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Mark Benecke stellte in Dresden seine Biografie über den Rechtsmediziner Otto Prokop vor

Mark Benecke stellte in Dresden seine Biografie über den Rechtsmediziner Otto Prokop vor

Otto Prokop fotografierte Leichen. Viele Leichen. Nicht aus einer schrägen Neigung heraus, sondern weil das zu seinem Berufsbild gehörte, war er doch Leiter der Rechtsmedizin an der Charité in Berlin.

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Mark Benecke veröffentlichte jüngst seine Biografie über Otto Prokop.

Quelle: Das neue Berlin

Und zwar zu DDR-Zeiten. Gut 40 000 Leichen hat der gebürtige Österreicher im Laufe seiner Karriere auf dem Seziertisch gehabt. Darunter etwa den Grenzsoldaten Egon Schultz, der im Kugelhagel der eigenen Leute starb. Der Bericht Prokops wurde vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) einkassiert, es blieb bei der offiziellen Propagandamär, der westliche Fluchthelfer habe den tödlichen Schuss abgefeuert.

Nun ist das Fotografieren von Leichen so eine Sache. Man kann verdammt viel falsch machen. Durch die gekrümmte, oft glänzende Oberfläche der Haut "verblitzen" Leichenaufnahmen leicht, das heißt, es gibt auf der Aufnahme weiße Flecken. "Prokop entwickelte eine spezielle Methode, wie man Leichen fotografiert", teilte der Kriminalbiologe Mark Benecke nun bei Thalia am Dr.-Külz-Ring mit, wo er - präsentiert von den DNN - seine Biografie Prokops vorstellte. Die fotografische Leidenschaft ließ Prokop "nie los", schreibt der Autor, der daran erinnert, dass der Mediziner so viele Fotoapparate sammelte, dass er dem Kulturbund der DDR später 300 Stück davon schenkte. Zu seinen Schätzen gehörte auch eine in Dresden entwickelte Kamera, mit der man mit 10 000 Bildern pro Sekunde Zeitlupenaufnahmen machen konnte. Mit dieser Kamera ist der Film "Wie verhält sich die menschliche Haut beim Eintritt eines Projektils", ein Klassiker seiner Art, wenn man so will, entstanden.

Otto Prokop, geboren 1921 in St. Pölten, beendete, nachdem er an der Ostfront gedient hatte, sein Studium der Medizin 1948 in Bonn. In den folgenden Jahren machte er sich einen Namen mit wissenschaftlichen Studien und Arbeiten, etwa zu Blutgruppenmerkmalen. 1956 schließlich erhielt Prokop den prestigeträchtigen Ruf an die Berliner Charité, die personaltechnisch auf dem letzten Loch pfiff, weil Wissenschaftler und Ärzte der Diktatur des Arbeiter- und Bauernstaates in Scharen entflohen. Ein Jahr später übernahm er mitten im Kalten Krieg dort die Leitung der Rechtsmedizin. Er wohnte auch dort - "seine Kinder spielten im Keller Verstecken", ließ Benecke wissen.

Prokop, den der Sozialismus als solcher nicht interessierte, der einfach forschen wollte, schrieb mehr als 60 Bücher, darunter ein noch heute anerkanntes Standardwerk, den "Atlas zur gerichtlichen Medizin", verfasste 600 kleinere wissenschaftliche Aufsätze und hielt 500 große Themenvorträge. Seine Forschung auf den Gebieten der Blutgruppenkunde und Genetik brachten ihm wie der DDR internationale Reputation ein. Die Liste der Auszeichnungen und Preise für Prokop reicht vom Nationalpreis erster Klasse über die "Medaille der Waffenbrüderschaft" bis zum japanischen "Stern der aufgehenden Sonne mit goldenen Strahlen". Zur Stasi habe Prokop ein "nonchalantes Verhältnis" gepflegt, er habe die Abteilung IX "zu Recht als Ansprechpartner für strukturelle Fragen und nicht als bedrängendes Überwachungsorgan" gesehen, schreibt Benecke. Prokop, der zum DDR-Reisepass auch einen bundesdeutschen Pass hatte, durfte ungehindert in den Westen reisen, brachte sogar oft die offiziell verhasste und nicht geduldete Bild-Zeitung mit, sogar in die MfS-nahe Ausbildungsstätte für Kriminalistik an der Humboldt-Universität.

Aber nicht immer muckte er auf. Im Fall des Massakers von Katyn, wo die Sowjets 1940 tausende polnische Offiziere getötet hatten, sagte Prokop nichts - obwohl er es dank seiner Kontakte zu Kollegen besser wusste. Die Akte, die Prokop zu Katyn anlegte, verschwand nach der Wende aus dem Panzerschrank des Büros von Prokop, so Benecke.

Was Prokop gar nicht abkonnte, waren selbstgerechte Sätze wie "Das habe ich mir schon gedacht", was für den unermüdlichen Forschergeist laut Benecke nichts weiter als "postmortales Herumklugscheißern" war. Was Prokop ebenfalls richtig nervte, ja ihn zur Weißglut trieb, waren Parawissenschaften jeglicher Art. Wünschelrutengängerei, Homöopathie, Akupunktur, alternative Medizin waren dem weltgewandten Österreicher, der sich Zeit seines Lebens stilsicher kleidete und mit einer Ader für Sarkasmus ausgestattet war, samt und sonders ein Gräuel. Prokop summierte das unter dem Stichwort "Nonsens-Wissenschaft".

Im Januar 2009 starb Otto Prokop, der sich nach der Wende zurückgezogen hatte und fast zum Phantom geworden war, im 87. Lebensjahr - und ist heute weitgehend vergessen.

Mark Benecke: "Seziert - Das Leben von Otto Prokop". Verlag Das Neue Berlin, 304 Seiten, 19,99 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.10.2014

Christian Ruf

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