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Maria Stuart in Zittau

Maria Stuart in Zittau

Eine mit kräftigen Strichen gezeichnete "Maria Stuart" bescheren Barbara und Jürgen Esser dem Zittauer und Görlitzer Publikum als Schiller-Wahlinszenierung des Gerhart-Hauptmann-Theaters im Jahre 2015. Über die Popularität des Stoffs bzw.

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Maria Stuart (Kerstin Slawek) sucht Hilfe am Hofe - unter anderem bei Amias Paulet (Sabine Krug).

Quelle: Pawel Sosnowski

der enthaupteten Königin und femme fatale des 16. Jahrhunderts sagt das freilich wenig, wenn bei der vielleicht satirisch gemeinten Abstimmung lediglich die kaum bekannte Übersetzung des "Parasiten" von Picard zur Alternative stand.

Wie gleich, wie nahe einander sie hier im gleichen zarten Unterkleid scheinen, die rötlich-brünette Elisabeth (Renate Schneider) und die dunkle Maria (Kerstin Slawek). Doch, Männer ziehen Frauen an, stecken sie in betörende Roben und pressen sie damit zugleich in vorgegebene Rollen. Unversehens erscheinen sie als Antipoden: die eine in steifer, düster-eleganter Robe, die andere schwelgerisch romantisch in blassfarbenem Tüll. Beide von nun an preisgegeben einer Männerwelt, die meist im Hintergrund ihre Ränke schmiedet. Uniform und neumodisch steckt sie in eitlen, seidig glänzenden schwarzen Anzügen, die freilich einschließlich der fast unauffälligen Halskrausen von einer Frau entworfen wurden (Erzsébet Rátkai).

Auch für den grotesken Schauplatz hat mit Beate Vogt eine Frau gesorgt. Ihr Bühnenbild ist ein anachronistischer Kunst-Raum, in dem die Spiel- und Bedeutungsebenen nicht nur einfach miteinander verschränkt, sondern mittels krasser Stilbrüche in eine verstörende Unordnung gebracht sind. Auf der einen Seite verschwindet Maria Stuart in einem winzigen Wohnwagen, der auf einem mit Stacheldraht eingezäunten, mit Plastikabfällen zugemüllten Gelände abgestellt ist. Auf der anderen lädt gelegentlich eine barockisierende Sitzgruppe zu diplomatischem Diskurs, während einigermaßen mittig eine Freitreppe in höhere, freiere Gefilde führt.

Zwar ist es für einen Augenmenschen zunächst unglaublich schwer, vor diesem Hintergrund dem Schillerschen Text zu folgen, doch das gibt sich. Jegliches Grübeln über tiefere Bedeutung muss man sich aber sparen, denn es fehlt die einerseits Zeit angesichts des vorgelegten Tempos, andererseits erzählt und verhandelt sich die Geschichte in abstrahierter Konstellation mit wahrhaft bestechender Klarheit. Alles wird reduziert auf das leicht durchschaubare Macht- und Intrigenspiel der Männer. Die Frage, welche Königin eigentlich die rechte sei, spielt kaum eine Rolle. Es sieht aus, als fänden sich am englischen Hof außer dem redlichen, aber biederen Talbot (Marc Schützenhofer) nur ein paar bornierte oder hilflose Beamte bzw. Bürokraten sowie zwei Doppelagenten, die sich gegenseitig ausstechen. Da genügt dann ein gewiefter, eitler Bösewicht, der die Übersicht behält und planvoll die vermeintliche Katastrophe herbeiführt, nämlich Burleigh. Stefan Sieh spielt ihn so glatt kalt und genüsslich, dass dagegen nur die kühle, aber zugleich sensible Hoheit Elisabeths bestehen kann. Ohne das drohende Joch einer staatlich verordneten Zwangsehe mit folgender Gebärpflicht könnte die das Rennen freilich noch ganz anders gestalten, wie die jüngste deutsche Geschichte beweist. Die geplante Allianz mit Frankreich und deren Auflösung bleibt aus anderen Gründen Episode, ohne dass die mögliche Tragweite sichtbar wird.

Talbot wird wie gehabt seine Stellung am Ende aufgeben. Seine Entrüstung scheint allerdings etwas geheuchelt, wenn er sich wie hier unterstellt bewusst an einem üblen Spiel beteiligt hätte, mit dem die beiden Königinnen im Showdown geradezu vorgeführt werden in einer hysterische Szene, die auf den Traum einer innig schwesterlichen Begegnung folgt. Wie Kampfhähne hält man sie am Gummiband, sie werden angestachelt und zugleich vom Äußersten abgehalten, demütigend zu Boden gezerrt, die eine von Talbot, die andere von Leicester, dem feigen, doppelt verhinderten Liebhaber (David Thomas Pawlak). Da bleibt keine Chance zur Einfühlung, sondern ein nur mit Distanz zu betrachtender zynischer Opportunist, schlimmer noch als der fanatische Verschwörer Mortimer (Stefan Bestier).

Unter der Aufsicht eines stumpfen Wertstoffhof-Wächters (Tilo Werner) und eines diensteifrig wuselnden, seine Redlichkeit geschickt verbergenden Paulet (Sabine Krug) fällt es Slawek nicht leicht, der Maria Stuart eine annähernd königliche Würde zu erhalten. Ihr Charakter wird einerseits kaum hinterfragt, sie erscheint durch die grotesken Umstände weder besonders beeindruckt noch karikiert oder bloßgestellt. Nachdem die Utensilien ihres letzten Abendmahls wie andere nicht mehr benötigte Requisiten auf den Müll fliegen, geht sie ihren letzten Gang in einer vielleicht heroisch gemeinten, aber nicht gerade nachvollziehbaren Gewissheit und Verklärung im Glauben. Ihr Abschied von der irdischen Welt fällt mangels dazu erforderlicher Partner recht lapidar aus, die Exekution auf einem zu vermutenden Elektrischen Stuhl im Wohnwägelchen gleicht einer Farce.

Da wird vieles gewollt ungereimt, aber jedenfalls sehr schwungvoll vorgetragen, und so ist durchaus dafür gesorgt, dass die Spannung nie abreißt. Freilich werden so eher alte und neue Vorurteile bedient, als ernsthaft nach der Verkettung von Ursachen und Wirkungen oder gar historischen Prozessen zu fragen. Wer aber "seinen" Schiller ein wenig zu kennen meint, wird trotzdem spüren, wie vielfältig interpretierbar dessen Sätze sind. Am Ende großer Beifall für ein sichtbar engagiertes Ensemble.

Aufführungen: heute,24. und 25. April in Zittau, 2. und 9. Mai in Görlitz

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.04.2015

Tomas Petzold

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