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Markus Poschner vertrat Kurt Masur bei der Dresdner Philharmonie

Markus Poschner vertrat Kurt Masur bei der Dresdner Philharmonie

Sicher haben viele an Musik Interessierte schon lange vor dem 7. Außerordentlichen Konzert der Philharmonie innerlich gejubelt, denn wenige Wochen vor der Schließung des Kulturpalasts ist Beethovens Neunte so etwas wie ein Abschiedsgeschenk.

Noch dazu sollte Kurt Masur, der Ehrendirigent des Orchesters, die Leitung übernehmen. Dieser Plan musste allerdings revidiert werden, weil sich Masur in Paris bei einem Sturz ein Schulterblatt gebrochen hat und noch nicht wieder arbeiten kann. Zum Glück war Markus Poschner frei und konnte einspringen. Und vom ersten Gastdirigenten der Philharmonie durfte man zu Recht erwarten, dass er Beethovens Sinfonien Nr. 8 und 9 gut genug kennt und somit trotz der Übernahme keine Änderung des vorgesehenen Programms nötig wurde. Das ist in unserem Konzertbetrieb keine Selbstverständlichkeit und verdient, besonders hervorgehoben zu werden.

Zu hinterfragen ist jedoch, ob die Kopplung der beiden Sinfonien Beethovens eine sinnvolle Zusammenstellung ist. Herbert Kegel, der im In- und Ausland als Spezialist für die 9. Sinfonie galt, hat bei Dirigaten bei deutschen Orchestern dieses Werk fast immer einer kontrastierenden zeitgenössischen Komposition gegenübergestellt, um ein Gegengewicht zur wohlfeilen Erwartungshaltung des Publikums und zum naiven Optimismus in Schillers Ode "An die Freude" zu schaffen. Das war also eine völlig andere Kategorie als Beethovens Allzeithit und hat bei vielen Zuhörern einen heilsamen Schock und manchmal sogar radikale Ablehnung hervorgerufen. Masurs Kombination macht die 8. Sinfonie zu einem Vorspiel der Neunten, was sie nicht verdient hat, weil sie damit ihre Eigenständigkeit verliert und zu einem Zubehörteil degradiert wird. Das stellt ein Entwertung dar und setzt falsche Akzente. Ein Vergleich mit der Kochkunst drängt sich auf: Vorspeise und Hauptgang sollten nicht die gleichen Zutaten haben.

Schlusssatz der Neunten ein Nationalheiligtum

Immerhin kann Poschner bescheinigt werden, dass er trotz dieser etwas unglücklichen Werkwahl auch der 8. Sinfonie F-Dur op. 93 zu ihrem Recht verhalf. Betont kämpferisch und durchsetzungsfreudig war der Grundcharakter des ersten Satzes, so dass dessen scheinbare Ziellosigkeit durch einen festen Halt wettgemacht wurde. Den gleichen Gestus gab er auch dem dritten Satz mit seinem Signalcharakter, der als Aufbruch in ein neues Zeitalter gedeutet werden kann. Überdeutlich waren die dynamischen Kontraste im Finalsatz, in dem die Themen, einige von ihnen als Wiederholungen aus den anderen Sätzen, durch die Register wandern und die Intensität zum Ende hin immer stärker zunimmt.

Für viele ist "Beethovens Neunte" ein fester Begriff und repräsentiert die Gattung der Sinfonie schlechthin. Vor allem der Schlusssatz mit seiner eingängigen Melodie stößt beim Publikum auf so viel mitgebrachte Begeisterungsbereitschaft, dass kaum je gesagt werden kann, ob der Schlussbeifall - einen großen Teil des Publikums hielt es nicht auf den Sitzen - dem Werk oder dessen Wiedergabe, also den Interpreten gilt. Im Lauf der Zeit ist dieser letzte Satz eine Art Nationalheiligtum mit höchster emotionaler Wertigkeit geworden. An Deutungen und ideologischen Vereinnahmungen mangelt es wahrlich nicht, so dass hier auf jeden Versuch, etwas Neues zu sagen, verzichtet werden muss. Er bliebe platt und würde nur tausendmal Gesagtes wiederholen. Poschner, der wieder mit weit ausholenden Bewegungen dirigierte, machte die Brüchigkeit des Kopfsatzes erfahrbar. Die vielen Wiederholungen von Themen machen die Gestaltung schwierig; Beethoven war dann doch etwas zu redselig. Am Ende geriet dieser Satz einigermaßen martialisch. Mürrisch, grimmig und eine Spur ruppig präsentierte sich der zweite Satz, während das Adagio zum lyrischen Zentrum der Interpretation wurde.

Mit dem Finale ist die Grenze der "absoluten Musik" erreicht. Verblüffend, dass die tiefen Streicher bei der Vorstellung des Themas im Finale beinahe unhörbar und zugleich unglaublich präsent waren. Die philharmonischen Chöre, von Matthias Geissler und Jürgen Becker bestens vorbereitet, sangen tadelsfrei und besonders in den extrem hohen Passagen intonatorisch sicher. Manchmal allerdings war der Klang zu stark nach den Kinderstimmen hin verschoben. Melanie Diener, Sopran, und der eher lyrisch als heldisch singende finnische Tenor Jorma Silvasti vollbrachten das Wunder, eigentlich unsingbare Partien überzeugend wiederzugeben. Die Mezzosopranistin Carolin Masur ist leider an keiner Stelle solistisch zu erleben. Und René Pape gehört immer noch zum Besten, was man im Bassfach überhaupt auf allen Kontinenten finden kann.

Beifall. Viel Beifall. Sehr viel Beifall. Mehr ist nicht zu erwarten. Aber weniger auch nicht. Peter Zacher

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.05.2012

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