folgenden Tage Kantor Ulrich Schicha übertragen wurde.

Die letzten Jahre hat Martin Flämig vorzugsweise in seinem Schweizer Anwesen verlebt. Hier besuchte ihn der gegenwärtige Kreuzkantor Roderich Kreile noch vor seinem Amtsantritt im Januar 1997 und etwas später nochmals in Dresden zusammen mit einer Gruppe von Kruzianern, die mit ihrem Gesang etwas Freude in das Leben des Verbitterten, schon von Krankheit Gezeichneten, brachten. Am 13. Januar 1998 starb er 84-jährig. Auf dem Waldfriedhof Weißer Hirsch fand er seine letzte Ruhestätte. In der Kreuzkirche wurde seiner in einer ergreifenden Trauerfeier gedacht, deren inhaltliche Gestaltung von ihm selbst festgelegt worden war.

Veranstaltungen des Fördervereins Dresdner Kreuzchor zum 100. Geburtstag Martin Flämigs am 7. September:

11 Uhr Andacht am Grabe M. Flämigs auf dem Waldfriedhof Weißer Hirsch

14 Uhr Gedenkveranstaltung im Mauersberger-Saal des Hauses der Kirche (auf Einladung)

17 Uhr Kreuzchorvesper in der Kreuzkirche

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.08.2013

Dieter Härtwig

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